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Antrittsrede: Obama verkündet seinen amerikanischen Traum

Von , Washington

Barack Obama hält zur Amtseinführung die Ruckrede, auf die die USA und die Welt gewartet haben. Eine große Krise braucht große Lösungen - nicht Zank ums Klein-Klein: Das ist seine Botschaft. Und ein Seitenhieb auf Vorgänger George W. Bush, dessen Politik er messerscharf seziert.

Washington - Als sein Name um kurz vor zwölf Uhr mittags vor dem Westportal des Kapitols angekündigt wird, jubeln auf der National Mall fast zwei Millionen Menschen und schwenken Fähnchen. Obama kennt diesen Moment, bei Wahlkampfreden ist er oft durch den Applaus zum Podium getänzelt, fast wie ein Boxer vor seinem Kampf. Jetzt schreitet der designierte mächtigste Mann der Welt langsam durch den Gang auf die Ehrentribüne vor dem Kapitol. Er hat ein Lächeln auf den Lippen, doch es wirkt abwesend, nach innen gekehrt.

Er schüttelt Hände, er umarmt Freunde, aber sieht er sie auch?

Obama nimmt Platz in einem blauen Ledersessel und dann schließt er die Augen, als Pastor Rick Warren davon spricht, dass Martin Luther King jetzt im Himmel Freudenschreie ausstoßen würde. Dann steht er auf zum Amtseid, der Oberste Richter John Roberts verhaspelt sich beim Text.

Obama lacht, es klingt nervös.

Er tritt ans Rednerpult, endlich als gekürter US-Präsident, und er spricht aus, was deutlich zu sehen ist: "Ich stehe hier heute voller Demut vor der Aufgabe, die uns bevorsteht." Denn die Lage, sie ist ernst. "Die Nation ist im Krieg. Dass wir in der Mitte einer Krise stecken, haben wir nun begriffen. Unsere Wirtschaft ist schwer angeschlagen, durch die Gier und Verantwortungslosigkeit weniger - aber auch durch unser kollektives Versagen, harte Entscheidungen zu treffen und unsere Nation auf ein neues Zeitalter vorzubereiten."

Obama als nationaler Chefpsychologe

Das setzt den Ton. Der frisch vereidigte Präsident möchte sein, was die Amerikaner einen "transformative leader" nennen. Einer, der die wahren Probleme offen anspricht und von seinen Anhängern auch Opfer verlangt. Nach acht Jahren, in denen George W. Bush die Amerikaner selbst nach den Anschlägen vom 11. September aufforderte, zum Einkaufen zu gehen - und die Steuern senkte.

Eigentlich stellt sich der neue Präsident als neuer Chefpsychologe vor.

Er sagt, dass man die wirtschaftlichen Indikatoren der Krise messen könne, doch: "Nicht so leicht zu quantifizieren, aber nicht weniger bedeutend ist, wie sehr das unsere Moral und unsere Zuversicht schwächt. Es geht eine Angst um im Land, dass Amerikas Niedergang nicht abzuwenden ist - und dass die nächste Generation ihre Ansprüche und Erwartungen senken muss."

Seine Helfer hatten eine Rede zu mehr Verantwortung angekündigt. An diesem Montag, dem Martin-Luther-King-Day, war der ehemalige Sozialarbeiter Obama durch Obdachlosenheime und Schulen in Washington getourt, hatte eigenhändig Wände gestrichen. Es schien, als wolle er in Taten packen, was John F. Kennedy 1961 den Amerikanern entgegen rief: "Frag nicht, was Dein Land für Dich tun kann, sondern was Du für Dein Land tun kannst."

Nun hat Obama dazu eigene Sätze parat: "Nötig ist eine neue Ära der Verantwortung. Das Eingeständnis jedes Amerikaners, dass wir Pflichten uns selbst gegenüber haben, gegenüber der Nation und der Welt."

Enden sollen die ideologischen Grabenkämpfe, das ewige Washingtoner Hauen und Stechen, gegen das der neue Präsident seinen Wahlkampf vom Wandel geführt hat. "Wir sind noch immer eine junge Nation, aber es ist die Zeit gekommen, kindischen Streit hinter uns zu lassen." Dann, so lautet Obamas Botschaft, gäbe es keinen Zweifel am guten Ausgang: "Die Lage ist ernst, wir haben viele Probleme, die wir nicht auf die Schnelle werden lösen können. Aber lassen Sie mich dies sagen: Amerika wird sie lösen."

Messerscharfe Abrechnung mit dem Vorgänger

Da dröhnt der Applaus über die "National Mall", durch die Winterkälte. Und bald wird auch klar, was für einen Neuanfang Obama anstrebt. Er hat George W. Bush am Anfang seiner Rede für dessen Dienst gedankt, für seine Unterstützung in der Übergangsphase seit dem Wahltag. Doch viele Passagen seiner Rede sind messerscharfe Abrechnungen mit dem Vermächtnis des Republikaners.

Wissenschaft solle wieder ihren vollen Stellenwert erhalten - die Bush-Regierung hatte sich gerade wegen des Klimaschutzes mit den meisten Forschern überworfen. Obama erwähnt Sonnen- und Windenergie, er sagt: "Die Frage, die wir uns heute stellen müssen, ist nicht, ob unsere Regierung zu groß ist oder zu klein, sondern ob sie ihre Aufgabe erfüllt." Ein Seitenhieb auf das republikanische Mantra, der Staat sei das Problem, nicht die Lösung.

Vielleicht am deutlichsten wird der Bruch aber in Obamas Sätzen zur Außenpolitik. Sicher, auch er muss klarmachen, dass er sich nicht herumschubsen lassen wird von Terroristen. "Wir werden uns auch in Zukunft nicht für unsere Lebensweise entschuldigen oder auch nur einen Moment lang zögern, sie zu verteidigen." Islamistische Führer, die nur den Westen verantwortlich machten oder Zwietracht säten, erinnert er streng: "Denkt daran, dass eure Völker euch daran messen, was ihr schafft, und nicht daran, was ihr zerstört."

Es sind entschlossene Worte gegen die Feinde Amerikas, aber die Bush-Rhetorik ist verschwunden. Kein Wort mehr von Gut und Böse, vom Kampf bis zu den Toren der Hölle.

Stattdessen: "Was unsere Verteidigung betrifft: Wir lassen uns die falsche Wahl zwischen Sicherheit und unseren Idealen nicht aufzwingen." Beides soll künftig wieder möglich sein. Obama wird wohl schon am ersten Amtstag die Schließung des umstrittenen Gefangenenlagers in Guantanamo und die Ächtung von Folter ankündigen.

Botschaften, auf die der Rest der Welt wartet

Der neue Präsident weiß: Das sind die Entscheidungen, auf die der Rest der Welt wartet. Und er sendet eine Botschaft an den Globus: "Amerika ist der Freund jeder Nation, jedes Mannes und jeder Frau und jedes Kindes, wenn sie ein Leben in Frieden und Würde leben wollen; und wir sind bereit, wieder die Führung dieser Nationen zu übernehmen."

Erst fast am Ende geht der erste schwarze US-Präsident auf seine Hautfarbe ein. Vor dem strahlend weißen Kapitol, das einst Sklaven erbauen mussten. Auf den Straßen Washingtons, wo mehr als die Hälfte der Einwohner dunkle Haut hat, sind in diesen Tagen immer wieder ältere Schwarze mit ihren Enkeln und Kindern zu beobachten - denen sie erklären, nun könnten auch sie alles werden.

Viele von ihnen haben während Obamas Rede Tränen in den Augen. Es ist nicht ganz klar, ob sie sich für die Jungen freuen - oder sich fragen, warum diese Möglichkeiten nicht schon für sie galten.

An sie denkt Obama wohl zuerst, als er schlicht von den Grundwerten der USA spricht. Die es möglich machten, dass ein Mann, dessen Vater vor sechs Jahrzehnten vielleicht in einem Restaurant nicht bedient worden wäre, nun den Eid als Präsident ablegen kann. "Also lasst uns diesen Tag mit der Erinnerung daran verbinden, wer wir sind und wie weit wir gereist sind."

Und wie weit er gekommen ist? Vor vier Jahren war der neue Präsident noch ein Jungsenator mit dem sperrigen Namen Barack Hussein Obama. Nun geleitet er George W. Bush nach seiner Rede zum Hubschrauber, der ihn aus der Stadt bringt.

Vize Dick Cheney, so unbeliebt wie kein anderer Vizepräsident in der US-Geschichte, wird wegen eines Rückenleidens im Rollstuhl zum Wagen geschoben.

Präsidentenpaar Obama und Vizepräsidentenpaar Biden schauen ihnen nach, sie stehen aufrecht, sie winken entschlossen. Sie brechen auf zum Lunch im Kongress, bei dem Obama eine neue Kultur der Zusammenarbeit ankündigt.

Es ist einfach ein Regierungswechsel in Washington. Auf Präsident No. 43 folgt Präsident No. 44.

Aber es wirkt wie ein Zeitenwechsel.

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