Antrittsrede Bush will die Welt von Tyrannei befreien

George W. Bush ist am Ziel seiner Wünsche. Vor dem Kapitol in Washington legte der 43. US-Präsident den Eid für seine zweite Amtszeit ab. In seiner missionarischen Antrittsrede beschwor er seine Vision, Freiheit und Demokratie in die Welt zu tragen, um Tyrannei und Hass zu beenden.


Bush vor dem Kapitol: "Freiheit in aller Welt"
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Bush vor dem Kapitol: "Freiheit in aller Welt"

Washington - In der Befreiung unterdrückter Völker liege die größte Chance für den Weltfrieden, sagte er in seiner Antrittsrede. "Das Überleben der Freiheit in unserem Land hängt immer mehr vom Erfolg der Freiheit in anderen Ländern ab. Die beste Hoffnung für Frieden in unserer Welt ist die Ausbreitung von Freiheit in aller Welt."

Ohne einzelne Länder beim Namen zu nennen, mahnte er nach seiner Vereidigung auf den Stufen des Kapitols in Washington autokratische Regime, dass die USA die Unterdrückung der Bürger nicht hinnehmen werden.

"Alle, die in Tyrannei und Hoffnungslosigkeit leben, sollen wissen: Die Vereinigten Staaten werden eure Unterdrückung oder die Ausflüchte eurer Unterdrücker nicht hinnehmen. Wenn ihr für Freiheit einsteht, stehen wir hinter euch", sagte Bush. In der Befreiung unterdrückter Völker liege die größte Chance für die Sicherheit der USA und den Weltfrieden. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 hätten die Verwundbarkeit der USA gezeigt.

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Bush-Vereidigung: Schneesturm und Feuerwerk

Bush versicherte befreundeten Nationen seine Freundschaft. "Wir brauchen euren Rat, wir sind auf eure Hilfe angewiesen", sagte er. "Streitereien unter freien Nationen sind das Hauptziel der Feinde der Freiheit." Amerikas Einfluss sei nicht unbegrenzt. "Aber zum Glück für die Unterdrückten ist der Einfluss bedeutend, und wir werden ihn im Einsatz für die Freiheit selbstbewusst einsetzen."

Die Vereinigten Staaten hätten weltweit Aufgaben übernommen, die zwar schwer zu erfüllen seien, aber nicht aufgegeben werden könnten.

"So wahr mir Gott helfe"

Mit einer Hand auf der Familienbibel hatte Bush um kurz vor 12 Uhr Ortszeit geschworen, die US-Verfassung zu verteidigen. Den Amtseid nahm der Oberste Richter, William Rehnquist, ab. Der 80-Jährige ist seit Monaten an Schilddrüsenkrebs erkrankt. Der Amtseid könnte nach Angaben von Beobachtern einer seiner letzten Amtshandlungen sein. Die Zeremonie fand unter den schärfsten Sicherheitsmaßnahmen statt, die es je bei der Amtseinführung eines Präsidenten gab.

Auf den Stufen des Kapitols hatten Hunderte Ehrengäste Platz genommen, darunter die Eltern des Präsidenten, mehrere seiner Amtsvorgänger und Senator John Kerry, der Bush bei den Wahlen im November unterlegen war. Bushs Frau Laura und die Zwillingstöchter Barbara und Jenna Bush hatten bereits auf der Ehrentribüne Platz genommen, ehe Bush unter Fanfarenklängen aus dem Gebäude schritt.

Bush beim zweiten Amtseid: "So wahr mir Gott helfe"
REUTERS

Bush beim zweiten Amtseid: "So wahr mir Gott helfe"

Vor Bush legte Vizepräsident Richard Cheney seinen zweiten Amtseid ab. Der Geistliche Luis Leon bat um göttlichen Beistand für den Präsidenten. "Möge dieses Land eine Segnung für die Welt sein", sagte er. Ein Atheist war in letzter Minute mit dem Vorstoß gescheitert, die Teilnahme des Predigers zu vereiteln. Seiner Ansicht nach verletzt der Auftritt die in der Verfassung garantierte Trennung von Staat und Kirche. Das Oberste Gericht lehnte seinen Einwand ab.

Bush tritt sein Amt mit weniger Zuspruch der Bevölkerung an als die Präsidenten vor ihm, die für eine zweite Amtszeit gewählt worden waren. In einer neuen Umfrage lobten nur 49 Prozent der Befragten seine Amtsführung. Bill Clinton und Ronald Reagen hatten bei ihrem zweiten Amtsantritt Zustimmungsraten von mehr als 60 Prozent.

Demonstrationen in mehreren Städten gegen Bush

Die US-Hauptstadt war heute unter einer Schneedecke und mit Temperaturen unter Null Grad aufgewacht, mit Tausenden Soldaten und Polizisten auf den Straßen und dicken Betonbarrieren, mit denen das gesamte Regierungsviertel für den Verkehr gesperrt war. Unter die mehr als 100.000 Besucher mischten sich Spezialisten mit mobilen Detektoren für biologische oder chemische Kampfstoffe. Der Luftraum war weiträumig abgesperrt. Dennoch waren Flugabwehrraketen aufgestellt worden.

Präsident Bush mit seiner Frau Lauro bei den Feierlichkeiten zur Amtseinführung
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Präsident Bush mit seiner Frau Lauro bei den Feierlichkeiten zur Amtseinführung

Mit dem traditionellen Gottesdienst hatten am Morgen in Washington die Feierlichkeiten zur Amtseinführung begonnen. Der Präsident, seine Frau Laura und die Zwillingstöchter Barbara und Jenna fuhren am Vormittag in einer Autokolonne in die wenige Blocks vom Weißen Haus entfernten St. John's Church. Danach begab sich die Präsidentenfamilie zum Kapitol.

Für die zweite Vereidigung Bushs wurden unter dem Eindruck der Terroranschläge vom 11. September 2001 die schärfsten Sicherheitsmaßnahmen angeordnet, die es je bei der Amtseinführung eines Präsidenten gab. Im weiten Umkreis der Veranstaltungsorte wurden Straßensperren errichtet.

In Washington, San Francisco, Los Angeles und anderen Städten wurden Demonstrationen mit Tausenden Teilnehmern erwartet. "Es gibt einige in diesem Land, die nicht in der Stimmung sind, den Präsidenten einen sonnigen Tag genießen zu lassen", sagte James Hudnut-Beumler, ein Experte für Protestbewegungen. Historisch betrachtet seien Demonstranten gegen die Amtseinführung eines Präsidenten eher selten.

Bushs Irak-Krieg spaltet noch immer die Welt

Während die politischen Verbündeten mit Zuversicht auf die nächsten vier Amtsjahre Bushs blicken, brachten seine Kritiker ihre Skepsis zum Ausdruck. In vielen Ländern kam es zu Protestkundgebungen gegen Bush.

Der britische Premierminister Tony Blair, der engste Verbündete der USA im Irak-Krieg, sprach von einem Wandel in der amerikanischen Außenpolitik und äußerte die Hoffnung auf mehr Konsens in den internationalen Beziehungen. Blair sagte der Zeitung "The Guardian", er habe bei seinen verschiedenen Gesprächen mit Bush eine "Evolution" in dessen Außenpolitik festgestellt.

"Evolution kommt aus der Erfahrung", sagte Blair dem Blatt zufolge. Die US-Regierung sei zu der Auffassung gelangt, dass man zwar mit Sicherheits- und Militärmaßnahmen gegen den Terrorismus vorgehen könne, dass aber eine Ausbreitung der Demokratie und der Menschenrechte die besten Aussichten auf eine friedliche Koexistenz biete.

Der japanische Ministerpräsident Junichiro Koizumi hob hervor, dass Bush in den vergangenen vier Jahren an Erfahrung gewonnen habe. Er hoffe deshalb, dass der Präsident weiterhin einen aktiven Beitrag zum Frieden in der Welt unter internationaler Koordination leiste, sagte Koizumi zu Journalisten.

Die neue EU-Kommissarin für Außenpolitik, die Österreicherin Benita Ferrero-Waldner, äußerte die Hoffnung auf eine Verstärkung der transatlantischen Zusammenarbeit zum Nutzen der Welt. Amnesty International (AI) appellierte an den US-Präsidenten, sich in einer zweiten Amtszeit uneingeschränkt an Völkerrecht und Menschenrecht zu orientieren. Die Menschenrechtsorganisation forderte von Bush außerdem eine unabhängige Untersuchung von Folterfällen im Gefängnis Abu Ghureib bei Bagdad und im Internierungslager auf dem US-Stützpunkt Guantanamo auf Kuba.

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