Arabische Presseschau "Diese Drohungen müssen aufhören!"

Die arabischen Medien wenden sich nach dem Ende der bewaffneten Kämpfe im Irak wieder ihrem Hauptthema zu: dem Israel-Palästina-Konflikt.

Von Daniel Kinitz und Carola Richter


Vor dem Hintergrund der Drohungen gegenüber Syrien wehrt sich die jordanische Zeitung "al-Dustour" gegen die Anwendung von zweierlei Maß im Nahen Osten: "Wir liegen derzeit im dichten Kugelhagel der Medien und der Fachausdrücke: der Irak, Iran, Nordkorea sind die 'Achse des Bösen' und Syrien ist ein 'Schurkenstaat', die Hisbollah und die Hamas sind 'Terroristen' und die arabischen Mudschaheddin, die die Würde der Araber verteidigen, sind 'unrechtmäßige Kombattanten', fromme Muslime sind eine 'radikale und fundamentalistische Bewegung'. Und was da nicht alles an verbalen Geschützen aufgefahren wird zur Unterstützung der Panzergranaten und Interkontinentalraketen, die zu Tod und Zerstörung führen. Und das alles trägt den Titel 'Befreiung'.

Wir fragen: Wie lässt sich nun Israel in dieses Wörterbuch einordnen? Israel besitzt Massenvernichtungswaffen – chemische, nukleare und bakterielle, es beherbergt Terroristen und Söldner und sendet sie in afrikanische und lateinamerikanische Staaten um diktatorische Regime zu unterstützen oder auch die Drogenmafia und den Waffenhandel. Sie verkaufen Waffen aller möglichen Gattungen in alle Welt – natürlich nur zur Verteidigung. Sie besetzen das Land eines friedliches Volkes, sie scheren sich nicht um tonnenweise Beschlüsse der Uno und des Sicherheitsrates und von daher ist es ein 'böser Schurkenstaat'.

Wir wenden uns an Präsident Bush und seine Regierung, die jeden Tag einen neuen Ausdruck produziert, und bitten, dass auch Israel in diese Terminologie aufgenommen wird." Der Kommentator fordert, den Worten Taten folgen zu lassen: "Sehr geehrter Herr Bush – wir erwarten von ihnen die Befreiung des Nahen Ostens!"

In den palästinensischen Zeitungen wird schon seit geraumer Zeit über den "Fahrplan" für einen neuen Nahost-Friedensprozess gesprochen. In seinem Leitartikel schreibt das palästinensische Blatt "al-Quds": "Gestern legte der israelische Premier Ariel Scharon sein neues altes Musikstück auf und gab bekannt, dass er bereit sei für 'schmerzliche Zugeständnisse', wie er es immer nennt. Er halte nach den anglo-amerikanischen Angriffen auf den Irak eine schnelle Einigung für möglich.

Seit langer Zeit ist dies die bekannte israelische Hinhaltetaktik. Es ist auch klar, dass Israel alles dafür getan hat, die Vorlage des 'Nahost-Fahrplans' bis nach dem Krieg im Irak zu verschieben. Sie haben auf Zeit gesetzt und versuchen jetzt in die üblichen Haarspaltereien zu flüchten. So muss laut Scharon erst 'eine neue palästinensische Führung abgewartet werden, die Hetze muss aufhören und das Problem der terroristischen Gruppen gelöst werden.' Es kann nicht sein, dass Israel wieder einen Versuch startet, vor dem Frieden zu fliehen und auf Zeit zu setzen."

Im Fahrwasser des amerikanischen Sieges im Irak und den Angriffen auf die USA setzt Israel diese Strategie auch in der Region fort. So berichtet die saudische Zeitung "Riyadh", dass "der israelische Kriegsverbrecher Ariel Scharon seine offenkundige Drohung noch weitergeführt hat und fünf Forderungen an Syrien stellte, die es erfüllen soll." So verlangt er unter anderem von den Syrern, gegen die Hisbollah im Südlibanon vorzugehen. "Damaskus nimmt die amerikanisch-israelischen Drohungen sehr ernst, die seit dem Fall des Regimes von Saddam Hussein zunehmen", so das Blatt weiter.

Die Forderungen Scharons erzeugen bei der Hisbollah aber eher das Gegenteil. Die Homepage der libanesischen Partei veröffentlichte gestern eine Stellungnahme ihres Vizegeneralsekretärs Naim Kasim: "Wir hören, dass Syrien beschuldigt wird, Massenvernichtungswaffen zu besitzen. Dabei wird versichert, dass das amerikanische Vorgehen im Irak ein erster von vielen Schritten sei, die Syrien, den Libanon, Palästina, Iran und die ganze Region umfassen werden. Dies stellt uns alle vor eine große Gefahr. Dementsprechend müssen wir zusammenhalten und selbstbewusst unseren Fähigkeiten vertrauen, um der Herausforderung entgegenzutreten und uns zu verteidigen.

Amerika will im Alleingang seine Bedingungen diktieren, aber je mehr sich der Druck erhöht, desto mehr halten wir und Syrien zusammen." Die Hisbollah will deswegen Gespräche mit anderen Parteien und mit religiösen Persönlichkeiten im Libanon führen. So besuchte der Vizepräsident der Partei vor zwei Tagen armenisch-orthodoxe Geistliche im Libanon.

Auch die Staaten des Golfkooperationsrats haben bei ihrem Sondergipfel die amerikanischen Drohungen gegen Syrien abgelehnt, wie die kuweitsche Tageszeitung "al-Rai al-Aam" schreibt. Der Außenminister von Katar gegenüber dem Blatt: "Diese Drohungen müssen aufhören! Wir hoffen, dass – wenn es konkrete Anschuldigungen gibt – die amerikanische oder die britische Seite direkte Gespräche mit Syrien führt, um die Schwierigkeiten zu beseitigen. Wir lehnen entschieden ab, dass die Sicherheit Syriens angetastet wird."



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