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Appell für Christen-Rechte: Wulffs türkische Lehrstunde

Aus Ankara berichtet

Erst mahnte er seine Landsleute zu mehr Toleranz, jetzt waren die Türken dran: Bei seiner historischen Rede vor dem Parlament in Ankara hat Bundespräsident Christian Wulff mehr Rechte für Christen in islamischen Ländern gefordert. Das kam nicht überall gut an.

Es war ein historisches Ereignis, aber nicht jedem Abgeordneten stand der Sinn nach Geschichte. Nur knapp die Hälfte der Plätze der Nationalversammlung in Ankara war am Dienstag gefüllt, als Christian Wulff als erster deutscher Präsident im türkischen Parlament ans Rednerpult trat. Auszüge der Rede waren schon vorher bekannt geworden. Möglicherweise missfiel einigen Parlamentariern die Botschaft, die der Gast aus Deutschland mitgebracht hatte.

Wulffs Rede erinnert in vielem an seine Ansprache vom 3. Oktober, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Damals hatte er gesagt, der Islam gehöre zu Deutschland. In Ankara sagte er: "Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei". Er erwarte, dass Christen in islamischen Ländern die gleichen Rechte hätten, ihren Glauben öffentlich zu leben, theologischen Nachwuchs auszubilden und Kirchen zu bauen. "Die Religionsfreiheit ist Teil unseres Verständnisses von Europa als Wertegemeinschaft."

Damit rührte Wulff an ein schwieriges Thema. Die türkische Regierung bemüht sich zwar seit einiger Zeit, die Stellung der Christen im Lande zu verbessern, grundlegend geändert hat sich aber bisher noch nichts. Der Bau von Kirchen wird von den Behörden weiterhin verhindert, die großen Konfessionen dürfen nach wie vor keine Priester ausbilden. In der Bevölkerung gibt es weiterhin ein hohes Misstrauen gegenüber Christen, obwohl diese nur noch etwa ein halbes Prozent der türkischen Bevölkerung ausmachen.

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Staatsbesuch in der Türkei: Wulff zwischen Islam und Christentum
Selbst Staatspräsident Abdullah Gül, der Wulffs Rede in Bremen begrüßt und seine Landsleute in Deutschland zur Integration aufgefordert hatte, schien das Thema unangenehm. Auf einer Pressekonferenz wurde er gefragt, ob er auch der Meinung sei, das Christentum gehöre zur Türkei. Gül äußerte sich weitschweifig und sehr allgemein zur Frage, wie sich Migranten in ihre neue Gesellschaft einfügen müssten. Die Frage beantwortete er nicht.

Wulff forderte die in Deutschland lebenden Einwanderer auf, sich besser zu integrieren. "Als ihr aller Präsident fordere ich, dass jeder Zugewanderte sich mit gutem Willen aktiv in unsere Gesellschaft einfügt", sagte er. Zuwanderer müssten die deutsche Sprache lernen, sich an Recht und Gesetz halten und sich mit den Lebensweisen der Menschen vertraut machen. "Wer in Deutschland leben will, muss sich an diese geltenden Regeln halten und unsere Art zu leben akzeptieren." Es gehe allerdings nicht darum, dass jemand seine kulturelle Identität aufgeben oder seine Herkunft verleugnen müsse.

Das waren Redepassagen, die auch auf jedem Unionsparteitag bejubelt worden wären. Dennoch lieferte Wulff keine Munition für die deutschen Politiker, die wie der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer eine anti-islamische Debatte befeuern wollten. Die Einwanderer hätten Deutschland vielfältiger, offener und der Welt zugewandter gemacht, sagte er. Die Türken in Deutschland seien herzlich willkommen und gehörten "zu unserem Land".

Zum EU-Beitritt der Türkei wiederholte Wulff lediglich die offizielle Position der Bundesregierung, die Verhandlungen müssten "ergebnisoffen" geführt werden. Dafür streifte er ein Thema, das in der Türkei besonders belastet ist: Der Mord an Hunderttausenden von Armeniern während des ersten Weltkrieges. Die Türkei habe die volle Unterstützung Deutschlands für ihre Bemühen, das Verhältnis zu Armenien zu verbessern, sagte Wulff. Nach einem Exkurs über die deutsche Geschichte fügte er hinzu: "Die Überwindung historischer Gegensätze ist nicht möglich, ohne sich mit der eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen." In der Türkei ist es ein Tabu, von einem Völkermord zu sprechen.

In Wulffs Rede fanden sich Passagen, die er wortgleich am 2. Oktober gesagt hatte. Für ihn seien beide Reden zwei Seiten einer Medaille, hatte er zuvor gesagt. Zumindest bei türkischen Politikern schienen aber seine Aussagen in Deutschland deutlich besser anzukommen als der Auftritt in Ankara. Als Wulff geendet hatte, verließen einige Parlamentarier sofort den Saal. Es gab es nur einen sehr kurzen, höflichen Applaus. Das spricht in diesem Fall nicht gegen die Botschaft, die der Bundespräsident mitgebracht hatte.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 483 Beiträge
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1. Gute Rede
Waiguoren 19.10.2010
Jetzt macht auch die Rede am 3. Oktober mehr Sinn. Ein genialer Schachzug von Wulff.
2. Mir
Spiegeleii 19.10.2010
ist ganz schlecht. Wulff führt zu Übelkeit
3. Streiter für den Herrn?
elCaputo 19.10.2010
Der deutsche Bundespräsident im Dienste des Pontifex Maximus? Bin ich der einzige, der das explizite Eintreten unseres Staatsoberhauptes für kirchliche Interessen - noch dazu in der laizistischen Türkei - für ein wenig unglücklich hält? Freilich gab es auch immer wieder Versuche türkischer Politiker, Einfluss auf Prozesse zu nehmen, die mit dem Umgang mit dem Islam in Deutschland befasst waren. Auch die Integrationsdebatte wurde immer wieder laut und wenig förderlich aus der Türkei kommentiert. Statt dies mit dem Hinweis auf die Souveränität unseres Landes zurückzuweisen, nutzt man nun den Besuch Wullfs in der Türkei zur billigen Retourkutsche. Wer glaubt ehrlich, dass Wulff am Schicksal christlicher Türken gelegen ist?
4. und tschüss
kimba2010 19.10.2010
"Imam Wulff" möge bitte in seiner geliebten Türkei bleiben. Irgendwie hat er nämlich seinen Job als deutscher (!) BuPrä missverstanden.
5. ++
saul7 19.10.2010
Zitat von sysopErst mahnte er seine Landleute zu mehr Toleranz, jetzt waren die Türken dran: Bei seiner historischen Rede vor dem Parlament in Ankara hat Bundespräsident Christian Wulff mehr Rechte für Christen in islamischen Ländern gefordert. Das kam nicht überall gut an. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,724046,00.html
Nach den Ausführungen des BP bei seiner kürzlich gehaltenen Rede waren diese Bemerkungen im türkischen Parlament eine blanke Selbstverständlichkeit..
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Fachkräfte mit weniger lukrativen Stellen müssen sich weiterhin dem "Vorrangsprinzip" unterwerfen. Sie bekommen den Job nur, wenn die Bundesarbeitsagentur feststellt, dass es keinen deutschen Bewerber dafür gibt. Ihr Aufenthalt wird befristet. Erst nach drei bis fünf Jahren können sie mit einer Niederlassungserlaubnis rechnen.
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Mit der europäischen "Blue Card" werden ab 2011 die Anforderungen nochmals gesenkt. Fachkräfte aus Drittstaaten müssen einen mindestens ein Jahr geltenden Arbeitsvertrag vorlegen. Darin sollte ein Bruttogehalt vorsehen sein, das 1,5 mal höher liegt als das Durchschnittseinkommen des Mitgliedstaates. In Deutschland wären das nach aktuellem Stand 42.000 Euro.

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