Anti-Terror-Krieger in Pakistan: "Was kann ich mehr geben als beide Beine?"

Von , Rawalpindi

Tausende pakistanische Soldaten wurden im Anti-Terror-Krieg getötet, Tausende verwundet. Sie verloren Arme, Beine, sind traumatisiert. Gleichzeitig wird Pakistan als heimlicher Unterstützer der Taliban angeprangert - für die jungen Versehrten ist das erschütternd.

Opfer der Taliban: Pakistans junge Kriegsversehrte Fotos
Hasnain Kazim

Mohammed Yassin erinnert sich genau an die Bombe, die am Straßenrand lag, auf dem Weg in den Ort nahe Miranshah in Nordwaziristan. Extremisten haben in dieser Region in den pakistanischen Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan die Macht, nicht der pakistanische Staat.

Es ist eine schwarze, schuhkartongroße Kiste, die Yassin auffällt, eine IED, Abkürzung für "Improvised Explosive Device", wie sie diese zusammengebastelten Sprengkörper nennen, Gebilde aus Sprengstoff, Nägeln, Schrott und Schrapnell. "Das ist die mit Abstand gefährlichste Waffe der Taliban", sagt er.

Yassin und seine Kameraden sind im Kampfauftrag draußen. Es heißt, da seien Aufständische in einem ganz bestimmten Dorf. Sie sollen sie "neutralisieren". Die Soldaten sagen "neutralisieren", sie meinen damit "töten". Es klingt weniger schlimm. Es klingt mehr nach Ausführen eines Auftrags, weniger nach Auslöschen von Menschenleben.

Yassin, Dienstgrad Gefreiter, soll die Bombe begutachten und anschließend entweder entschärfen oder kontrolliert sprengen. "Aber das Ding hatte einen Sender. Und wir wurden von den Taliban beobachtet. Als ich genau davor stand, zündeten sie es per Fernsteuerung."

Tausende von Soldaten mit künstlichen Beinen

Yassins linkes Bein wird abgerissen. "An die folgenden zwei Stunden kann ich mich nicht erinnern. Nur, dass ich irgendwann in einem Krankenhaus aufwache, und der Arzt mir sagt, er habe mein Bein unterhalb des Knies amputieren müssen." Seine Kameraden haben ihn im Geländewagen aus der Gefahrenzone gebracht und in ein Krankenhaus im nahegelegenen Kohat gefahren.

Zehn Monate verbringt er in Kliniken. Jetzt übt er das Gehen mit seiner Prothese im Rehabilitationszentrum der pakistanischen Armee in Rawalpindi, nur wenige hundert Meter vom Armeehauptquartier entfernt. Tausende von Soldaten bekommen hier künstliche Beine oder Arme. Sie lernen, ihr Leben als Kriegsversehrte zu akzeptieren.

So wie der Gefreite Noor Shad, ein Athlet, auf den die pakistanische Armee stolz ist. Er trat vor gut einem Jahr auf einen Sprengsatz am Straßenrand, ebenfalls in den Stammesgebieten. "Ich weiß noch, wie mein linker Fuß neben mir lag. Ich nahm ihn in die Hand und spürte keine Schmerzen. Im ersten Moment konnte ich nicht begreifen, dass das mein Fuß sein soll. Von meinem Arm tropfte Blut. Erst da sah ich, dass auch mein Arm zerfetzt war." Mit der verbliebenen Hand band er sich den Arm ab, um die Blutung zu stoppen. Ärzte amputierten später sein Bein. Mit seiner Prothese kann er inzwischen wieder rennen, er träumt davon, in vier Jahren an den Paralympics teilzunehmen.

Yassin und Shad sind mit dem Leben davongekommen, zwei von insgesamt 11.463 Verwundeten, die die pakistanische Armee seit 2004 bis Ende Oktober im Anti-Terror-Krieg gezählt hat. Gefallen sind bis dahin 3585 Soldaten. Pakistan hat damit mehr Soldaten im Kampf gegen die Taliban verloren als alle Nato-Staaten zusammen in Afghanistan, wie die Armee regelmäßig betont.

Anti-Terror-Krieger fühlen sich nicht gewürdigt

Das hat auch damit zu tun, dass die Streitkräfte ihre Leistungen, ihre Opfer nicht gewürdigt sehen. Sie tauchen nur als Zahlen auf, als bloße Meldung: Wieder sind im Kampf gegen Aufständische so und so viele Soldaten ums Leben gekommen, so und so viele wurden verletzt. Über ihre Schicksale, wer sie waren, wo sie herkamen und, falls sie überlebt haben, wie ihr Leben weitergehen wird, darüber berichtet niemand. Selbst einheimische Zeitungen nicht. Das Militär, einst in der Bevölkerung geachtete Institution, hat sich nach vier Diktatoren in der 65-jährigen Geschichte Pakistans, nach mehreren verlorenen Kriegen gegen Indien und nach ständiger Einmischung in die Tagespolitik unbeliebt gemacht. Der Drohnenkrieg der USA in Westpakistan und der tödliche Schlag gegen Osama Bin Laden lassen die Streitkräfte nun auch noch als unfähig dastehen.

Kaum ein Minister oder Parlamentarier hat das Rehabilitationszentrum für Kriegsverwundete besucht. Viele wissen nicht einmal von dieser Einrichtung. Der Krieg gegen Terroristen ist ein Krieg ohne Helden, aber wenn ein Krieg überhaupt so etwas wie Helden hervorbringt, dann sind sie es, diese jungen Männer mit den verstümmelten Körpern. Aber sie sind die vergessenen Soldaten, Kanonenfutter, Menschenmaterial.

"Wir sehen im Fernsehen, wie Präsident Obama oder Senatoren die Särge von gefallenen amerikanischen Soldaten am Flughafen abholen und ihrem Militär Respekt zollen", sagt einer. "Um uns schert sich kein Mensch."

Sie sind in die Mühlen der Geschichte geraten, wo Regierungen um Macht in der Welt kämpfen, nicht um das Wohl der Menschen. Die USA kritisieren Pakistan regelmäßig dafür, nicht energisch genug gegen Extremisten vorzugehen, nicht genug zu tun im Anti-Terror-Krieg. Für die Soldaten klingt das wie Hohn. "Was kann ich mehr geben als beide Beine?", fragt der Soldat Zaheer Abbas, dem bei einer IED-Explosion der Unterleib zerfetzt wurde. Er empfinde Wut auf alle, die mehr verlangen von Pakistan, aber auch auf die Taliban, die schuld sind an seiner Misere.

Gemeinsame Sache mit Dschihadisten

Die Soldaten, die meisten mit wenig Schuldbildung und aus armen Familien, verstehen nicht, weshalb alle Welt sie verdächtigt, in Wahrheit mit den Taliban unter einer Decke zu stecken.

Tatsächlich gab es mehrfach Anlass zu der Vermutung, dass die Extremisten Informationen aus inneren Zirkeln der Armee erhalten hatten, zum Beispiel bei dem spektakulären Angriff der Taliban auf das Armeehauptquartier vor drei Jahren.

Und tatsächlich hat das Militär Jahrzehnte lang gemeinsame Sache gemacht mit Militanten. In den achtziger Jahren bildete es - mit finanzieller Hilfe aus den USA - Dschihadisten aus, die in Afghanistan gegen die sowjetischen Besatzer kämpften und die Rote Armee vertrieben. Fortan ließ die pakistanische Armee, sechstgrößte der Welt, auch an ihrem Hauptkonfliktherd, der von Pakistan und Indien beanspruchten Provinz Kaschmir, Aufständische die Schmutzarbeit erledigen.

Mehrere Dschihadistengruppen wurden gegründet, die das Militär unterstützte. Bis auf Laschkar-i-Toiba, die "Armee der Reinen", haben sich alle im Laufe der Jahre gegen den pakistanischen Staat gewendet, weil der Ende 2001 auf Druck aus Washington Anti-Terror-Partner der USA wurde. Es sei nicht ihr eigener Krieg, sondern der Krieg der USA, den sie auf eigenem Boden führten, gegen eigene Landsleute, empfinden selbst viele ranghöhere Offiziere. Dass Pakistans Regierung dabei zum Beispiel nicht energisch gegen Lashkar-i-Toiba vorgeht, unter anderem verantwortlich für die Terrorangriffe in Mumbai, liegt daran, dass Islamabad sich nicht noch einen weiteren Feind schaffen will.

Ebenso widersetzt sich die Armee dem Appell der Amerikaner, gegen das Haqqani-Netzwerk in Waziristan vorzugehen; Mitglieder dieser Organisation sind der härteste Gegner der Nato in Afghanistan, doch die pakistanische Armee befürchtet neue Anschläge im eigenen Land, sollte sie den Kampf gegen das Netzwerk aufnehmen.

Religion und Familie als "beste Medizin"

Dass die Militärs Teile der Taliban unterstützen, erklären Generäle in Hintergrundgesprächen damit, dass die Nato "eines nicht allzu fernen Tages abziehen wird aus Afghanistan", Pakistan aber "auf alle Ewigkeit mit dem Nachbarn klar kommen" müsse. Das Machtvakuum, das durch den Abzug entsteht, soll mit denen gefüllt werden, die Pakistan gewogen sind - und das sind nach pakistanischer Lesart, da Indien die Gegner der Taliban unterstütze, eben die Taliban. Diese Woche erst wurden wieder Extremisten aus pakistanischer Haft entlassen, um die Gespräche mit den Taliban voranzubringen. Die pakistanische Generalität ist getrieben von der Angst vor dem übermächtigen Nachbarn Indien.

Der Preis für das Doppelspiel ist Terror. Die pakistanischen Taliban haben sich zu einem tödlichen Gegner des Staates entwickelt. Pakistans Wirtschaft ist dramatisch eingebrochen, die Regierung spricht von Verlusten von 80 Milliarden Dollar. Investitionen aus dem Ausland bleiben seit Jahren aus, der Tourismus ist eingebrochen, der Ruf des Landes beschädigt.

Während Generäle Machtpolitik betreiben, ruinieren junge Soldaten ihr Leben auf Schlachtfeldern im eigenen Land. Was ihnen hilft, ist die Religion. "Wie in der ganzen Gesellschaft sind auch die Soldaten sehr gläubig", sagt Major Ali Diyal, der selbst vor acht Jahren, als junger Leutnant, ein Bein bei einer Bombenexplosion verlor und dessen rechte Gesichtshälfte zerschmettert wurde. "Der Islam hilft, das Schicksal zu akzeptieren."

"Ich kann mich nicht daran erinnern, dass einem pakistanischen Soldaten jemals ein Mittel gegen Depressionen verschrieben wurde", sagt General Akhtar Waheed, der Leiter des Rehabilitationszentrums. Psychische Betreuung würden sie aber erhalten, denn ein Körperteil zu verlieren, sei ein traumatisches Erlebnis, vergleichbar mit dem Verlust eines Kindes. Zudem helfe das System der Großfamilie, das den Soldaten Halt biete.

Die Armee zahlt den Veteranen, je nach Grad der Verwundung, eine Entschädigung und sorgt dafür, dass sie ihren Dienst in den Streitkräften fortsetzen können. In einem Land ohne staatliches Sozialsystem, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen muss, ist das viel wert.

Auch die Soldaten Yassin, Shah und Abbas sagen, ihr Schicksal sei "Allahs Wille", den sie akzeptieren würden. Auch fernab von Vorgesetzten erzählen Soldaten, Religion und Familie seien die "beste Medizin". Dass sie wirke, zeige die Tatsache, dass es in der pakistanischen Armee so gut wie keine Selbstmorde gebe, sagen sie. Die Selbstmordrate unter Soldaten westlicher Staaten sei dagegen dramatisch angestiegen. Die pakistanische Armee gibt die Zahl der Suizide in ihren eigenen Reihen mit null an.

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Fläche: 796.000 km²

Bevölkerung: 184,753 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Mamnoon Hussain

Regierungschef: Nawaz Sharif

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Zur Person
Hasnain Kazim wurde 1974 im niedersächsischen Oldenburg geboren. Er ist der Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer und wuchs in zwei Welten auf. Den Weg seiner Familie von Indien über Pakistan nach Deutschland hat er in dem Buch "Grünkohl und Curry" beschrieben, das 2009 bei dtv München erschien. Seit 2009 ist er Südasien-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE und den SPIEGEL mit Sitz in Islamabad, Pakistan.