Von Ulrike Putz, Beirut
Abu Ramis letzter Ausflug in den Krieg war kein großer Erfolg. Einem seiner Männer gingen kurz hinter der Grenze die Nerven durch. Der junge Mann kauerte im Unterholz, zitterte, rührte sich nicht mehr vom Fleck. Notgedrungen machte die ganze Einheit halt: Zehn Libanesen, bewaffnet mit zehn Kalaschnikows, beladen mit 65 Magazinen Munition, standen ungeschützt auf syrischem Territorium.
Dass keine Grenzpatrouille die Kämpfer aufspürte, dass sie nicht unter Feuer gerieten, war reines Glück. "Wir haben den Mann mit den schwachen Nerven zurück in den Libanon geschickt. Wir anderen haben es bis Homs geschafft", sagt der 40-Jährige mit dem Kampfnamen Abu Rami zwei Tage nach seiner Rückkehr aus Syrien.
In der etwa 30 Kilometer von der Grenze entfernten Protesthochburg wollten die libanesischen Freiwilligen im Stadtteil Chalidija einige Tage an der Seite der syrischen Aufständischen kämpfen. Nachdem ihnen die Munition ausgegangen sei, hätten sich die Freischärler zurückgezogen. Seine Einheit warte nun im sicheren Libanon auf ihren nächsten Einsatz, berichtet Abu Rami.
Er ist einer der Kommandeure einer wachsenden Schar libanesischer Freischärler, die sich in den Konflikt in ihren Nachbarland einmischen. Die meisten stammen aus Tripoli, der sunnitisch geprägten Stadt im Norden des Libanon. Ihr Hass auf das Assad-Regime wurzelt in der erst 2005 zu Ende gegangenen Zeit der syrischen Besatzung des Zedernstaates.
Syrien hat auch nach dem Abzug seiner Truppen noch erheblichen Einfluss auf Beirut. Auch dort sind Schiiten an der Macht, was den Hass der Sunniten des Libanon auf Assad und seine libanesischen Verbündeten wie die Hisbollah verstärkt.
"Die Feinde des syrischen Volks sind auch die Feinde der Libanesen"
Die Radikalen unter Libanons Sunniten sehen den Aufstand in ihrem Nachbarland deshalb als willkommene Gelegenheit, die Einflussnahme von Damaskus zu beenden. "Der Freiheitskampf in Syrien ist unser eigener Kampf für Freiheit. Wir Libanesen sind Teil der syrischen Revolution, Teil des Aufstands. Denn wenn Syrien die Freiheit gewinnt, gewinnen wir sie im Libanon auch", sagt Scheich Masen al-Mohammed, einer der wichtigsten geistigen Führer der Sunniten in Tripoli. Außer den politischen Gründen nennt der Scheich seinen Anhängern jedoch vor allem einen Grund, warum Libanesen in Syrien kämpfen sollen. "Assad ist ein Ungläubiger", sagt der Scheich von dem syrischen Diktator. Denn Assad gehört der Sekte der Alawiten an, die sich vor Jahrhunderten vom schiitischen Islam abspaltete. Für Scheich Masen ist er damit kein echter Muslim, also ein Feind.
Mitte Februar hatte Osama Bin Ladens Nachfolger an der Spitze des Terrornetzwerks al-Qaida, Aiman al-Sawahiri, gläubige Muslime aufgefordert, den Aufstand gegen das syrische Regime zu unterstützen. Die Rebellion gegen das "antiislamische Regime" in Damaskus sei religiöse Pflicht, der jeder Muslim "mit allem, was er hat, mit seinem Leben, Geld, Meinung und Information" nachkommen müsse, mahnte Sawahiri in einer achtminütigen Videobotschaft, die auf einer islamistischen Internetseite veröffentlicht wurde. Die Regierung Baschar al-Assads nannte er ein "boshaftes, krebsartiges Regime". Sawahiri rief gezielt die Sunniten aus dem Libanon, der Türkei, Jordanien und dem Irak zu den Waffen. Sie müssten den Unterdrückten in ihrem Nachbarland zu Hilfe eilen.
"Es ist die Pflicht jedes Muslim, jedes Arabers, die Ungläubigen zu bekämpfen", sagt auch Scheich Masen. "In Syrien herrscht Heiliger Krieg, die jungen Männer betreiben dort Dschihad. Für das Blut, für die Ehre, für die Freiheit, für die Würde", predigt er in einem mit Ersatzteilen vollgestopften Warenlager, denn im zivilen Leben betreibt Scheich Masen eine Auto-Reparaturwerkstatt.
Doch heute kommt er kaum dazu, neue Keilriemen zu verkaufen. Minütlich treffen neue Bittsteller in seiner ölverschmierten Garage ein. Die allermeisten von ihnen sind syrische Flüchtlinge, sie hoffen auf eine Unterkunft, auf einen Job, auf Hilfe: "Wir sind Brüdervölker, die Feinde des syrischen Volks sind auch die Feinde der Libanesen", begründet der Scheich sein Engagement für die von den Kämpfen in ihrer Heimat Vertriebenen.
Rund 100 bis 150 Libanesen sind in den vergangenen Monaten nach Syrien gegangen, um dort an der Seite der Rebellen zu kämpfen, berichtet Abu Rami. Er kümmert sich auch zwischen zwei Einsätzen um seine Männer, besucht Verletzte im Krankenhaus, bespricht mit den Kampffähigen die Taktik. Er ist gelernter Fernsehtechniker und hat seinen Job aufgegeben, um sich dem Kampf im Nachbarland zu widmen.
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