Arabische Reaktionen Arafat spendete Blut für Amerikaner - Nur Irak lobte Attentat - Kuweit nahm Fanatiker fest

Palästinenserführer Arafat kondolierte den USA im Namen "aller Palästinenser", und Islamvertreter in Deutschland warnten vor einem Dritten Weltkrieg. Iraks Staatsfernsehen pries dagegen die "Operation des Jahrhunderts". Kuweit drohte feiernden Palästinenser.


Zunächst gab es widersprüchliche Reaktionen im Nahen Osten: Palästinenserpräsident Jassir Arafat zeigte sich schon am Dienstag über die Terroranschläge "zutiefst schockiert" und sprach "der US-Regierung und dem amerikanischen Volk" das "Beileid aller Palästinenser" aus.

Überraschend deutlich auf Amerikas Seite: Jassir Arafat
REUTERS

Überraschend deutlich auf Amerikas Seite: Jassir Arafat

Am Mittwoch spendete er sogar Blut Die Palästinenser wollten mit ihren begrenzten Möglichkeiten dem amerikanischen Volk helfen, sagte Arafat am Mittwoch im Schifa-Krankenhaus in Gaza. Er verurteilte die Anschläge in den USA erneut. Hunderte Palästinenser folgten seinem Beispiel und spendeten ebenfalls Blut. Als Arafat das Krankenhaus verließ, riefen etwa 200 Menschen: "Wir sind bereit, unsere Seele und unser Blut für dich zu geben." Auf die Frage nach einer Botschaft an das amerikanische Volk sagte Arafat: "Gott segne Sie, Gott segne Sie."

Kuweit warnt Fanatiker

Die kuweitische Polizei meldete inzwischen, 20 Palästinenser festgenommen zu haben, die nach den Terroranschlägen in den USA feiernd durch die Straßen gezogen waren und Süßigkeiten an Kinder verteilt hatten. Die Palästinenser seien bereits am Dienstag in einem Vorort von Kuweit-Stadt in Gewahrsam genommen worden, berichteten mehrere kuweitische Zeitungen am Donnerstag. "Kuweit wird solch ein Verhalten und solche Feierlichkeiten nicht dulden", wurde ein Sicherheitsbeamter zitiert. Zudem habe das kuweitische Ministerium für islamische Angelegenheiten alle moslemischen Prediger davor gewarnt, die Terroranschläge in den wöchentlichen Gebeten am Freitag anzusprechen.

Deutscher Islamrat fürchtet Dritten Weltkrieg

Der Vorsitzende des Islamrates in der Bundesrepublik, Hasan Özdogan, rief am Mittwoch die Muslime in Deutschland zur Kooperation mit den Sicherheitsdiensten auf. "Auch wir haben ein großes Interesse an ordentlichen Zuständen in Deutschland", sagte er in einem Gespräch mit der "Leipziger Volkszeitung". "Kein Moslem hat Verständnis für diesen Terrorismus." Der Islamrat vertritt nach Angaben seines Chefs etwa die Hälfte der rund 3,3 Millionen Moslems in der Bundesrepublik.

Özdogan verwies allerdings darauf, dass es im Nahen Osten "Volksreaktionen" gebe, weil Menschen wie etwa im Irak seit Jahrzehnten unterdrückt würden. Er forderte die USA zur Änderung ihrer Nahost-Politik auf. "Wenn die USA nicht ihre einseitige Politik im Nahen Osten verändern, dann habe ich sogar die Befürchtung, dass es deshalb zum Dritten Weltkrieg kommen wird."

"Palästinenser nicht verantwortlich"

Nach den Worten des Palästinenservertreters in Deutschland, Abdallah Frangi, sind "weder Palästinenser noch arabische Organisationen" für die Taten verantwortlich. Bei den koordinierten Anschlägen sei ein "hundertprozentiger Plan" befolgt worden, dahinter müsse eine "ungeheure Macht" stecken, hatte Frangi am Dienstagabend im ZDF gesagt. Bei den radikalen Palästinensern gebe es die logistischen Möglichkeiten dafür "mit Sicherheit nicht".

Nur irakisches Fernsehen lobte Terroristen

Nur im irakischen Staatsfernsehen wurde der Terrorakt schon am Dienstag als "Operation des Jahrhunderts" gepriesen. Die USA habe den Terror wegen angeblicher "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" verdient: "Der amerikanische Cowboy erntet die Früchte seiner Verbrechen", hieß es. Der Kollaps der beiden Wolkenkratzer entspreche dem Zusammenbruch der US-Politik. Im staatlichen Fernsehprogramm wurde ein Kampflied mit der Zeile "Nieder mit Amerika" zu Bildern der einstürzenden Wolkenkratzer gespielt.

Am Mittwochabend nahm der irakische Staatschef Saddam Hussein selbst Stellung. Er bezeichnete die Terroranschläge gegen die USA als Folge einer "verbrecherischen" Außenpolitik bezeichnet. "Die Vereinigten Staaten ernten die Dornen, die ihre Führer in der Welt gesät haben", sagte er am späten Mittwochabend laut der staatlichen Nachrichtenagentur INA. Hussein sieht die USA als seinen Erzfeind an, seitdem die Vereinigten Staaten vor zehn Jahren zusammen mit Alliierten die USA Iraks Truppen aus dem besetzten Kuweit vertrieben.

Sogar Libyen bot USA Hilfe an

Dagegen stellten sich selbst Libyen und der Sudan, die von den USA als Unterstützer des internationalen Terrorismus angesehen werden, gegen die noch unbekannten Täter. Der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi bot den amerikanischen Bürgern humanitäre Hilfe an. Seine Betroffenheit sei echt, ließ er über die staatliche Nachrichtenagentur verbreiten. "Wir werden keine Heuchler sein und etwas sagen, was wir tief in unseren Herzen nicht fühlen."

Nach den Terrorattacken in den USA suspendierte am Mittwoch auch die iranische Fluggesellschaft "Iran Air" alle internationalen Flüge vorübergehend. Luftfahrt-Verantwortliche begründeten die Maßnahme mit Sicherheitsüberlegungen und dem Beispiel anderer Luftlinien.

Kein genereller Jubel im Libanon und Ost-Jerusalem

Aus dem Libanon war nach Bekanntwerden der Anschläge zunächst berichtet worden, dass radikale Palästinenser Freudensalven in die Luft feuerten. Man wisse zwar nicht, wer die Täter seien, aber das Attentat hätte die USA als Freunde Israels getroffen, wurde argumentiert. Auch im arabischen Teil Jerusalems filmten Fernsehteams jubelnde Menschen und Hupkonzerte. Am Mittwoch betonten aber Sprecher palästinensischer Organisationen, man habe die Kameras nur auf einige Menschen gerichtet, die das wahre Ausmaß der Katastrophe nicht kannten. Ein Hamas-Sprecher betonte: "Unser Gegner ist Israel, nicht die USA."

Israel sperrte Luftraum und Grenzen

Israel hielt auch am Mittwoch seine Botschaften geschlossen und seinen Luftraum für alle ausländischen Flugzeuge gesperrt. Die Grenzen zu Ägypten und Jordanien blieben dicht. Der Mittwoch wurde zum landesweiten Trauertag erklärt.

Israels Ministerpräsident Ariel Scharon forderte am Dienstagabend Reaktionen, "die genauso radikal sind, wie diese Teufel es selbst gewesen sind". Er forderte alle zivilisierten Länder dazu auf, zusammenzustehen. "Der Kampf gegen den Terror ist ein Kampf der freien Welt gegen die Mächte der Finsternis, die die Werte der Freiheit und der westlichen Kultur zerstören wollten", sagte Scharon.

Israels ehemaliger Premierminister Ehud Barak appellierte an Europa, die USA und Russland, "jetzt den gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus aufzunehmen, sonst müssen wir später alle darunter leiden. Es ist Zeit zum Handeln".

Ägyptens Präsident Mubarak: "USA waren gewarnt"

Die ägyptische Regierung hatte die USA bereits vor Monaten vor Terrorakten auf ihrem Territorium gewarnt, falls Washington sich nicht stärker in den Nahost-Friedensprozess einschalte. "Wenn die USA nicht auf eine Beilegung der Gewalt (im Nahen Osten) dringen, könnte sich diese Gewalt in Terrorismus verwandeln", hatte der ägyptische Präsident Husni Mubarak am 26. Juni gewarnt und gefordert, dass es eine Reaktion der USA geben müsse, denn Washington habe zahlreiche Interessen in der Region.

Auch die ägyptische Regierungszeitung "El Ahram" mahnte Ende August, dass der israelisch-arabischen Konflikt zu einem "umfassenden und gefährlicheren US-arabischen Konflikt" geworden sei.

Opec stoppte Ölpreisanstieg

Die Opec stoppte inzwischen den Höhenflug der Ölpreise nach den Anschlägen in den USA. Unmittelbar nach den Terroranschlägen auf das WTC und Regierungsgebäude war der Ölpreis um bis zu vier US-Dollar auf 31 Dollar je Barrel (159 Liter) in die Höhe geschossen. Nach der Ankündigung der Opec, den Markt stabilisieren zu wollen, gaben die Preise wieder nach. Gegen 18.15 Uhr kostete ein Barrel 29,25 Dollar.

Öl-Experten hatten spekuliert, dass Nahost-Terroristen für die Anschläge verantwortlich sein könnten und US-Bestrafungsaktionen den Ölpreis auch in absehbarer Zeit nach oben treiben würden. Viele spekulierten auf irakische Drahtzieher.

Taliban dementieren Beteiligung

Die afghanischen Taliban schlossen schon am Dienstag eine Beteiligung des saudi-arabischen Millionärs Ussama Ibn Ladin an der Terrorserie in den USA kategorisch aus. Das berichtete der arabische TV-Sender Al-Dschasira am Dienstag nach einer Pressekonferenz des Botschafters der radikal-islamischen Taliban in Pakistan, Mullah Abdul Salam Saif in Islamabad. Der Terroristenführer Ibn Ladin hätte nach Einschätzung der Taliban, die ihm in Afghanistan Gastrecht gewähren, nicht die Mittel für derart präzise geplante Terroranschläge.

Die Pressekonferenz erfolgte auch vor dem Hintergrund, dass Afghanistan fürchtet, Ziel eines schnellen US-Vergeltungsschlags zu werden.



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