Arabische Presseschau "Wenn Saddam gewinnen würde..."

Angesichts der nahenden Entscheidung im Irak-Krieg werden die Kommentare arabischer Zeitungen immer verzweifelter. Von Träumen ist die Rede, von einem Tribunal für George W. Bush, und von der großen Schande des arabischen Volkes.

Von Carola Richter und Daniel Kinitz


Website der in London erscheinenden arabischen Tageszeitung al- Hayat: "Was würde passieren, wenn Saddam gewinnt", lautete die rhetorische Frage eines al-Hayat-Kolumnisten am Samstag.

Website der in London erscheinenden arabischen Tageszeitung al- Hayat: "Was würde passieren, wenn Saddam gewinnt", lautete die rhetorische Frage eines al-Hayat-Kolumnisten am Samstag.

"Die Frage ist akademisch, weil Saddam Hussein nicht gewinnen wird, aber was würde passieren, wenn Saddam gewinnt?" fragt Jihad al-Khasin in der in London erscheinenden Zeitung "al-Hayat". "Er wird eine "Änderung des Regimes“ in Washington fordern. Und wenn er entscheidet, George W. Bush als Kriegsverbrecher vor ein Gericht zu stellen, kann er eine Liste mit Anklagepunkten vorlegen, die vielleicht noch übertrifft, was Bush gegen ihn vorzubringen hat. Der erste Anklagepunkt gegen Bush wäre, dass er einen völkerrechtswidrigen Aggressionskrieg gegen den Irak geführt hat. Der zweite, dass seine Administration gefälschte oder verzerrte Beweise über angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak vorgelegt hat. Drittens proklamierte er einen Kreuzzug gegen den Irak, obwohl die Kirchen in der Welt – außer denen in Texas – sich heftig einem Krieg widersetzt haben. George W. Bush befindet sich demzufolge außerhalb der Lehren des Christentums. Also Kirchenbann auf ihn, auf dass er zur Hölle fahre, nachdem er wegen der ersten beiden Punkte hingerichtet wurde. Viertens: Kriegsverbrecher, weil er keine ausreihenden Vorsichtsmaßnahmen zur Vermeidung von zivilen Opfern getroffen hat. Also ist er verantwortlich für das Töten von hunderten oder gar tausenden Zivilisten. Und der fünfte Punkt ist, dass die Regierung und die zwei Vorgängerregierungen die direkte Verantwortung für den Tod von rund einer halben Million irakischer Kinder durch Krankheit und Unterernährung übernehmen müssen, weil sie dem Irak Sanktionen auferlegt haben."

Versprechungen aufgesessen

Schon vor einigen Tagen machte sich ein saudischer Kommentator in der Zeitung "Riyadh" Gedanken über das Szenario eines möglichen Sieges Saddams, aber auf völlig andere Weise: "Glaubt denn irgendjemand, dass sich das dortige Regime auf friedliche Weise hin zu Pluralismus, Menschenrechten und wirklicher Demokratie verändern würde? Kann sich wirklich einer vorstellen, dass von einem unbarmherzigen, gewalttätigen und abgeschlossenen System Reformideen ausgehen, die ein Land aus ständigem Krieg hinausführen in die Gefilde der Beständigkeit, des Zivilrechts, des gewählten Parlaments, der Minderheitenrechte?" Denn die Geschichte vieler arabischer Länder habe gezeigt, dass man immer nur Versprechungen aufgesessen sei. "Ich wollte den Traum des Sieges eines freien Iraks träumen, denn das wäre ein Sieg für alle Völker der Region. Aber ich fand mich nur in unserer schmerzhaften Geschichte wieder, der immer neue Verletzungen zugefügt werden."

"Dein ist die Schande!"

Weniger in einem Leitartikel, als vielmehr in einer Art "Leitgedicht" macht "ash-Shaab" auf einen wunden Punkt aufmerksam. Die oppositionelle ägyptische Zeitung stellt den "Ruhm des Iraks unserer Schande" gegenüber: "Ich spreche zu Dir, oh arabisches Volk, ich spreche über Dich, oh arabisches Volk. Und Dein ist die Schande! Ja, Dein ist die Schande, oh arabisches Volk." Gemeint sind wieder einmal die inkonsequenten Standpunkte der arabischen Regierungen gegenüber dem Krieg. Deswegen veröffentlicht "ash-Shaab" eine Erklärung ihrer Herausgeberin, der islamistischen Arbeitspartei: "Wir fordern von der Regierung die Schließung des Suez-Kanals für feindliche Schiffe und die Ermöglichung der Teilnahme Freiwilliger am Kampf in Irak und Palästina." Außerdem wird die ägyptische Regierung aufgerufen, "die diplomatischen Beziehungen zu den Invasoren einzufrieren".

Der libanesische "Daily Star" konstatiert aber, dass die "Proteste gegen den Krieg ihren Sinn zu verlieren scheinen. Nur ungefähr 500 Frauen und Kinder machten sich zur kuweitischen Botschaft auf", berichtet die englischsprachige Zeitung aus Beirut. "Einige Organisatoren konnten nicht recht erklären, warum sie gerade die kuweitische Botschaft ausgesucht hatten. Die meisten trugen auch keine Banner bei sich. Ein betrunkener Mann, der von der Polizei beruhigt werden musste, bot die einzige Aufregung. Ein Demonstrant sagte: Diese Demonstrationen werden den Verlauf der Ereignisse nicht ändern, aber es ist trotzdem das wenigste, was wir tun können, um unsere Solidarität mit unseren irakischen Brüdern zu zeigen."

Töten, um das Leben zu schenken

Der geistliche Führer der schiitischen Hisbollah im Libanon, Mohammed Hussein Fadlallah, kritisierte in seiner Freitagspredigt in scharfer Form die Anmaßungen der Amerikaner: "Wir dringen in euer Land ein, um euch zu retten. Wir versklaven euch, um euch zu befreien. Wir töten euch, um euch Leben zu schenken. So ist doch der Krieg im Irak!“ sagte er laut dem "Daily Star“.

Die kuweitische Zeitung "al-Watan" hat übrigens ganz genau hingesehen. Nachdem gestern mehrere Fernsehkanäle Bilder von Saddam Hussein in den Straßen von Bagdad gesendet haben fragt sich das Blatt: "Ist das der richtige Saddam oder einer seiner vier Doppelgänger? Die verwackelten Bilder machen es schwer, mit Gewissheit zu sagen, ob es wirklich Saddam wahr oder nicht. Aber die Augenbrauen Saddams schienen dicker zu sein als gewöhnlich, was es für einige wahrscheinlicher macht, dass es ein Double war."



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