Uno-Sondersitzung zu Antisemitismus "Die Mutter allen Hasses"

Weltweit mehren sich antisemitische Übergriffe. Grund für die Uno, in einer historischen Sondersitzung vor Judenhass zu warnen. Die Reden sind leidenschaftlich - doch kein einziger Staatschef lässt sich sehen.

Von , New York

Uno-Sondersitzung: Wider den Antisemitismus
AFP

Uno-Sondersitzung: Wider den Antisemitismus


Bernard-Henri Lévy ist ein kontroverser Zeitgenosse. Frankreichs Star-Philosoph hat sich nicht nur Freunde gemacht, gerade hier in den USA. Als er vor einigen Jahren mit seinem Roadtrip-Buch "American Vertigo" die "Seele Amerikas" verriss, attestierte ihm der US-Humorist Garrison Keillor - ganz humorlos - "die Überheblichkeit eines College-Studenten".

Diesmal aber sind Lévys Worte alles andere als kontrovers. "Eine Welt ohne Juden wäre keine Welt", ruft er. "Eine Welt, in der ein Jude erneut zum Sündenbock für die Ängste und Frustrationen aller wird, wäre eine Welt, in der freie Menschen nicht mehr frei atmen können."

Lévy beugt sich übers Podium. In typischer Manier mahnt er, beschwört er, schimpft, tadelt, appelliert und stößt immer wieder an die schmalen Mikrofone. Dass seine gedrechselte Rhetorik durch ein nur dünn besetztes Plenum hallt, das stört wenig - er predigt weit darüber hinaus.

Nebensaison an den Vereinten Nationen: Die letzte Generaldebatte ist Monate her, die nächste kommt im September, dazwischen mahlt die Bürokratie des Staatenbunds nur langsam. An diesem Donnerstag aber hat Uno-Chef Ban Ki-Moon die Delegierten wegen einer Gefahr einberufen, die nicht warten kann - der wachsende Antisemitismus auf der Welt.

Es ist ein historisches Treffen, das erste hierzu seit der Gründung der Uno vor fast 70 Jahren, man glaubt es kaum. Schon im Oktober hatten Generalsekretär Ban und 37 Staaten die Sondersitzung initiiert, um eine "klare Botschaft" zu senden gegen "den alarmierenden Ausbruch von Antisemitismus weltweit". Das war lange vor den Pariser Anschlägen gewesen, die die Dringlichkeit nun nur noch prägnanter machten.

Frankreichs Star-Philosoph Lévy: "Moralische Atombombe"
REUTERS

Frankreichs Star-Philosoph Lévy: "Moralische Atombombe"

Sie haben Lévy als Hauptredner geladen, um der politischen Debatte, die in diesen Hallen abstrus abgleiten kann, intellektuellen Halt zu geben. Lévy zögert nicht, er nennt den Antisemitismus die "Mutter allen Hasses" und eine "moralische Atombombe": Es sei deshalb die "heilige Pflicht" der Uno, dafür zu sorgen, "dass dieser schreckliche Geist nicht wiederaufersteht".

Womöglich kommt die Mahnung zu spät. "2014 war ein Jahr der beispiellosen Explosion antisemitischen Hasses", meldete das Simon Wiesenthal Center neulich. In der Tat mehrten sich die immer erschreckenderen Schlagzeilen:

• In Antwerpen verweigerte ein Arzt die Behandlung einer 90-jährigen Jüdin mit Rippenbruch und riet ihrem Sohn: "Schick sie für ein paar Stunden in den Gazastreifen, da wird sie ihre Schmerzen loswerden."

• In Nizza wurden zwei Juden in der Nähe einer Synagoge beschimpft, die Täter beschädigten auch den Eingang der Synagoge mit Eisenstangen.

• In einem jüdischen Viertel in Rom wurden antisemitische Graffiti und Flugblätter gefunden, die Fenster jüdischer Geschäfte wurden mit Hakenkreuzen und Parolen beschmiert: "Juden, euer Ende naht."

• In der Pariser Vorstadt Creteil wurde ein jüdisches Paar im Dezember brutal angegriffen und ausgeraubt, die 19-jährige Frau wurde vergewaltigt. "Ihr Juden habt doch immer Geld", sagten die Täter.

• Eine pro-palästinensische Demonstration in Sarcelles bei Paris uferte aus: Die Schaufenster jüdischer Läden wurden eingeschlagen, und auf mindestens zwei Synagogen wurden Molotowcocktails geworfen.

Und doch bleibt der symbolische Appellmarathon am New Yorker East River eine ernüchternde Veranstaltung. 60 Redner treten ans Pult, aber kein Staatschef, die meisten lassen sich von Botschaftern vertreten. US-Präsident Barack Obama hatte sich am Dienstag in seiner Rede zur Lage der Nation gegen Antisemitismus ausgesprochen - in einem Nebensatz.

Die hochrangigsten Teilnehmer in New York sind Steven Blaney, Kanadas Minister für öffentliche Sicherheit, sowie der Berliner Staatsminister Michael Roth und sein Pariser Kollege Harlem Désir, die hier aus Anlass des 52. Jahrestags des Elysée-Vertrags zugleich auch den deutsch-französischen Tag würdigen.

"Antisemitismus stellt nicht nur für die jüdischen Gemeinden eine Bedrohung dar, sondern für die gesamte Gesellschaft", sagt Roth. "Wegen seiner historischen Verantwortung bekämpft mein Land den Antisemitismus in jeglicher Form, und wird ihn immer bekämpfen."

Fast zwei Drittel aller religiös motivierten Hassverbrechen in Amerika richteten sich inzwischen gegen Juden, berichtet US-Botschafterin Samantha Power unter Berufung aufs FBI . "Fast zwei Drittel!", wiederholt sie. Gegenaktionen seien "lange überfällig", nicht nur bei der Politik.

Die großen US-Nachrichtensender ignorieren die Sitzung.

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