Antrittsbesuch in Moskau Die neue Sachlichkeit

Größer hätte der Unterschied zum Antrittsbesuch in Washington kaum sein können: Während Bush die deutsche Kanzlerin freudestrahlend zum Lunch gebeten hatte, war Putins Blick heute ernst und nachdenklich. Angela Merkel hatte ihrem Gastgeber in Moskau zuvor zahlreiche kritische Fragen gestellt.


Moskau - Dolmetscher benötigen Angela Merkel und Wladimir Putin eigentlich nicht. Russisch gehörte in der Schule zu den Lieblingsfächern der Deutschen. Putin hat sein exzellentes Deutsch schon vor dem Bundestag zum Besten gegeben. Trotzdem gingen die beiden heute beim Antrittsbesuch Merkels im Kreml auf Nummer Sicher: Auf professionelle Übersetzung wollten sie nicht verzichten. Neben den außenpolitischen Beratern nahmen zwei Dolmetscher an dem Spitzengespräch im prachtvollen Amtszimmer des Präsidenten im Kreml teil.

Merkel, Putin: Ernste Mienen im Kreml
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Merkel, Putin: Ernste Mienen im Kreml

Putin begrüßte Merkel in seiner Muttersprache zwar "ganz herzlich", blieb dann aber zunächst betont sachlich. Zu Beginn würdigte er das Bekenntnis Merkels zum Ausbau des deutsch-russischen Verhältnisses, das sie noch vor der Bundestagswahl abgegeben hatte. "Wir haben in der verstrichenen Zeit um nichts nachgegeben in der Entwicklung unserer Beziehungen", eröffnete er das Treffen. Später lockerte die Atmosphäre etwas auf. Putin sprach einige Dinge auf Deutsch an, Merkels Russisch soll etwas holpriger gewesen sein.

Die Kanzlerin sparte in dem Gespräch auch kritische Fragen nicht aus. Merkel nahm dabei wie angekündigt kein Blatt vor den Mund. "Wir haben einen sehr offenen Dialog geführt." Das waren neue Töne für Putin. Merkel forderte, die Arbeit von Menschenrechtsorganisationen und Bürgerrechtsgruppen nicht zu behindern. Das neue Gesetz zur schärferen Kontrolle von Nicht-Regierungsorganisationen hatte in Deutschland für Kritik gesorgt. Die Kanzlerin sprach auch den Tschetschenien-Konflikt an und gab sich anscheinend mit den Antworten Putins nicht zufrieden. "Wo ich weitere Fragen habe, werden wir den Dialog fortsetzen."

Der russische Präsident verteidigte seine Position. Die Arbeit ausländischer Nicht-Regierungsorganisationen werde nicht beeinträchtigt. Mit einem winzigen Lächeln um die Lippen erklärte er: "Es ist sehr angenehm, dass sich unsere Gesetzgebung einer sehr großen Aufmerksamkeit unserer ausländischen Partner erfreut." Bei dem Thema Atomstreit mit Iran fanden Merkel und Putin besser zueinander. Sie betonten, sich bei den nächsten Schritten eng abzustimmen.

Zum Abschluss des Gesprächs in kleiner Runde überreichte der Hundenarr Putin seinem Gast ein Geschenk: Einen kleinen schwarz-weißen Stoffhund.

Mittags setzten Putin und Merkel im kleinen Bankettsaal des Kreml ihre Gespräche bei Kalb mit Zwiebelsoße und Erdbeereis mit Beeren und Aprikosensoße fort. Insgesamt dauerte das Treffen 45 Minuten länger als geplant und übertraf den Besuch Merkels mit US-Präsident George W. Bush in Washington vor drei Tagen um fast eine Stunde. Daraus auf einen besonders hohe Harmonie-Faktor zu schließen, wäre jedoch verfehlt.

Putin gleich zwei Mal nach Deutschland eingeladen

Die neuen Akzente in der Russland-Politik sind unverkennbar. Die Konzentration der bilateralen Beziehungen auf wirtschaftliche Kontakte will Merkel aufbrechen und die strategische Partnerschaft auf alle Bereiche der Zusammenarbeit ausweiten. Das Verhältnis soll ihrer Meinung nach von einem Klima der Offenheit geprägt sein.

Merkel will die Partnerschaft ausbauen, aber nicht nach dem Vorbild Schröders in kumpelhafter Manier. Die ostdeutsche Pfarrerstochter und der Arbeitersohn Putin duzen sich zwar nicht, doch eine Reihe von Gemeinsamkeiten gibt es zwischen ihnen dennoch. Beide können die Sprache des anderen sprechen, Merkel hat in der DDR Erfahrung mit der Sowjetunion gemacht - und beide gehen die Dinge sachlich an. Da sind sie sich ähnlich, heißt es im Umfeld Merkels.

Als Zeichen der Abgrenzung gegenüber Schröders Russland-Politik war offenbar ein weiteres Treffen Merkels nach den Gesprächen mit Putin gemeint: Bei einem Empfang in der Residenz des deutschen Botschafters traf sie neben Parlamentariern, Kirchenvertretern, Managern, Künstlern und Wissenschaftlern auch Vertreter von Menschenrechtsorganisationen.

Die Intensität der Kontakte mit Russland soll beibehalten werden. Bereits Ende April treffen sich Merkel und Putin im westsibirischen Tomsk bei den deutsch-russischen Regierungskonsultationen erneut. Zur Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung bei Berlin und zur 800-Jahr-Feier in Dresden lud Merkel den russischen Präsidenten nach Deutschland ein.



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