Massaker in Afghanistan: Mutmaßlicher Amokschütze gilt als Familienmensch

Er ist Unteroffizier, 38 Jahre alt und war im US-Bundesstaat Washington stationiert: Robert Bales heißt der Mann, der 16 afghanische Zivilisten erschossen haben soll. Der Soldat wartet in einem Hochsicherheitstrakt der Armee auf seine Anklage.

Mutmaßlicher Amokschütze Bales (rechts): Freundlicher Familienmensch? Zur Großansicht
AP/ DVIDS

Mutmaßlicher Amokschütze Bales (rechts): Freundlicher Familienmensch?

Lake Tapps - Der Anwalt des US-Soldaten, der in Afghanistan 16 Zivilisten getötet haben soll, hat die Identität seines Mandanten mitgeteilt. Es handele sich um Robert Bales, einen 38-jährigen Unteroffizier der Armee, sagte der Jurist John Henry Browne. Das US-Militär bestätigte dies. Bales kam nach Armeeangaben in der Nacht zum Samstag auf der Militärbasis Fort Leavenworth in Kansas an. Dort sitzt der 38-jährige Soldat bis zur Erhebung der Anklage gegen ihn in einem Hochsicherheitstrakt in Einzelhaft. Bales war zunächst von Afghanistan nach Kuwait geflogen worden, wo er die vergangenen Tage verbracht hatte.

Es wird erwartet, dass sich Bales vor einem Militärgericht verantworten muss, aber es ist unklar, wo der Prozess stattfinden soll. Die Anklageerhebung soll schnell erfolgen. Bales wird vorgeworfen, in einem afghanischen Dorf 16 Zivilisten erschossen zu haben, darunter neun Kinder und drei Frauen.

Der Amoklauf hat das ohnehin schwierige Verhältnis zwischen den USA und Afghanistan weiter belastet. Kurz nach der Tat verlangte Afghanistans Präsident Hamid Karzai einen Abzug der Nato-Truppen aus dem Land im Jahr 2013 - früher als eigentlich geplant. Allerdings relativierte Karzai seine Forderung wenig später.

Anwalt sieht Schuld der Regierung

Einem Bericht der "New York Times" zufolge könnten Stress, Eheprobleme und Alkohol den Amoklauf ausgelöst haben, bei dem 16 Zivilisten ums Leben kamen. Der Unteroffizier habe in der Nacht vor dem Massaker getrunken. Zwischen dem Soldaten und seiner Frau habe es Spannungen gegeben. Zudem habe er unter Stress wegen seines inzwischen vierten Kriegseinsatzes gelitten.

Anwalt Browne sagte, ein Teil der Verteidigungsstrategie werde wohl darauf abzielen, auf eine posttraumatische Belastungsstörung bei Bales hinzuweisen. Am Freitag vor der Tat habe Bales gesehen, wie ein anderer Soldat schwer verletzt worden sei. Bales sei zudem unglücklich darüber gewesen, wieder im Einsatz gewesen zu sein, nachdem er im Irak zweimal verwundet worden war. Berichte über Eheprobleme seines Mandanten bezeichnete er als Unsinn.

Der Anwalt sieht die Schuld vielmehr auf Seiten der Regierung. Der Soldat sei zweimal im Irak verwundet worden, "und er war sich nicht sicher, ob er gesund genug war, um wieder eingesetzt zu werden". Die Regierung werde den Amoklauf "einem Individuum anlasten wollen, statt vielmehr die Schuld beim Krieg selbst zu sehen", sagte Browne. Bisher hat er seinen Mandanten nicht persönlich getroffen.

In Bales' Heimatort wurde die Nachricht mit Bestürzung aufgenommen. Bales' Nachbarn beschrieben ihn als Familienmenschen, dem sie eine solche Tat nicht zugetraut hätten. Zahlreiche Medienvertreter fuhren in die kleine Gemeinde Lake Tapps im US-Bundesstaat Washington im Nordwesten des Landes. Der Ort liegt etwa 30 Kilometer vom Armeestützpunkt Lewis-McChord entfernt.

ulz/dpa/Reuters/dapd

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insgesamt 94 Beiträge
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1. xxx
Dumpfmuff3000 17.03.2012
Zitat von sysopAFPEr ist Unteroffizier, 38 Jahre alt und war im US-Bundesstaat Washington stationiert: Robert Bales heißt der Mann, der 16 afghanische Zivilisten erschossen haben soll. Der Soldat wartet in einem Hochsicherheitstrakt der Armee auf seine Anklage. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,821899,00.html
Klar, Familienmensch, Alkoholprobleme, Eheprobleme, der Arme. Was will man uns damit sagen? Daß er ein Opfer war? Daß man Verständnis haben soll? Daß Ausraster wie seiner Einzelfälle seien und nicht Symptom dieses Krieges? Daß dies im Großen und Ganzen ein sauberer Krieg sei?
2. Wie in lupenreinen Demokratien üblich,...
Duzend 17.03.2012
Zitat von sysopAFPEr ist Unteroffizier, 38 Jahre alt und war im US-Bundesstaat Washington stationiert: Robert Bales heißt der Mann, der 16 afghanische Zivilisten erschossen haben soll. Der Soldat wartet in einem Hochsicherheitstrakt der Armee auf seine Anklage. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,821899,00.html
...werden dieser Vorfall und dieses Verfahren nicht zu einem Abschluss kommen, ohne dass sich die Regierung hier mit einer unmissverständlichen Weisung für die Urteilsfindung zu Wort meldet. Hier wird so einiges zusammenkommen und es wird sich die die Haltung der Regierung zur aussenpolitischen Stimmungslage der US-Bevölkerung in verdichteter Form abbilden: Ein harsches Urteil und seine konsequente Vollstreckung stehen für die Sprachregelung: Der Krieg ist berechtigt und als solcher nicht zu hinterfragen, weil in seiner lehrbuchmässigen Form ja "human" zu führen. Eine Begnadigung hingegen kann zweierlei bedeuten: In ausdrücklicher Entsprechung der durch die Verteidigung vorgebrachten Argumentation käme sie einer Verurteilung des Kriegführens als nationaler Abwegigkeit gleich. Dies wäre schon fast eine Vorentscheidung zu den in näherer Zukunft anstehenden ähnlich gelagerten Kriegen. Oder aber ein betont mildes Urteil in offener oder verdeckter Form perpetuiert die zynisch-martialische Botschaft, die den USA schon so oft unterstellt wurde: Platz da, wir führen Krieg! Wenn irgendwo Späne fliegen, dann deshalb, weil wir man uns zum Hobeln zwingt. Was beim Gegener Angst und Schrecken erzeugt, kann gar nicht so falsch sein, weil es sich ja immerhin um einen Gegner handelt. Dass diese Episode zum ersten Fanfarenstoss wird, mit dem man zum allgemeinen Rückzug bläst, dagegen stehen die Chancen 2:1.
3.
niska 17.03.2012
Zitat von sysopAFPEr ist Unteroffizier, 38 Jahre alt und war im US-Bundesstaat Washington stationiert: Robert Bales heißt der Mann, der 16 afghanische Zivilisten erschossen haben soll. Der Soldat wartet in einem Hochsicherheitstrakt der Armee auf seine Anklage. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,821899,00.html
Das mit dem Familienmensch sicht man doch allein schon an seiner Opferliste... Was für ein unnötiger Artikel. Der Mann gehört in den Bau und nicht subtil entschuldigt.
4. Familien(un?)mensch
monty_cantsin 17.03.2012
Zitat von Dumpfmuff3000Klar, Familienmensch, Alkoholprobleme, Eheprobleme, der Arme. Was will man uns damit sagen? Daß er ein Opfer war? Daß man Verständnis haben soll? Daß Ausraster wie seiner Einzelfälle seien und nicht Symptom dieses Krieges? Daß dies im Großen und Ganzen ein sauberer Krieg sei?
Familienmensch? Weil er statt einzelner Afghanen lieber gleich afghanische Familien erschiesst? Das ist aber eine seltsame Auslegung dieses Begriffs.
5. Aha
ford_fairlane 17.03.2012
In US-Foren las ich bereits, dass er freigesprochen werden sollte, da die getöteten eh alles potentielle Terroristen gewesen seien, vor allem die Kinder. Er ist Familienmensch, war betrunken, hatte Eheprobleme, der Nachbarshund hatte vielleicht auf seinen Rasen gekackt. Wer da nicht Amok läuft, der hat doch im der zivilisierten Welt nichts verloren. Ihn wird die volle Härte der US-Justiz treffen. Also muss er mindestens mit 6 Monaten auf Bewährung rechnen. Das wird dann andere Soldaten so richtig abschrecken und die USA-Fanclubs in der arabischen Welt werden einen Zulauf haben wie die FDP in Deutschland.
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