Antisemitismus: Die Stadt der Geister

Im Juli 1941 wurden im ostpolnischen Jedwabne mehrere hundert Juden von ihren polnischen Nachbarn erschlagen. Noch heute tun sich die Bewohner schwer mit der Erinnerung. Die polnische Journalistin Anna Bikont hat den Ort besucht. Protokoll eines Dramas, das nicht vergehen will.

Vor fünf Jahren tönte uns der Name eines kleinen Städtchens im Osten Polens ebenso laut wie unangenehm in den Ohren: Jedwabne. Der amerikanisch-polnische Historiker Tomasz Grosz hatte zuvor ein Buch namens "Nachbarn" geschrieben, in dem er schilderte, wie im Juli 1941 etwa 1600 Juden von ihren polnischen Nachbarn in einem Pogrom umgebracht worden sind. Polen erschienen erstmals nicht nur als Opfer deutscher Nazi-Besatzung - sondern als Täter, die sich an ihren wehrlosen jüdischen Nachbarn vergriffen hatten. Die Offenbarung dieses lange gehüteten dunklen Geheimnisses war ein Schock für das Land.

Gedenkfeier in Jedwabne zu Ehren der ermordeten Juden (im Juli 2001): "Mein Leben war nichts wert
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Gedenkfeier in Jedwabne zu Ehren der ermordeten Juden (im Juli 2001): "Mein Leben war nichts wert

Das Buch von Jan Tomasz Gross "Nachbarn", in dem die schrecklichen Ereignisse vom Juli 1941 minutiös beschrieben werden, wurde zwar bereits im Mai 2000 veröffentlicht. Aber es musste in Polen erst einige Zeit vergehen, bis das Thema "Jedwabne" im Frühjahr 2001 zum Gegenstand einer großen öffentlichen Debatte wurde. Die darauf folgende Diskussion um polnischen Antisemitismus während des zweiten Weltkriegs war zweifellos eine der wichtigsten Auseinandersetzungen der dritten Republik Polen. Die kleine Ortschaft an der Peripherie Polens verschwand Monate lang nicht von den Titelseiten der Zeitungen und vom Bildschirm. Das Buch, "Wir aus Jedwabne", an dem ich damals angefangen habe zu arbeiten, und das im Sommer 2004 veröffentlicht wurde, beschreibt nicht nur die Gewalttat, sondern auch, was anschließend passierte. Ich recherchierte, was 60 Jahre lang mit den Beteiligten geschah. Ich sprach mit Überlebenden, mit den Mördern, mit unbeteiligten Zeugen. Was ich herausfand, ist bitter. In Jedwabne gibt es kein Happy End.

Täter werden glorifiziert

Die einzigen, denen es heute sehr gut geht, sind die Brüder Laudanski. Viele Historiker und Journalisten halten sie für mitverantwortlich für das Pogrom vom 10. Juli 1941. Sie leben noch immer als zufriedene ältere Herren in Masuren, die stolz wiederholen, dass sie immer polnische Patrioten waren. Über einen der Brüder wurde sogar ein Buch veröffentlicht, in dem sein Leben glorifiziert wird. Vor kurzem habe ich in der weit verbreiteten katholischen Tageszeitung "Nasz Dziennik" die Überschrift gefunden: "Die Brüder Laudanski warten auf die Gerechtigkeit".

Antonina Wyrzykowska erwartet dagegen gar nichts mehr vom Leben. Die Bäuerin aus der Gegend von Jedwabne hatte nach der Aktion der Liquidation der Gettos von Nazis in ihrem Viehstall sieben Juden versteckt. Heute sagt sie: "Mein Leben war nichts wert". Immer wieder hat sie mir diesen Satz gesagt. Nach dem Krieg musste sie ihren Bauernhof verlassen, weil die polnischen Täter vom 10. Juli ihr das Leben zur Hölle machten. Sie hat ihre heldenhafte Tat geheim gehalten. Nur ihre Kinder wussten, was sie während der Besatzung vollbracht hat. Ihre vor kurzem verstorbene Tochter hat als Erwachsene gerne das Geld geretteter Juden genommen und davon gelebt. Auf ihre Mutter, die die Juden versteckt und gerettet hatte, war sie trotzdem immer sehr wütend. "Du hast für die Mörder Christi Dein Leben als junges Mädchen riskiert!" sagte sie der Mutter vorwurfsvoll. Und so hat die Tochter die israelische Medaille der Mutter, die in Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern der Welt" geehrt wird, auf den Müll geworfen. Damit es keine Schande gibt, falls die Medaille von einem der Nachbarn gesehen wird. Die Fotos ihrer Schützlinge, unterschrieben mit jüdischen Namen, hält Frau Antonina deshalb sorgfältig versteckt in der Couch.

Flucht vor den Nachbarn - noch immer

Krzysztof Godlewski - der ehemalige Bürgermeister von Jedwabne, emigrierte. Er lebt nun als Arbeiter in den USA und wartet auf die Greencard für sich (nicht für seine Familie). Als er noch Bürgermeister war, hat er geglaubt, dass es ihm gelingen würde, die Abgeordneten und die Einwohner davon zu überzeugen, am 60. Jahrestag des Verbrechens feierlich zu gedenken. Das erwies sich als unmöglich. Als die von Präsident Alexander Kwasniewski persönlich anberaumte Gedenkfeier begann, läutete der Priester von Jedwabne aus Protest die Glocken. . Die meisten Anwohner kamen erst gar nicht, manche hatten nur Spott für die Hinterbliebenen der Opfer. Der Priester ist inzwischen gestorben, aber die Emotionen, die er damals gegen diejenigen schürte, die der Gerechtigkeit verpflichtet waren, sind sehr lebendig.

Wie ein einsamer Sheriff verließ Godlewski anschließend also seine kleine Stadt. Er hatte getan, was er für richtig hielt, hatte seine moralische Pflicht erfüllt. Dann ging er. Als Geste der Verzweiflung. Bevor er sich für die Ermordeten ausgesprochen und ihnen das Recht auf Erinnerung zugesprochen hatte, war er eine der beliebtesten Personen in der Stadt. Er konnte es nicht ertragen, dass die ehemaligen Freunde ihn gefragt haben, wie viel jüdisches Geld er bekommen hat. In Chicago arbeitet er oft mit verbissenen Antisemiten, deshalb gibt er nicht zu, dass er der "Verräter Godlewski aus Jedwabne" ist.

Die letzte Jüdin von Jedwabne

Helena Ch. ist in Jedwabne geblieben. Sie ist die einzige Jüdin in der Gegend. Ihr Vater wurde von seinen polnischen Nachbarn getötet. Helena, ihre Mutter und der jüngere Bruder wurden dagegen von Polen aus Nachbarortschaften versteckt. Helena Ch., die nach dem Krieg einen Einwohner von Jedwabne geheiratet hat, versuchte ihr Leben lang, nicht aufzufallen. Sogar zu Hause saß sie immer mit dem Kopftuch am Tisch, den Stoff eng unter dem Kinn verknotet, als ob die Bauerntracht sie immer schützen würde. Seit fünf Jahren hat sie den Bauernhof nur selten verlassen. Sie will niemanden mit ihrer Anwesenheit irritieren.

Und was ist los im Städtchen selbst nach fünf Jahren? Man kann sich dort mit eigenen Augen davon überzeugen, dass das menschliche Gedächtnis ein Schlachtfeld ist. Um man sieht, wer diesen Kampf gewonnen hat.

Es ist fast unmöglich, den Ort des Massenmords zu finden. Es befindet sich am Rande der Stadt. Zum Denkmal führt ein Feldweg, an dem immer ein Schild gestanden hat, der den Ort des Martyriums markierte. Doch als Bürgermeister Godlewski Jedwabne frustriert verließ, hat man das Schild weggeschafft. Auf dem Markplatz, wo am heißen Julitag 1941 die wehrlosen jüdischen Mitbewohnern dicht gedrängt standen, bevor sie in die Scheune getrieben und dort verbrannt wurden, hat man ein Gegen-Denkmal errichtet. Es erinnert an jene Polen, die während des Krieges von den Sowjets nach Sibirien verschleppt wurden. Es lohnt sich zu erwähnen, dass aus Jedwabne in die USSR mehr als 10 polnische aber auch fünf jüdische Familien gebracht wurden. Das Denkmal wurde schon vor einigen Jahren errichtet.

Seit fünf Jahren findet nun jeweils am 10. Juli eine bescheidene Erinnerungsfeier zu Ehren der jüdischen Opfer statt. Kein Einwohner Jedwabnes hat sie je besucht. Dafür hat man neulich in Jedwabne die Verleihung einer Ehrebürgerschaft an Robert Jerzy Nowak gefeiert. Er ist der Autor des Buchs "100 Lügen über Jedwabne". Nowaks "Verdienste" liegen vor allem in der Verbreitung von Antisemitismus. Zum Fest erschienen der Bischof von Lomza, der Woiwode von Bialystok und der Vizemarschall des Senats.

Zwei Wirklichkeiten

Als ich an meinem Buch über Jedwabne gearbeitet habe, bewegte ich mich zwischen zwei Wirklichkeiten. In Jedwabne traf ich auf Wirklichkeit "Nummer 1", in der die Schuld für die Gewalttat den Opfern zugeschrieben wurde. Diese Wirklichkeit ist voller Hass und Antisemitismus. Als ich dann nach Warschau zurückkehrte, traf ich auf die Wirklichkeit "Nummer 2". Ich habe den Mut von Präsident Kwasniewski bewundert, der an die Gräuel erinnerte und die Gedenkfeier vor Ort durchsetzte. Ich habe gesehen, wie Bischöfe um Verzeihung baten für das Verbrechen. Ich habe auch die Aussagen des damaligen Vorsitzenden vom Institut des Nationalen Gedenkens, Leon Kieres, gehört, der den ermordeten polnischen Bürgern jüdischer Herkunft sein Beileid aussprach. Ich habe stets gehofft, dass Wirklichkeit Nummer 2 zur Wirklichkeit Nummer 1 in Jedwabne durchdringt. Aber diese Wirklichkeiten berühren sich nicht.

Im Frühling 2001 enstand die heutige Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit". Sie etablierte sich in der heiß diskutierten Zeit vor der Feier zum Andenken an die Gräueltaten in Jedwabne. Jaroslaw Kaczynski, Bruder des heutigen polnischen Präsidenten, war nicht auf der Seite der Jedwabne-Aufklärer: "Sie versuchen uns zu verleumden", sprach er, man versuche, aus den Polen die Verbündeten Hitlers zu machen. Dahinter steckten die Feinden von Polen. Er wurde mit lautem Beifall belohnt. Heute wird das Land von dieser Partei regiert. An einer wahrhaftigen, korrekten Geschichtsschreibung ist diese Partei nicht interessiert. Radio Maryja, der katholisch-konservative Lieblingssender der heutigen Machthabe, hat sich stets für die Laudanski-Brüder eingesetzt.

In Jedwabne versucht man den Spieß umzudrehen. Neue Untersuchungen werden gefordert, in denen man die Bewohner für unschuldig erklärt. Am 10. Juli 2001 haben die Einwohnern von Jedwabne spontan an ihren Fenstern die Zetteln aufgehängt: "Wir bitten nicht um Verzeihung". So ist es. "Wir werden für die nicht begangenen Gräueltaten nicht um Verzeihung bitte. So wahr uns der Gott helfe."

Wird es im Polen von Heute, in dem viel von moralischer Reinheit die Rede ist, einen Platz für Jedwabne geben? Einen Ort der unheroischen Geschichte?

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