Arabische Beobachter in Syrien "Ein Anrufer sagte mir, dass ich bald tot sein werde"

Die Beobachter der Arabischen Liga sollten das Töten in Syrien stoppen - und sind gescheitert. Das Regime sabotiere ihre Arbeit mit allen Mitteln, klagt ein zurückgetretener Emissär. Trotzdem wurden er und seine Kollegen Zeugen erschreckender Menschenrechtsverstöße.

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Zurückgetretener Beobachter Anwar Malek: "Unsere Arbeit wurde unmöglich gemacht."
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Zurückgetretener Beobachter Anwar Malek: "Unsere Arbeit wurde unmöglich gemacht."


Am Donnerstag beendet die Arabische Liga nach einem Monat offiziell ihre Beobachtermission in Syrien. Ihre Arbeit war von Anfang an umstritten. Oppositionelle hatten stets bezweifelt, dass die etwa 165 Beobachter der Gewalt seitens des Regimes ein Ende setzen könnten, und in der Mission nicht mehr als ein Feigenblatt für Baschar al-Assad gesehen.

Schon vor der Veröffentlichung des Abschlussberichts der Delegation bestätigen die Äußerungen eines inzwischen zurückgetretenen Emissärs genau diese Befürchtungen. Der Algerier Anwar Malek gibt gegenüber der Tageszeitung "The National" aus Abu Dhabi detaillierte Einblicke in die Arbeit der Beobachter und schildert, wie das Regime alles unternommen habe, um eine unabhängige Einschätzung der Lage in Syrien zu verhindern. Jede Kritik am Vorgehen der Sicherheitskräfte sei harsch abgewiesen worden.

"Ich versuchte meine Pflicht zu tun, aber unsere Arbeit wurde unmöglich gemacht", erklärt Malek. Die Kontrolleure seien ständig von Aufpassern des syrischen Geheimdienstes drangsaliert und ihre Mobiltelefone blockiert worden. Mehrfach sei er in E-Mails und Anrufen in seinem Hotelzimmer bedroht worden. "Ein Anrufer sagte mir, dass ich in ein paar Tagen tot sein werde."

Nach Maleks eigenen Angaben beließ es das syrische Regime nicht bei Drohungen: "Ich glaube, dass ich das Ziel eines Angriffs war, bei dem der Fahrer eines Begleitfahrzeugs verletzt wurde." Schließlich habe er das Land aus Sorge um die eigene Sicherheit verlassen müssen. Unter dem Strich sei die Mission eine einzige Farce, urteilt der 40 Jahre alte Beobachter.

"Verbrechen gegen die Menschlichkeit"

Anwar Malek hatte ab Ende Dezember insgesamt 15 Tage in der syrischen Protesthochburg Homs verbracht. Trotz aller Versuche des Regimes, die Arbeit der Beobachter zu verhindern, sei er Zeuge von "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" geworden. Unter anderem habe er gesehen, wie ein vierjähriger Junge und ein erwachsener Mann von Scharfschützen getötet worden seien. "Auf der Straße haben die Heckenschützen auf jeden geschossen, den sie sahen", berichtet Malek.

Auch Zivilisten, die überhaupt nicht an Protesten gegen das Regime teilnahmen, seien verhaftet und abtransportiert worden. Er habe zudem die Leichen dreier Soldaten gesehen, die von hinten erschossen worden seien. Malek ist überzeugt davon, dass sie hingerichtet wurden, weil sie sich geweigert hatten, auf Zivilisten zu schießen.

Die Arabische Liga selbst fällt dem Algerier in den Rücken, seitdem er kurz nach seiner Rückkehr aus Syrien gegenüber dem Nachrichtensender al-Dschasira die Arbeit der Beobachter kritisierte. Der Chef der Mission, der sudanesische Ex-General Mohammed al-Dabi, erklärte, Maleks Äußerungen gäben "in keiner Weise die Wahrheit" wieder. Er habe sich überhaupt keinen Überblick von der Lage in Homs machen können, weil er sechs Tage lang krank im Hotel gelegen habe, heißt es in einem Statement der Liga. Malek weist diese Anschuldigungen zurück: Aus Bestürzung über die Situation in der Stadt habe er bereits vor Ort angefangen, seine Erlebnisse aufzuschreiben und sei deshalb vier Tage lang in seinem Hotelzimmer geblieben.

Hickhack um die Fortsetzung der Mission

Die Außenminister der arabischen Staaten wollen am Wochenende über das weitere Vorgehen in Syrien beraten. Bis dahin soll auch der offizielle Abschlussbericht vorliegen, der weniger kritisch ausfallen dürfte als Maleks Urteil.

Doch schon vorab steht fest, dass die Arabische Liga mit der Beobachtermission überfordert ist. Dies zeigt sich nicht nur daran, dass nach Angaben der Opposition seit Beginn der Mission in Syrien mehr Menschen pro Tag getötet werden als zuvor. Auch das Hickhack um eine mögliche Verlängerung des Mandats spricht Bände. So erklärte ein Vertreter der Liga zunächst, eine Fortsetzung der Mission sei praktisch ausgeschlossen, nur um wenig später zu verkünden, dass schon ab kommender Woche die Vereinten Nationen arabische Beobachter ausbilden sollen.

Die Kontrolleure hatten den Auftrag zu kontrollieren, dass sich das Assad-Regime an sein der Arabischen Liga gegebenes Versprechen hält, das gewaltsame Vorgehen gegen die Opposition zu beenden. Nach Maleks Aussagen und angesichts der Opferzahlen der vergangenen Wochen kann es darauf nur eine Antwort geben: Das Abkommen ist das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt wurde.

Am wahrscheinlichsten ist dennoch, dass die arabischen Staaten am Wochenende eine Verlängerung des Mandats um einen weiteren Monat beschließen werden, ohne dass die Zahl der Emissäre signifikant gesteigert wird. Zwar hat unter anderem Katar, das den für die Syrien-Krise zuständigen Ausschuss leitet, die Mission bereits als gescheitert erklärt. Für den von Katars Emir Scheich Hamad Bin Chalifa al-Thani ins Spiel gebrachten Vorschlag einer militärischen Intervention in Syrien gibt es gegenwärtig jedoch keine Mehrheit.

Das Morden in Syrien wird weitergehen, so oder so.

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DerNachfrager 19.01.2012
1. Tja...
Beobachter werden schikaniert, behindert und bedroht. Und die arabische Liga tut - nix ! Aber man sollte bitteschön den kulturellen Hintergrund beachten; das ist schließlich einer der exklusiveren Diktatorenclubs.
cap87 19.01.2012
2.
Zitat von sysopDie Beobachter der Arabischen Liga sollten das Töten in Syrien stoppen - und sind gescheitert. Das Regime sabotiere ihre Arbeit mit allen Mitteln, klagt ein zurückgetretener Emissär. Trotzdem wurden er und seine Kollegen Zeugen erschreckender Menschenrechtsverstöße. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,810077,00.html
Malek ist also überzeugt davon, dass die Soldaten getötet worden sind, weil sie sich geweigert haben auf Zivilisten zu schießen. Den Satz muss ich mir nochmal auf der Zunge zergehen lassen. Also Malek der tote Soldaten auffindet hat garnichts gesehen, keine Beweise dafür und behauptet, dass die Soldaten tot sind, weil sie sich geweigert haben Zivilisten zu töten. Doch Malek findest du nicht, dass diese Soldaten vielleicht von den "friedlichen" Demonstranten getötet worden sind? Er habe also 4 Tage im Hotel verbracht, weil er 96 Stunden gebraucht hat um seine Erfahrungen aufgeschrieben hat. Der sudanesische Ex-General Mohammed al-Dabi sagt sogar, dass Malek 6 Tage lang Krank im Hotel war. Also braucht Malek ganze 144 Stunden um seine Erfahrungen auf festzuhalten.
rettungsschirm 19.01.2012
3.
Zitat von cap87Malek ist also überzeugt davon, dass die Soldaten getötet worden sind, weil sie sich geweigert haben auf Zivilisten zu schießen. Den Satz muss ich mir nochmal auf der Zunge zergehen lassen. Also Malek der tote Soldaten auffindet hat garnichts gesehen, keine Beweise dafür und behauptet, dass die Soldaten tot sind, weil sie sich geweigert haben Zivilisten zu töten. Doch Malek findest du nicht, dass diese Soldaten vielleicht von den "friedlichen" Demonstranten getötet worden sind? Er habe also 4 Tage im Hotel verbracht, weil er 96 Stunden gebraucht hat um seine Erfahrungen aufgeschrieben hat. Der sudanesische Ex-General Mohammed al-Dabi sagt sogar, dass Malek 6 Tage lang Krank im Hotel war. Also braucht Malek ganze 144 Stunden um seine Erfahrungen auf festzuhalten.
Was wollen Sie? Syrien kann sämtliche Beschränkungen der Berichterstattung einstellen. Dann kann sich die Welt ein Bild davon machen, wer gegen wen vorgeht. Solange dies nicht geschieht, glaube ich den Aufständischen.
stanislaus2 19.01.2012
4. Anwar Malek war nach Aussage seiner Kollegen krank
und hat das Hotelzimmer nicht verlassen können. Offenbar fantasiert der sich was zurecht: "Unter anderem habe er gesehen, wie ein vierjähriger Junge und ein erwachsener Mann von Scharfschützen getötet worden seien. "Auf der Straße haben die Heckenschützen auf jeden geschossen, den sie sahen", berichtet Malek. Auch Zivilisten, die überhaupt nicht an Protesten gegen das Regime teilnahmen, seien verhaftet und abtransportiert worden. Er habe zudem die Leichen dreier Soldaten gesehen, die von hinten erschossen worden seien. Malek ist überzeugt davon, dass sie hingerichtet wurden, weil sie sich geweigert hatten, auf Zivilisten zu schießen." Heckenschützen sind sicherlich nicht einer Armee zuzuordnen, die schwere Waffen einsetzen kann. Und es scheint sehr unwahrscheinlich zu sein, dass die Regierungssoldaten solche völkerrechtswidrigenTaten vollbringen, wenn sie wissen, dass die Beobachtungskommission vor Ort ist. Wahrscheinlich waren es die berühmten "Deserteure", also die Soldaten der Opposition, die aus erklärlichen Gründen nicht informiert waren, dass die Beobachter kommen. Das ist nämlich schon längst ein Bürgerkrieg. Soldaten werden nicht von hinten eekutiert, sondern immer von vorne erschossen. Die werden nicht abgeknallt. Die drei Soldaten sind also aller Wahrscheinlichkeit von den "Deserteuren" erwischt worden. Von hinten, weil das ungefährlicher ist.
Dumpfmuff3000 19.01.2012
5.
Es ist eine Sache, gegen eine Invasion westlicher Truppen in Syrien zu sein. Bin ich auch. Eine andere ist es, zu diesem Zweck Menschenrechtsverstöße durch das Assad-Regime zu leugnen. Wenn das Regime keine solchen begeht, weshalb gibt es dann keine freie Berichterstattung? Da könnte sich ja die ganze Weltöffentlichkeit davon überzeugen, daß die Aufständischen die Bösen sind.
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