Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Muslimische Judenretter: Die vergessenen Helden des Holocaust

Von

Muslimische Judenretter: Gedenken in Jad Vaschem Fotos
Yad Vashem

50 Jahre hat es gedauert, bis die Gedenkstätte Jad Vaschem den ersten Araber als Gerechten unter den Völkern geehrt hat. Dabei haben viele Muslime im Zweiten Weltkrieg Juden vor der Verfolgung bewahrt. Auf Anerkennung warten sie bis heute - in ihrer Heimat und in Israel.

Seit 1963 ehrt die israelische Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs Juden vor ihrer Ermordung durch die Nationalsozialisten bewahrten. Inzwischen haben knapp 25.000 Männer und Frauen aus 44 Staaten den Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" verliehen bekommen. 50 Jahre hat es gedauert, bis Jad Vaschem den ersten Araber in diese Liste aufgenommen hat.

Das Museum ehrte nun den ägyptischen Arzt Mohammed Helmy postum, der in den vierziger Jahren in Berlin jüdische Freunde versteckt hatte. Helmy, 1901 als Sohn ägyptischer Eltern im heutigen Sudan geboren, kam in den zwanziger Jahren zum Medizinstudium nach Berlin und arbeitete später am Robert Koch-Institut. Er geriet selbst in Konflikt mit den Nazis. Zuerst verlor er seinen Job, dann verboten ihm die Behörden, seine deutsche Verlobte zu heiraten, weil er nach der Rassenlehre kein Arier war. 1939 wurde Helmy sogar verhaftet, wegen gesundheitlicher Probleme kam er jedoch ein Jahr später frei.

Trotzdem riskierte er weiter sein Leben, um Juden zu retten. Er versteckte die 21 Jahre alte Anna Boros bis zum Kriegsende in seiner Gartenlaube im Stadtteil Buch. Mehrfach wurde Helmy von der Gestapo verhört. "Dann brachte er mich bei Freunden unter, denen er mich als Cousine aus Dresden vorstellte. Wenn die Gefahr dann vorbei war, brachte er mich zurück in die Laube", berichtete Boros nach dem Krieg. Drei weitere Familienangehörige von Anna Boros versteckte er bei einer anderen Freundin. Alle überlebten dank Helmys Hilfe den Holocaust. Er selbst starb 1982.

In Ägyptens Medien ist die Ehrung ihres Staatsbürgers nur eine Randnotiz. Die staatliche Zeitung "al-Ahram" berichtet in einer knappen Meldung von der Auszeichnung, die Regierung in Kairo hat sich bislang überhaupt nicht geäußert. Hass auf den Staat Israel ist in Politik und Gesellschaft am Nil weit verbreitet, eine israelische Ehrung für einen Ägypter passt da nicht ins Bild.

"Sie hatten Angst, ihre Geschichte öffentlich zu machen"

Genauso ungern wird die arabische Öffentlichkeit an den nationalsozialistischen Massenmord erinnert. Schulbücher, Filme und Fernsehsendungen skizzieren das Leid der Araber im Zuge der jüdischen Einwanderung nach Palästina und der israelischen Staatsgründung in allen Facetten - der Holocaust als Vorgeschichte wird dabei entweder relativiert oder nur als Randaspekt erwähnt. Saudi-Arabien und Libanon haben sogar das Tagebuch der Anne Frank offiziell verboten, weil es die zionistische Ideologie propagiere und Juden als Opfer darstelle.

Dieses gesellschaftliche Klima und der andauernde Nahost-Konflikt haben dazu beigetragen, dass viele Araber und Iraner, die Juden während des Zweiten Weltkriegs retteten, in Vergessenheit geraten sind. "Viele Araber und ihre Nachfahren hatten Angst, ihre Geschichten öffentlich zu machen. Und die Juden haben sich nicht genug darum bemüht, die Leistungen der Araber zu würdigen", sagt Robert Satloff, ein Nahost-Historiker, der ein Standardwerk über die Auswirkungen des Holocaust auf die arabische Welt geschrieben hat.

Die Gedenkstätte Jad Vaschem bestreitet, dass sie arabische oder iranische Judenretter diskriminiert. Irina Steinfeld, Leiterin der Abteilung "Gerechter unter den Völkern" verweist darauf, dass unter den fast 25.000 Geehrten auch etwa 60 Muslime seien - Tataren, Albaner, Bosnier und Türken. "Es hat nie den Versuch gegeben, jemandem den Titel zu verweigern, weil er Muslim ist", versichert Steinfeld. Insgesamt drei Gremien mit jeweils zehn Mitgliedern entscheiden darüber, wer als Gerechter unter den Völkern gelten darf. Für die Aufnahme in die Liste braucht es eine Zweidrittelmehrheit.

Satloff und andere Historiker machen sich seit Jahren vergebens dafür stark, Araber und Iraner in Jad Vaschem zu ehren. Die Bekanntesten unter ihnen:

Chalid Abd al-Wahab

Abd al-Wahab stammte aus einer einflussreichen Familie der tunesischen Oberschicht. Er war 31, als die Wehrmacht im November 1942 in Tunesien einmarschierte und kurz darauf seine Heimatstadt Mahdia besetzte. Als einflussreicher Bürger und Landbesitzer hatte er regelmäßig Kontakt mit den Deutschen. So erfuhr Abd al-Wahab von Plänen, eine ihm bekannte Jüdin in ein Bordell zu verschleppen. Es gelang ihm, die Frau und zwei weitere Familien - insgesamt etwa 25 Menschen - unbemerkt auf seinen Landsitz zu bringen. Dort überlebten sie vier Monate lang, im April 1943 besetzten die Briten den Ort. Etwa 5000 tunesische Juden mussten dagegen in Arbeitslagern schuften. Mindestens 46 von ihnen kamen ums Leben.

2007 wurde Abd al-Wahab für die Anerkennung als Gerechter unter den Völkern vorgeschlagen. Drei Frauen, die in seinem Versteck überlebten, haben inzwischen bezeugt, dass er ihnen das Leben rettete. Dennoch hat Jad Vaschem es bislang schon zweimal offiziell abgelehnt, den Tunesier zu ehren. Abd al-Wahab habe ein wichtiges Kriterium für die Aufnahme nicht erfüllt: Er habe nämlich nicht sein Leben riskiert, um die Juden zu retten.

Irina Steinfeld begründet die Haltung der Gedenkstätte so: "Niemand bezweifelt, dass Abd al-Wahab ein nobler Mann war, aber ganz offensichtlich wussten die Deutschen, dass sich auf seinem Hof Juden befanden. Das bedeutet, dass er die jüdischen Familien nicht versteckt, sondern beherbergt hat."

Abdol Hossein Sardari

Sardari leitete das iranische Konsulat in Paris, als die Wehrmacht 1940 Frankreich besetzte. Listig nutzte er die Tatsache aus, dass die Nazi-Propaganda die Iraner als arische Nation betrachtete. Er behauptete, dass daher auch die etwa 2000 in Frankreich lebenden iranischen Juden im Grunde Arier seien. Er erfand für sie die Bezeichnung "Djuguten", die sich angeblich von den "Jahuden" rassisch unterschieden. Es dauerte bis zum Dezember 1942, bis Adolf Eichmann diese Finte durchschaute.

Trotzdem konnte Sardari weiterhin Juden zur Flucht aus Paris verhelfen. 1941 besetzten britische und sowjetische Truppen Iran. Die Führung in Teheran entzog Sardari seinen diplomatischen Status und wies ihn an, nach Iran zurückzukehren. Die deutsche Militärverwaltung verhinderte seine Ausreise und Sardari entschloss sich, einfach weiter als Konsul zu arbeiten. Er sicherte mehrere hundert Blankopässe aus dem Safe der geschlossenen iranischen Botschaft. Die Passinhaber galten fortan als Arier und konnten somit unbehelligt aus dem besetzten Frankreich entkommen. Da ein Ausweis für die gesamte Familie galt, rettete Sardari nach Schätzungen eines Biografen Fariborz Mokhtari mehr als 2000 Menschen das Leben.

Nach der Islamischen Revolution 1979 beschlagnahmte das Regime von Ajatollah Chomeini seinen Besitz in Iranund strich seine Rente. Zwei Jahre später verstarb Sardari verarmt in Nottingham, die islamistischen Machthaber in Teheran haben die Erinnerung an den Judenretter getilgt. Für die Juden, die er vor dem Tod bewahren konnte, blieb Sardari "der iranische Schindler".

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
KaWiDu 05.10.2013
Ich finde es gut, dass die Geschichte aufgearbeitet wird. Zumal die Auswirkungen Nazi-Deutschlands und des Zweiten Weltkrieges bis heute deutlich zu spüren sind. Gerade auch im Nahen Osten. Und trotzdem: Das Thema ermüdet mich. Aber wenn es hilft, die Vergangenheit erfolgreich zu bewältigen, dann ist es wohl okay. Vielleicht ist das auch normal so: Erst totschweigen, dann von nix anderem mehr reden ... irgendwann wird das doch hoffentlich wieder anders werden.
2. Interessant
expert 05.10.2013
Interessant. Davon wusste ich noch gar nichts. Wird seltsamerweise kaum diskutiert. Eine schöne Sache dennoch.
3. Das ist keine Überraschung
henio 05.10.2013
Zitat von expertInteressant. Davon wusste ich noch gar nichts. Wird seltsamerweise kaum diskutiert. Eine schöne Sache dennoch.
Wieso soll das eine Überrschung sein? Dass es unter den Moslems ebensoviele anständige Menschen gibt wie unter Christen, Juden oder Atheisten ist für mich selbstverständlich.
4. ...
ein anderer 05.10.2013
Zitat von sysopYad Vashem50 Jahre hat es gedauert, bis die Gedenkstätte Yad Vashem den ersten Araber als Gerechten unter den Völkern geehrt hat. Dabei haben viele Muslime im Zweiten Weltkrieg Juden vor der Verfolgung bewahrt. Auf Anerkennung warten sie bis heute - in ihrer Heimat und in Israel. Araber und Iraner haben im Holocaust Juden vor den Nazis gerettet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/araber-und-iraner-haben-im-holocaust-juden-vor-den-nazis-gerettet-a-925859.html)
Auch beim Massaker von Hebron von 1929 wird nur davon gesprochen wieviele Juden vom aufgestachelten Mob getötet wurden, aber niemand erwähnt dabei, dass damals viel mehr Juden von anständigen Arabern gerettet wurden als durch den Mob zu tode kamen. Das Bild des bösen und judenmordenden Araber wurde für die eigene Sache politisch instrumentalisiert und kultiviert. Im Grunde bis heute, denn sobald ein palästinensischer Verbrecher eine Untat begeht heisst es doch sofort die Palästinenser sind eben so.
5.
miruwa 05.10.2013
Zitat von henioWieso soll das eine Überrschung sein? Dass es unter den Moslems ebensoviele anständige Menschen gibt wie unter Christen, Juden oder Atheisten ist für mich selbstverständlich.
Ja und da ähneln wir uns sogar. Die Deutschen reden nicht gerne drüber, dass sie die Schuldigen waren. Und die Moslems verschweige gerne, dass sie so manchen Helden hier hatten. Hach sind wir alle bescheiden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: