Antisemitismus Foltermord erschüttert Frankreich

Warum musste Ilan Halimi sterben? Wochenlang war der 23-Jährige in den Händen einer Pariser Vorstadtbande, die den Mann quälte, ehe er seinen Verletzungen erlag. Das Motiv der Täter könnte Frankreich in eine tiefe Krise stürzen: Halimi - so die Untersuchungsrichterin - wurde gefoltert, weil er Jude war.

Von Kim Rahir, Paris


Paris - Es ist, als halte ganz Frankreich den Atem an. Ein grausames Verbrechen an einem harmlosen jungen Mann, der von einer Bande entführt und zu Tode gefoltert wurde, war offenbar antisemitisch motiviert. Dabei ist die Tat allein schon erschütternd genug. Der 23 Jahre alte Ilan Halimi, ein Verkäufer von Mobiltelefonen im Pariser Osten, wurde von einer Bande aus der Vorstadt Bagneux in eine Falle gelockt, drei Wochen lang gefangen gehalten und gequält, bis er drei Wochen später in Sainte-Geneviève-des-Bois im Süden der Hauptstadt sterbend aufgefunden wurde. Er erlag seinen Verletzungen im Krankenwagen.

Mordfall Halimi: Französische Polizisten vor einem Wohnblock in Bagneux
AFP

Mordfall Halimi: Französische Polizisten vor einem Wohnblock in Bagneux

Der furchtbare Leidensweg des jungen Mannes hatte schon das ganze Wochenende über Schlagzeilen gemacht, Verhaftungen und Fahndungen beschäftigten die Nachrichten. Doch am Montagabend platzte die Bombe: Untersuchungsrichterin Corinne Goetzmann fügte der Liste der Tatvorwürfe gegen die Handvoll der festgenommenen Bandenmitglieder den "erschwerenden Tatbestand" hinzu, dass das Verbrechen "wegen der wirklichen oder vermeintlichen Zugehörigkeit des Opfers zu einer Rasse oder einer Religion" verübt wurde.

Die jüdische Gemeinde ist in Aufruhr, auch wenn die Regierung sich mit Erklärungen überschlägt, es werde "volles Licht" auf die Affäre geworfen. Präsident Jacques Chirac, der während der wochenlangen Ausschreitungen jugendlicher Einwandererkinder im November tagelang geschwiegen hatte, bevor er sich mit einer eher laschen Erklärung zu Wort meldete, rief noch gestern Abend die Familie des Opfers an und versicherte, alles werde "getan, um die Täter dieser Barbarei zu finden, festzusetzen und zu bestrafen".

Premierminister Dominique de Villepin, der am Montagabend beim Jahres-Dîner des Repräsentativ-Rates der jüdischen Organisationen (Crif) sprach, versicherte, "wir schulden ihnen" diese Aufklärung. Doch hinter vorgehaltener Hand wurde Presseberichten zufolge bei diesem Abendessen eine Sorge ganz deutlich ausgesprochen: Dass die Ermittler ihre Untersuchungen eben nicht kompromisslos durchziehen - und zwar aus Angst, dass das Anprangern einer Gang aus den mehrheitlich muslimischen Vorstädten eine neue Welle der Gewalt in den Banlieues auslösen könnte.

"Dann fragt doch in den Synagogen"

Dabei scheint die Furcht vor den "alten Dämonen" des Antisemitismus, wie ein Pressekommentar warnt, nur zu begründet. Zumindest lassen die durchsickernden Aussagen der Ermittler nicht viel Raum für Zweifel. Ilan wurde entführt, um Lösegeld zu erpressen. 450.000 Euro forderte die Bande zunächst von der Familie. So viel könnten sie nicht aufbringen, sagten die Angehörigen in den Verhandlungen mit den Erpressern: "Dann fragt doch in den Synagogen", wurde ihnen entgegengeschleudert.

Untersuchungsrichterin Goetzmann machte ein erstes antisemitisches Element schon am Freitag aus: Einer der Verdächtigen habe die Entführung Ilans damit begründet, dass er Jude sei, "und die Juden haben viel Geld und halten sehr eng zusammen". In einer anderen Aussage habe einer der jungen Leute berichtet, er habe einen anderen gehört, der eine Zigarette auf der Stirn des Opfers ausdrückte, "weil er Juden nicht leiden kann". Einige Zeitungen fragen sich noch, ob die Motive der Bande nicht wirklich "rein kriminell" ("France Soir") gewesen seien, zumal sie schon zuvor Menschen entführt hätten, die nicht alle Juden gewesen seien. Doch die Mutter des Opfers hat keinen Zweifel: "Ilan wäre nicht getötet worden, wenn er kein Jude wäre", sagte Ruth Halimi in einem Interview mit der israelischen Zeitung "Haaretz".

In der Einordnung des Verbrechens sei immer noch "äußerste Vorsicht" geboten, warnt die Rassismus-Expertin des Institut d'Etudes Politiques, Nonna Mayer, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Aber wenn die Täter ihrem Opfer eine Eigenschaft zugeschrieben haben - dass also Juden immer viel Geld haben - weil sie sie seiner Religionsgruppe zuschreiben: Ja, das ist Antisemitismus", so die Expertin. Und sie weist darauf hin, dass viele muslimische Einwandererkinder in Frankreichs elenden Vorstädten "Ressentiments" gegen die jüdischen Gemeinde hegen, weil "es ihnen besser ergeht als uns".

Und damit wird das Problem für die Regierung doppelt heikel: Denn einerseits gilt es, die jüdische Gemeinde zu beruhigen und keinen Zweifel an der Entschlossenheit der Ermittler aufkommen zu lassen. Andererseits aber will kein Politiker in Frankreich die muslimischen Jugendlichen der Vorstädte erneut in Aufruhr versetzen, nachdem sie im November drei Wochen lang brandschatzend und plündernd durch die Straßen gezogen waren. Doch genau diese Haltung wird bereits kritisiert. Der stellvertretende Vorsitzende der Organisation SOS Racisme, Patrick Klugmann, konstatierte mit Bitterkeit: "Wenn man sagt, wir packen uns einen Juden, weil es da Geld zu holen gibt, dann ist das wohl noch nicht antisemitisch genug", für die Ermittler, kritisierte er. "Zu sagen, dass Juden reich sind und mehr Geld haben als andere, ist eine antisemitische Aussage", sagt auch Crif-Vorsitzener Roger Cukierman.

Damit scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die Bevölkerung der Vorstädte, die muslimischen Einwanderer und ihre Kinder in ihren desolaten Lebenssituationen, am Pranger steht. Die Aussage, dass es "nur" eine kriminelle Gang war, die das unmenschliche Verbrechen beging, wird dabei nicht lange standhalten. Die Tageszeitung "Le Parisien" erschien heute bereits mit der Schlagzeile, in der Vorstadt Bagneux im Nordwesten von Paris, hätten viele Bewohner gewusst, was vorging, und den Mund gehalten. "Ilan Halimi wurde zweifellos auch das Opfer der Gleichgültigkeit in den Vorstädten, wo keiner auf den anderen achtet", schreibt das Blatt unverblümt. Unmittelbar mit dem Verbrechen zu tun hatten immerhin zwölf Personen: Eine junge Frau, die als Köder fungierte, ein Unterhändler, acht "Wächter" und zwei junge Frauen, die Bescheid wussten, aber nichts sagten. "Warum hat denn keiner was gesagt?", fragt die Mutter eines der Verdächtigen.

Nackt, gefesselt und geknebelt

Auch die Ermittler stellen sich diese Frage immer häufiger. Denn Ilan war zunächst in einer 30-Quadratmeter-Wohnung in einem Wohnblock in Bagneux festgehalten worden. Nackt, gefesselt und geknebelt, mit nur einem Luftloch in dem Klebeband, das ihm den Mund zuschnürte. Doch dann wurde er in den Keller des Gebäudes gebracht - ein Hin und Her, aus dem die Polizei folgert, dass viele Menschen in der Vorstadt Bescheid wussten und den Mund hielten. "Diese Leute sind auch Verbrecher", sagt die Mutter eines anderen Festgenommenen. "Es gab Eltern, die Bescheid wussten und die nichts gesagt haben", gibt sie in einem Interview an. Eine Nachbarin aus dem Haus wundert sich heute, wieso im zehnten Stock ständig zwei junge Männer auf dem Flur standen und rauchten, als ob sie Wache stünden. Doch begriffen haben will sie nichts. "Unsere Leben hier sind doch wasserdicht."

Die Spannungen zwischen Religions- und Volksgruppen in Frankreich, wo immerhin fast fünf Millionen Muslime wohnen, dürften durch den Fall Ilan verschärft werden. Auch wenn die Zahl der antisemitischen Übergriffe offiziell im vergangenen Jahr drastisch abgenommen hat, reicht ein Verbrechen wie das an Ilan, um die Zähigkeit dieses Phänomens zu unterstreichen. Zugleich muss sich die Regierung von der Presse den Vorwurf gefallen lassen, sie habe seit den Novemberunruhen nichts unternommen, um die Lage der muslimischen Einwanderer und ihrer Nachkommenschaft in den Vorstädten wirklich zu verbessern.

Dass die Vorurteile gegen diese Bevölkerungsgruppe jetzt verstärkt werden, ist eine konkrete Befürchtung. Man müsse jetzt auf jeden Fall "vermeiden, dass diese ungeheuerliche Tat mit ganzen Bevölkerungsgruppen in Zusammenhang gebracht wird", warnte der Chef der Anti-Diskriminierungs-Gruppe Mrap, Mouloud Aounit. Doch die Mutter eines der Täter macht sich keine Illusionen. Sie fürchtet jetzt "fanatische Vergeltungsaktionen".



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