Antisemitismus im Nordjemen "Extremisten hetzen gegen Juden"

Über Jahrhunderte haben Juden im Jemen friedlich gelebt - aber im Norden des Landes sind sie jetzt zunehmend Hetze von Extremisten ausgesetzt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der jüdische Gemeindesprecher Abraham Ben Jayha Jaakov über die Lage der verbliebenen Glaubensgenossen.


SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen drei Jahren haben viele jüdische Bürger der nordjemenitischen Großstadt Saada den Rücken gekehrt - für immer?

Jemenitische Großstadt Saada: Juden sind weggezogen
Corbis

Jemenitische Großstadt Saada: Juden sind weggezogen

Abraham: Dieses Los betraf auch zahlreiche meiner Verwandten. Niemand ist frohen Herzens weggegangen, wer verlässt schon gern seine Heimat? Aber dann entwickelt sich eine Eigengesetzlichkeit. Wenn jemand sein Geschäft aufgibt, Kinder in einer anderen Provinz einschult, sich ein neues Leben aufbaut und sich in einen neuen Bekanntenkreis integriert, ist eine nochmalige Umsiedlung schwer vorstellbar - wenngleich auch nicht ausgeschlossen. Ich kenne ein paar Leute, vor allem ältere Menschen, die gerne zurückgehen würden, sobald die Umstände es zulassen.

SPIEGEL ONLINE: Leben in Saada und Umgebung jetzt wirklich keine Juden mehr?

Abraham: Ja, leider. Dabei hatten in Saada seit Urzeiten viele Juden gelebt. Sie waren berühmt für die Herstellung kostbar verzierter Dschanbias - Krummdolche, bis heute unverzichtbarer Ausdruck der Manneswürde im Jemen. Es gab sogar jüdische Bauern. Aber das ist bereits Geschichte. In der Problemstadt Saada gibt es heute keinen einzigen Juden mehr.

SPIEGEL ONLINE: Was hat die Juden bewogen, diese Region zu verlassen?

Abraham: Die Sicherheitslage hat sich in den vergangenen Jahren gefährlich verschlechtert, einige Prediger begannen, gegen Andersgläubige, vor allem gegen uns Juden, zu hetzen - für alle Jemeniten und nicht nur für uns ein Novum. Außerdem wurde der gesamte Großraum Saada zu einem Schauplatz blutiger Kämpfe zwischen Rebellen und Regierungstruppen. Überall Bewaffnete, Milizen, Stämme. Ein Klima, in dem niemand seine Kinder aufwachsen lassen möchte. Das war für die jüdische Minderheit unerträglich.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Lage nach der Geiselnahme der Deutschen weiter zugespitzt?

Abraham: Das weiß ich nicht. Aber eins ist klar: Jahrhunderte haben die Juden des Jemen in Frieden gelebt, erst als Extremisten gegen uns Stimmung machten, ging die Ära des friedlichen Zusammenlebens zu Ende. Statt dass die Menschheit im 21. Jahrhundert über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg neue Brücken baut, versuchen in manchen Weltgegenden religiöse Fanatiker unterschiedlicher Couleur, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und Minderheiten zu drangsalieren. Das hat es in unserem Jemen noch nie gegeben. Die Regierung in Sanaa bekämpft diese intoleranten und machtbesessenen Gruppen auf allen Ebenen, aber in Saada und anderen Gebieten im Nordjemen herrschen immer noch Unruhe und Angst.

SPIEGEL ONLINE: Erfolgte die Umsiedlung auf Befehl der Regierung?

Abraham: Kein Jude ist zum Umzug gezwungen worden, wer das behauptet, lügt. Die Regierung war und ist peinlich um unsere Sicherheit bemüht. Polizei und Armee gewähren uns Schutz. Die zuständigen Behörden besorgten allen Juden gute Alternativunterkünfte. Ein gutes Beispiel ist die "madina sijahiya", die "Touristenstadt" in Sanaa, eine neben dem Sheraton-Hotel gelegene, gut gepflegte Apartmentanlage, in der eigentlich nur Urlauber unterkommen sollten, jetzt aber jüdischen Umsiedlern zur Verfügung gestellt wurde. Die Verwaltung hat ihnen auch einen eigenen Gebetsraum bereitgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Wo leben heute überhaupt noch Juden im Jemen?

Abraham: In Sanaa und im Zentralmassiv. Mehr als 400 werden es aber kaum noch sein. Ich lebe zum Beispiel im Gebirgsdorf Chârif in der zentral gelegenen Provinz Imrân, wo ich mit meiner kleinen Familie in einem wetterfesten Haus lebe. Die Juden stellen mit knapp 150 Gemeindemitgliedern etwa ein Zehntel der Bevölkerung. Der Staat erlaubt uns, zwei Talmud-Schulen zu betreiben - eine für Jungen und eine für Mädchen, wie sich das für fromme Juden gehört.

SPIEGEL ONLINE: Wie verhalten sich die muslimischen Nachbarn Ihnen gegenüber, wird die jüdische Minderheit nicht gesellschaftlich ausgegrenzt?

Abraham: Überhaupt nicht. Die meisten meiner Freunde sind Muslime, wie sich halt zwischenmenschliche Beziehungen entwickeln. Auch unsere jüdischen Riten sind kein Stein des Anstoßes, wir heiligen unbehelligt den Sabbat und gehen an unserem Wochenfeiertag denn auch nicht ans Telefon, begehen unsere Feste und beteiligen uns am normalen Dorfleben.

SPIEGEL ONLINE: Werden die Juden wirklich niemals belästigt?

Abraham: Wir werden geachtet und gehen unserer Arbeit nach, wie alle anderen Bürger auch. Noch nie hat uns jemand beim Beten gestört oder sich über unsere Locken lustig gemacht. Mein Bruder Sulaiman oder Schlomo vollzieht ungestört Trauungen und Scheidungen, beschneidet Knaben im vorgeschriebenen Alter - so wie die Muslime ihren religiösen Pflichten nachkommen. Natürlich kommt es schon mal vor, dass ein Dorfjunge einen jüdischen Gleichaltrigen wegen seiner Religion beschimpft, doch in einem Land wie dem Jemen, in dem so viele unterschiedliche Konfessionen und Kulturgemeinschaften zusammenleben, ist das nicht ungewöhnlich. Als vor wenigen Tagen in Raida ein Extremist zum Tode verurteilt wurde, weil er einen Juden ermordet hatte, waren unsere nichtjüdischen Nachbarn sichtlich stolz auf die Unparteilichkeit der Richter.

SPIEGEL ONLINE: Wovon leben die Juden im Jemen heute?

Abraham: Ich verdiene mir mit einem Kleintransporter meinen Unterhalt, andere sind Handwerker - etwa Schmiede und Tischler. Uns geht es nicht besser und schlechter als Durchschnittsjemeniten.

SPIEGEL ONLINE: Treibt es die jüdischen Jugendlichen nicht langfristig doch ins Ausland?

Abraham: Ich bin 32 Jahre jung. Ans Auswandern denke ich nicht. Juden gibt es im Jemen seit über 3000 Jahren, wir gehören zu diesem Land.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch nie Angebote von ausländischen Organisationen erhalten, Ihnen bei der Übersiedlung nach Amerika oder in ein anderes nichtmuslimisches Land behilflich zu sein?

Abraham: Amerikanische Wohltätigkeitsorganisationen haben mir und einigen Bekannten in der Tat ermöglicht, die USA und Kanada zu besuchen und dort Tora und Talmud zu studieren. Doch wir wollten nicht bleiben, wir kehrten gerne zurück.

SPIEGEL ONLINE: Viele jemenitische Juden leben heute in Israel...

Abraham: Der Jemen ist und bleibt unsere Heimat. Präsident Ali Abdullah Salih hilft uns, wo er kann - selbst in kleinen Dingen. Neulich hat er uns einen Schulbus geschenkt, den wir gut gebrauchen können. Er hat uns auch finanzielle Unterstützung versprochen, wovon vor allem Umsiedler aus Saada profitieren, sowie Grund und Boden. So oder so, wir bleiben.

Das Interview führte Volkhard Windfuhr



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jemenleser 02.07.2009
1. Antisemitismus im Nordjemen: "Extremisten hetzen gegen Juden" Auf Thema antworten
Zitat von sysopÜber Jahrhunderte haben Juden im Jemen friedlich gelebt - aber im Norden des Landes sind sie jetzt zunehmend Hetze von Extremisten ausgesetzt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der jüdische Gemeindesprecher Abraham Ben Jayha Jaakov über die Lage der verbliebenen Glaubensgenossen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,633632,00.html
Kompliment dem Spiegel und dem Interviewer zu diesem Bericht! Der Jemen leidet ja gerade in diesen Wochen wieder unter einem sehr schlechten Image (Entführung mit deutschen Geiseln und Airbus-Absturz). Umso wichtiger sind solche Beiträge, die ein differenzierteres Bild von diesem Land abgeben. Und ich kann selber von einem eindrücklichen Erlebnis über das Zusammenleben von Juden und Muslims im Jemen berichten. Bei meinem ersten Arbeitsbesuch in Jemen im Dezember 2006 war ich in der im Interview erwähnten Kleinstadt Raida. Unsere jemenitischen Begleiter, darunter ein in Jemen sehr prominenter Volksschauspieler, haben uns gezielt in diese Stadt geführt, um uns das friedliche Zusammenleben zwischen Arabern und Juden zu demonstrieren. Selber wurde ich fast dazu genötigt (!), Gruppenfotos von Juden und Muslims zu machen. Leid taten mir allerdings die bei dieser Aktion etwas überrumpelten und entsprechend verstört wirkenden jüdischen Kinder. Trotzdem: die von den Arabern demonstrierte Solidarität mit den Juden war beeindruckend. Nochmals danke für ihr Interview.
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