EU-Studie zu Antisemitismus Jeder dritte Jude denkt über Wegzug aus Europa nach

Die EU hat mehr als 16.000 Juden über ihre Erfahrungen mit Antisemitismus befragt. Das Ergebnis ist ernüchternd. Als Schuldige machen sie verschiedene Gruppen aus.

Mann mit Kippa (Symbolbild)
REUTERS

Mann mit Kippa (Symbolbild)

Von , Wien


Welche Erfahrungen machen Juden in Europa mit Hassdelikten, Diskriminierung und Antisemitismus? Danach fragte die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte von Mai bis Juni 2018 insgesamt 16.395 Menschen ab 16 Jahren, die sich selbst als Juden bezeichnen, in mehreren europäischen Ländern.

Das Ergebnis der Studie ist bedrückend: Die Feindseligkeit gegenüber Juden wächst. 89 Prozent geben an, dass Antisemitismus in ihrem jeweiligen Land in den vergangenen fünf Jahren zugenommen habe. 85 Prozent nennen Antisemitismus das größte soziale oder politische Problem, mit dem sie sich konfrontiert sehen.

Die Teilnehmer der Onlineumfrage kommen aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Österreich, Belgien, Dänemark, Ungarn, Italien, den Niederlanden, Polen, Spanien und Schweden. In diesen zwölf Ländern leben schätzungsweise 96 Prozent aller Juden in der EU. Zudem wurden auch Juden in Litauen befragt, hier jedoch wegen der niedrigen Onlinerückmeldungen in direkten Interviews.

Ein tief in der Gesellschaft verankerter Antisemitismus

Dem meisten Hass sind die Befragten demnach im Internet ausgesetzt. 90 Prozent sagen, am schlimmsten seien die Feindseligkeiten in den sozialen Medien. 70 Prozent geben an, Antisemitismus im öffentlichen Raum, in der Politik und in den Medien zu erleben. 28 Prozent sagen, sie seien persönlich wegen ihres jüdischen Glaubens Opfer von Beleidigungen, Bedrohungen oder Diskriminierung geworden.

Antisemitismus sei so tief verankert in der Gesellschaft in Europa, dass regelmäßige Belästigungen und Schikanen Teil des Alltags von Juden geworden seien, schreiben die Autoren der Studie. So würden knapp 80 Prozent der Befragten Vorfälle nicht der Polizei melden, weil sie das Gefühl hätten, es würde sich ohnehin nichts ändern. Ein Drittel aller Befragten geben an, sie würden nicht an jüdischen Feiern teilnehmen und jüdische Einrichtungen meiden, weil sie sich nicht sicher fühlten.

"Nur mein engster Freundeskreis weiß, dass ich Jüdin bin - wegen des derzeitigen Antisemitismus in Österreich", zitiert die Studie eine Österreicherin aus der Altersgruppe der 40- bis 44-Jährigen. Ein Deutscher aus der Gruppe der 30- bis 34-Jährigen erklärt: "Vor allem wenn man äußerlich als Jude erkennbar ist, erfährt man in Deutschland Antisemitismus." 38 Prozent geben an, in den vergangenen fünf Jahren darüber nachgedacht zu haben, Europa zu verlassen.

Womit die Befragten konfrontiert wurden

"Jahrzehnte nach dem Holocaust plagt weiterhin ein schockierendes und steigendes Niveau an Antisemitismus die EU", sagt Michael O'Flaherty, Direktor der EU-Agentur für Grundrechte. Die EU-Mitgliedstaaten müssten ihre Bemühungen gegen Antisemitismus verstärken, fordert er als Konsequenz. "Menschen jüdischen Glaubens haben das Recht, frei zu leben, ohne Ziel von Hass zu sein und ohne Angst um ihre Sicherheit haben zu müssen."

Die 2007 geschaffene Agentur mit Sitz in Wien ist eine EU-Expertenkommission, die den Schutz der Grundrechte in Europa überwachen soll. 2012 nahm sie eine vergleichbare Befragung vor. Die Lage der Juden in Europa hat sich demnach verschlechtert.

Konkret geben die Befragten an, mit Aussagen konfrontiert worden zu sein wie "Israelis benehmen sich gegenüber Palästinensern wie Nazis", "Juden haben zu viel Macht in unserem Land", "Juden nutzen den Holocaust für ihre eigenen Zwecke aus" und "Der Holocaust ist ein Mythos" beziehungsweise "Der Holocaust wird übertrieben".

Gefragt, wer die Täter seien, geben 31 Prozent an: "Jemand, den ich nicht beschreiben kann". 30 Prozent sagen: "Jemand mit einer extremistischen islamischen Ansicht". 21 Prozent nennen "Jemand mit einer politisch linken Ansicht", 21 Prozent "Mitschüler, Mitstudenten oder Kollegen", 16 Prozent "Teenager oder Teenager-Gruppen", 13 Prozent "Jemand mit einer politisch rechten Ansicht". Oft überschneiden sich die Angaben auch. In Deutschland nennen sogar 41 Prozent extremistische Muslime als die Schuldigen, Rechtsextremisten machen 20 Prozent aus.

Erklärung der EU-Innenminister zum Kampf gegen Antisemitismus

Die Studie macht aber auch deutlich, dass die große Mehrheit der Befragten ihre Lage differenziert betrachtet und die Nennung von Muslimen als Schuldige keineswegs als anti-islamische Haltung verstanden wissen will. Obwohl in acht von zwölf beteiligten Ländern extreme Muslime auf den ersten drei Plätzen der Täter in den zurückliegenden fünf Jahren genannt werden, geben 70 Prozent aller Befragten an, mit Sorge auf die wachsende Intoleranz gegenüber Muslimen zu blicken.

Eine Österreicherin aus der Gruppe der 45- bis 49-Jährigen sagt: "Derzeit erleben wir einen massiven Hass gegenüber Muslimen in Österreich." Man müsse Strategien gegen jede Form von Hass finden, "einschließlich aller Arten von Antisemitismus und Islamophobie". Ihr Fazit: "Solange eine Minderheit nicht in Frieden und sicher leben kann, kann es keine Minderheit."

Die EU-Innenminister verabschiedeten Ende vergangener Woche eine Erklärung zum Kampf gegen Antisemitismus. Sie forderten einen besseren Schutz jüdischer Gemeinden und Einrichtungen in Europa, teilte der EU-Innenministerrat in Brüssel mit.

Erst kürzlich war eine vom Sender CNN in Auftrag gegebene Studie zu einem vergleichbaren Ergebnis gekommen. Demnach wissen auch immer weniger Menschen über den Massenmord an den Juden. In der CNN-Umfrage gaben zum Beispiel zwölf Prozent aller befragten jungen Menschen in Österreich an, noch nie vom Holocaust gehört zu haben. Österreich hat dieser Studie zufolge auch den höchsten Anteil an Befragten, die nach eigenen Angaben "nur wenig" über den Holocaust wissen, nämlich 40 Prozent.

Video: "Du Jude!" als Schimpfwort

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