Orbáns Antisemitismus-Politik Juden-Hass verfolgen, Juden-Verfolger ehren

Ungarns Premier Viktor Orbán ordnet Null-Toleranz gegenüber Juden-Hass an. Zugleich ehren er und seine Partei erklärte Antisemiten. Wie passt das zusammen? Und was steckt dahinter?

REUTERS

Iván Héjjas war erklärter Antisemit. Nach dem Ersten Weltkrieg gründete er eine Freischärler-Miliz mit und befehligte 1919/20 die willkürliche Erschießung von jüdischen und vermeintlich kommunistischen Zivilisten. 1947 wurde er in Abwesenheit wegen Folter und Ermordung von 73 Menschen zum Tode verurteilt: Der bekannte Offizier der ungarischen Zwischenkriegszeit starb 1950 in Franco-Spanien.

Héjjas ist aber auch seit Jahren eines der größten Idole ungarischer Rechtsextremer, sie fordern seine juristische Rehabilitierung. Bisher vergeblich, für eine Annullierung des Prozesses wiegen seine gut dokumentierten Taten zu schwer.

Eine zumindest ideelle Rehabilitierung erfährt Héjjas nun aus den Reihen von Viktor Orbáns Regierungspartei Fidesz. Sándor Lezsák, Vize-Präsident des ungarischen Parlamentes und einer der prominentesten Hardliner in der Orbán-Partei, würdigte Héjjas vor kurzem als Helden und Freiheitskämpfer. Anlass war die Vorstellung eines Buches über den Milizführer. Lezsák hielt eine feierliche Rede, später schrieb er auf seiner Facebook-Seite: "Dies ist der Tag der Rehabilitation von Iván Héjjas."

Dass einer der höchsten ungarischen Staatsrepräsentanten einen verurteilten antisemitischen Mörder würdigt, ist selbst nach offiziellen ungarischen Maßstäben unzulässig. Allgemein gilt, was Orbán immer wieder betont: "Null Toleranz gegenüber jeglicher Form von Antisemitismus".

Das ist keine leere Phrase: So hat seine Regierung paramilitärische rechte Milizen schon vor Jahren verboten. Die regelmäßige Teilnahme ungarischer Regierungspolitiker an Holocaust-Gedenkzeremonien gilt in Ungarn inzwischen als Staatsräson.

Zugleich sind Würdigungen wie die von Héjjas ein Teil der neuen Leitkultur in Ungarn, die von tiefgreifendem Geschichtsrevisionismus geprägt ist. Dazu gehört vor allem der beständig wachsende Kult um Ungarns Herrscher der Zwischenkriegszeit, den autoritär regierenden Reichsverweser Miklós Horthy.

Horthy (l.) mit Nazi-Größen (Aufnahme vermutlich aus 1942)
Getty Images

Horthy (l.) mit Nazi-Größen (Aufnahme vermutlich aus 1942)

Er führte Ungarn an der Seite Hitlers in den Krieg gegen die Sowjetunion, und duldete im Frühjahr und Sommer 1944 die Deportation Hunderttausender ungarischer Juden in deutsche Vernichtungslager. Historiker schreiben ihm nahezu einhellig eine Mitverantwortung am Holocaust an den ungarischen Juden zu. Trotz dieser Vorwürfe wirken Fidesz-Politiker bei allerlei Horthy-Veranstaltungen mit: beim jährlichen Horthy-Gedenktag Anfang September, bei Horthy-Gedenkmessen oder bei der Aufstellung von Horthy-Statuen und -Gedenktafeln. Orbán selbst nannte ihn im Juni vergangenen Jahres einen "Ausnahmestaatsmann".

Zwar ist Ungarns Premier eher an Fußball interessiert als an Geschichte und persönlich kein Antisemit. Doch er hat seine Partei für das gesamte ideologische Spektrum bis weit nach Rechtsaußen geöffnet, um dort sämtliche anderen Kräfte zu verdrängen.

Fotostrecke

5  Bilder
Ungarn: Statuen für einen Holocaust-Helfer

Bis vor einigen Jahren provozierte dieses Vorgehen im In- wie im Ausland heftige Proteste. Die sind inzwischen weitgehend verstummt, was auch an einer geänderten internationalen Interessenlage liegt. So haben Ungarns Premier und sein israelischer Amtskollege Benjamin Netanyahu einen gemeinsamen Feind: US-Börsenmilliardär George Soros, selbst ungarisch-jüdischer Herkunft. Deshalb äußerte Netanjahu bisher keine Kritik an Orbáns Anti-Soros-Kampagnen der vergangenen Jahre - obwohl diese von antisemitischen Stereotypen durchsetzt waren. Und nach Orbáns Horthy-Schwärmerei gab sich Israels Regierung mit einer vagen Richtigstellung des ungarischen Außenministers Péter Szijjártó zufrieden.

Ungarns Juden beobachten all diese Entwicklungen mit Unbehagen, wie eine Meinungsumfrage jüngst belegte - die erste derartige Dokumentation seit 1999. Bemerkenswert: Einerseits sank die Zahl derer, die persönlich antisemitische Vorfälle erlebt hatten, im Vergleich zu 1999 deutlich. Anderseits gaben viele Befragte an, der Antisemitismus nehme aktuell stark zu.

Erklären konnten die Meinungsforscher den Widerspruch nicht. András Heisler, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Ungarns, glaubt den Grund zu wissen, wie er im Gespräch mit dem SPIEGEL sagt: "Es ist diese bestürzende und inakzeptable Gedenkpolitik wie im Falle von Horthy oder Héjjas."



© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.