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Appell an Entführer: Ägyptischer Islamist fordert Freilassung deutscher Geiseln

Überraschender Appell eines Gesinnungsgenossen: Der 2003 von der CIA verschleppte ägyptische Islamist Abu Omar hat die Entführer der beiden Deutschen aufgerufen, ihre Geiseln unversehrt freizulassen. Regierungspolitiker machen klar, dass sie den Forderungen der Kidnapper nicht nachgeben wollen.

Kairo - Der ägyptische Islamist Hassan Mustafa Osama Nasr, auch bekannt als Abu Omar, hat an die Entführer der beiden Deutschen im Irak appelliert, ihre Geiseln freizulassen. "Ich bitte Sie im Namen Allahs, die Gefangenen auf freien Fuß zu setzen", sagte Abu Omar heute in Kairo. Keinesfalls dürften die Verschleppten getötet werden.

Islamist Abu Omar: Appell an die Geiselnehmer
REUTERS

Islamist Abu Omar: Appell an die Geiselnehmer

Der islamische Geistliche war nach Ermittlungen der italienischen Staatsanwaltschaft im Jahr 2003 von Agenten des US-Geheimdienstes CIA in Mailand auf offener Straße gekidnappt und über den US-Flughafen Ramstein nach Ägypten gebracht worden, wo er schwer gefoltert wurde. Der unter Terrorverdacht stehende Islamist war erst Mitte Februar aus der Haft entlassen worden. Jetzt will er vor der italienischen Justiz aussagen, die entscheiden muss, ob gegen 26 CIA-Agenten sowie gegen den ehemaligen Chef des italienischen Militärgeheimdienstes ein Prozess wegen der Entführung Abu Omars eröffnet wird.

Am Wochenende hatten islamische Extremisten mit zwei Videobotschaften die Bundesregierung unter Druck gesetzt. In einem am Samstag veröffentlichten Video drohten Kidnapper mit der Ermordung der beiden seit Anfang Februar im Irak verschleppten Deutschen, sollte Deutschland nicht binnen zehn Tagen seine Truppen aus Afghanistan abziehen. Die zweite Botschaft einer anderen Gruppierung tauchte nur wenige Stunden später auf. Darin werden Deutschland und auch Österreich gewarnt, die Zusammenarbeit mit den USA in Afghanistan könne muslimische Kämpfer zu Attentaten animieren.

Unerfüllbare Forderungen

Die Forderungen wurden in Berlin umgehend als unerfüllbar zurückgewiesen. "Wir können uns auf keinen Fall irgendwelchen Ultimaten von Terroristen beugen", sagte der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Wolfgang Bosbach (CDU), gegenüber RTL. "Wir müssen außen- und sicherheitspolitisch das tun, was wir für richtig halten." Zudem sagte er: "Es gibt wohl einen Zusammenhang zwischen den Drohbotschaften, die wir erhalten haben, und der Beschlussfassung des Deutschen Bundestages zum Einsatz der Tornados in Afghanistan."

Die Bundesregierung habe sich auch in den 70er Jahren "niemals innenpolitisch dem Druck der RAF gebeugt und wir dürfen uns jetzt auch außenpolitisch nicht dem Druck von Terroristen beugen", sagte Bosbach weiter.

In dem dramatischen Geiselvideo, das gestern auf einer Islamisten-Internetseite auftauchte, bittet die verschleppte 61-Jährige Deutsche konkret Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) um Hilfe für sich und ihren Sohn. "Wir sind doch auch Deutsche", sagt die Frau mit tränenerstickter Stimme. Sie und ihr 20 Jahre alter Sohn waren am 6. Februar in Bagdad verschleppt worden. Der Sohn kauert in den Aufnahmen neben seiner Mutter, die ein lose umgebundenen Kopftuch trägt. Die Frau ist mit einem irakischen Professor verheiratet und stammt aus dem Großraum Berlin.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) versicherte in Berlin, die Bundesregierung werde nichts unversucht lassen, um die beiden Entführten freizubekommen. Er zeigte sich nach einem Besuch im Krisenzentrum des Auswärtigen Amtes erschüttert über ihr Schicksal. Auf das Ultimatum der Kidnapper, die sich "Brigade der Pfeile der Rechtschaffenheit" - eine bislang unbekannte Gruppierung - nennen, ging er mit keinem Wort ein.

Drohungen am Tag nach Mandatserweiterung für Afghanistan

Ebenfalls am Samstag tauchte dann eine weitere Drohung in einem Internet-Forum namens "Stimme des Kalifats" auf. Darin heißt es, eine weitere Zusammenarbeit Deutschlands mit den USA "gegen den Islam und die Muslime" werde zu einer Gefährdung im eigenen Lande führen. Das Band zeigt einen maskierten Sprecher einer bislang unbekannten Gruppe, der Deutschland und Österreich dazu auffordert, die Amerikaner nicht länger in Afghanistan zu unterstützen. "Dieser Krieg ist nicht Euer Krieg und Ihr könnt ihn Euch nicht leisten", sagt der Mann auf arabisch. In geschliffen formulierten Untertiteln wurde die deutsche Übersetzung mitgeliefert.

Auch in diesem Fall wollte sich die Bundesregierung zum Inhalt des Videos nicht äußern. Die Aufzeichnung werde - ebenso wie das Geiselvideo - sorgfältig von Spezialisten analysiert, erklärte das Auswärtige Amt. Auch die Bundeswehr, die bislang fast 3000 Soldaten in Afghanistan stationiert hat, wollte zu den Drohungen ebenfalls nicht Stellung nehmen. Erst am Freitag hatte der Bundestag die Entsendung von Aufklärungs-Tornados nach Afghanistan und damit eine Ausweitung des Engagements beschlossen.

Österreich hat derzeit vier Stabsoffiziere in Afghanistan stationiert, für die jetzt die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt wurden. Dennoch sieht Bundeskanzler Alfred Gusenbauer "keine akute Bedrohung" für sein Land. Im Österreichischen Rundfunk verwies er darauf, dass die österreichischen Soldaten in Afghanistan nicht im Kampfeinsatz stünden.

Vor der jüngsten Entführung wurden in den vergangenen Jahren bereits zwei Mal Deutsche im Irak verschleppt: Ende 2005 die Archäologin Susanne Osthoff und Anfang 2006 die beiden Ingenieure Thomas Nitzschke und René Bräunlich. Alle kamen wieder frei - Medien berichteten von Lösegeldzahlungen in Millionenhöhe.

phw/dpa/reuters

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Erschütternde Videobotschaft: Deutsche Irak-Geiseln flehen um Hilfe

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