Reaktionen auf Sturz Mursis Arabische Herrscher gratulieren Ägypten zum Putsch

Von Jordanien bis Saudi-Arabien - die arabische Welt hat positiv auf den Coup in Ägypten reagiert. Die Regierung der Muslimbrüder war vielen Herrschern im Nahen Osten ein Dorn im Auge. Doch einige Gruppen schwächt der Umbruch auch.

Freude über Mursis Sturz: Junge bei einer Demonstration gegen die ägyptische Regierung auf dem Tahrir-Platz
REUTERS

Freude über Mursis Sturz: Junge bei einer Demonstration gegen die ägyptische Regierung auf dem Tahrir-Platz

Von Theresa Breuer


Berlin - Am schnellsten war Abdullah, König von Saudi Arabien. Bereits in der Nacht zum Donnerstag gratulierte er Adli Mansur, dem derzeitigen Übergangspräsidenten, in einem Glückwunschtelegramm zum Coup in Ägypten. "Gott möge Ihnen helfen, die Verantwortung zu tragen, die auf ihren Schultern liegt, um die Hoffnungen (…) des ägyptischen Volkes zu erfüllen", schrieb er da. Auch für das Militär, das die Regierung von Mohammed Mursi am Mittwoch gestürzt hat, fand der saudische Herrscher warme Worte: "Die Weisheit und Vermittlung des ägyptischen Militärs hat das Land im entscheidenden Moment gerettet."

Scheich Chalifa, Herrscher der Vereinigten Arabischen Emirate, gratulierte ebenfalls per Telegramm, nachdem Mansur den Amtseid abgelegt hatte. Darin wünschte er Mansur "Erfolg bei seiner historischen Mission". Auch das jordanische Königshaus sagte, es respektiere den Wunsch des ägyptischen Volkes. Obwohl weder Saudi-Arabien noch die Emirate säkulare Staaten sind und ihre Monarchen Anhänger des sunnitischen Islams - ebenso wie die Muslimbruderschaft - begegnen sie der Gruppe mit Argwohn. Denn sie stellen die Macht der arabischen Herrscher in Frage. Für die Muslimbrüder hat eine Monarchie keinen Platz im Islam.

Assad nennt Coup "Kollaps des politischen Islams"

Eine schnelle Reaktion zu Mursis Sturz folgte auch vom syrischen Diktator Baschar al-Assad. In einem Interview mit der syrischen Zeitung "al- Thawra" prangerte er die "Lügen" der Muslimbruderschaft an und die Unfähigkeit der Gruppe, ihre Versprechen an das ägyptische Volk zu erfüllen. In Anbetracht der Tatsache, mit welcher Brutalität Assad gegen die Demonstranten in seinem eigenen Land vorgegangen ist, mutet sein Kommentar zynisch an. Doch er passt durchaus in Assads Linie. Denn die wichtigste Gruppe der syrischen Opposition im Exil ist die Muslimbruderschaft. Der Umbruch in Ägypten repräsentiere den "Kollaps des sogenannten politischen Islams", so Assad weiter. "Wer Religion für politische Interessen missbraucht, wird überall auf der Welt fallen."

Große Teile der arabischen Welt scheinen aufzuatmen. Die Staaten, die sich jetzt erfreut über den Militärputsch zeigen, hatten vor seiner Entmachtung im Jahr 2011 gute Beziehungen zu Diktator Husni Mubarak. Dieser hatte die Muslimbruderschaft jahrzehntelang brutal unterdrückt. Als Mubarak gestürzt wurde und die Bruderschaft zum ersten Mal in der Geschichte in Ägypten an die Macht kam, sorgten sich viele Herrscher um die Erstarkung der religiösen Gruppe in ihren eigenen Ländern. Die Machthaber befürchten, dass die Muslimbruderschaft ihre eigene Bevölkerung radikalisieren könnte.

Palästinensergruppen zeigen sich gespalten

Offene Ablehnung für den Coup kam hingegen von der tunesischen Regierung. Die Partei des tunesischen Präsidenten bezeichnete den Sturz von Mursi als "Schlag für die Demokratie". "Die Partei verurteilt den Militärcoup", sagte Präsident Moncef Marzouki. "Wir werten das Handeln der Armee als Versuch, das alte Regime zu reinstallieren." Aus der tunesischen Reaktion liest sich die Angst ab, Ägypten könnte einen Präzedenzfall schaffen. Die Ereignisse haben gezeigt, dass Regierungen vor Umsturz nicht sicher sind, selbst wenn sie demokratisch gewählt sind. Und auch in Tunesien sind viele säkulare Parteien und Bürger unzufrieden mit der Arbeit der Regierungspartei Ennahda.

Die palästinensische Hamas äußerte sich bislang nicht zu den Ereignissen. Historisch besteht eine enge Beziehung zwischen den beiden Gruppen. Die radikalislamische Hamas ging einst aus der Muslimbruderschaft hervor. Wenn auch die Beziehungen zwischen den Muslimbrüdern und der Hamas nach anfänglicher Euphorie über deren Wahlsieg im letzten Jahr deutlich abgekühlt waren, so bedeutet der Umsturz dennoch eine weitere Isolierung für die Regierung in Gaza. Ihnen ist in der Region ein ideologischer Partner weggebrochen.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hingegen zeigte sich erfreut über den gelungenen Militärputsch. Er wünschte Mansur viel Erfolg in seinem Bemühen um Freiheit und Würde für Ägypten. Darüber hinaus lobte er das ägyptische Militär, das die Stabilität des Landes gewährleistet habe.

Die israelische Regierung reagierte auf den Coup - wie fast immer auf die Umwälzungen in der arabischen Welt in den letzten Jahren - mit Schweigen. Zwar bestand in den israelischen Medien weitgehend Einigkeit, dass die radikalislamische Hamas durch den Coup strategisch geschwächt wird. Gleichzeitig äußerten sich Experten und Journalisten aber auch besorgt, dass im Nachbarland, ein Machtvakuum entstehen könnte, das islamistische Terrorgruppen füllen könnten.

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kanario 05.07.2013
1. Lieber Spiegel, bitte nicht die Reaktion Erdogans vergessen.
Zitat von sysopREUTERSVon Jordanien bis Saudi-Arabien - die arabische Welt hat positiv auf den Coup in Ägypten reagiert. Die Regierung der Muslimbrüder war vielen Herrschern im Nahen Osten ein Dorn im Auge. Doch einige Gruppen schwächt der Umbruch auch. http://www.spiegel.de/politik/ausland/arabische-welt-nach-umsturz-in-aegypten-glueckwuensche-zum-coup-a-909627.html
Ankara findet Machtwechsel in Ägypten undemokratisch | Politik | RIA Novosti (http://de.rian.ru/politics/20130704/266426914.html)
sysiphus-neu 05.07.2013
2. Ergänzung
Leider wurden zwei Akteure in der arabischen Welt in diesem Artikel nicht erwähnt, die den ägyptischen Militärputsch ebenso wie Tunesien scharf verurteilen. Es handelt sich um die Islamistenregierung Libyens und um den Emir von Katar. Beide Länder haben Milliarden von Dollar in die ägyptischen Muslimbrüder investiert und sehen jetzt ihr Geld verpuffen. Außerdem wäre noch interessant zu erwähnen, dass Saudi Arabien zwar die Muslimbrüder wegen ihrer sozial-egalitären, antimonarchistischen Agenda ablehnt, aber gleichzeitig in Ägypten die religiös noch viel radikaleren Salafisten unterstützt. Insgesamt scheint Katar, dass international seit Jahren weit oberhalb seiner Gewichtsklasse boxt, momentan geopolitisch auf seine reale Größe zurückgestutzt zu werden. Das finde ich gut.
edmond_d._berggraf-christ 05.07.2013
3. Ob der Staatsstreich der Kriegsknechte wohl gelingen wird?
Groß ist zwar nun der Jubel über den Staatsstreich der ägyptischen Kriegsknechte, aber ist es doch reichlich albern diesen als einen Sieg der lieben Volksherrschaft zu feiern, da man selbige nicht derart an den Haaren herbeiziehen kann; und so wahr es auch ist, daß das Volk als Souverän seine Beamten jederzeit abberufen oder überhaupt die Gesetze und Staatseinrichtungen verändern kann, so fand dergleichen in Ägypten nicht statt, weil man eben das Volk nicht abstimmen ließ, sondern den Straßenlärm einer Partei zum Vorwand für einen Staatsstreich benützt hat; die tatsächliche Souveränität liegt daher wohl beim ägyptischen Militär, das aber bisher stets klug genug war nicht selbst zu herrschen, sondern Marionettenherrscher einsetzte, die man gelegentlich an den Volkszorn verfüttern konnte; es ist aber fraglich, ob die mohammedanischen Glaubenseiferer, diese Komödie weiterhin mitspielen werden, nachdem man sie derart dreist um die Macht geprellt hat, obwohl sie 70% der Stimmen erhielten.
Whitejack 05.07.2013
4.
Zitat von kanarioAnkara findet Machtwechsel in Ägypten undemokratisch | Politik | RIA Novosti (http://de.rian.ru/politics/20130704/266426914.html)
Seit wann ist Erdogan Araber?
Levend 05.07.2013
5. Militärputsch...
Zitat von kanarioAnkara findet Machtwechsel in Ägypten undemokratisch | Politik | RIA Novosti (http://de.rian.ru/politics/20130704/266426914.html)
Der regierenden AKP geht ja auch der Ar... auf Grundeis, wenn sie nur an das türkische Militär denken... nicht umsonst hatten sie sich grösste Mühe gegeben, die Militärspitze mit zweifelhaften Vorwürfen zu verhaften. Viele Militärangehörige sitzen seit längerer Zeit ohne ernsthafte - geschweige denn "demokratische" Verhandlungen - im Gefängnis. Das grosse Glück der AKP dürfte sein, dass die Demonstranten in Istanbul, Ankara, Izmir (und insgesamt 79 der grössten 81 Städte!) keine Lust darauf haben, dass das Militär eingreift... in diesem Punkt stimmen sie mit der AKP überein: ein Militärputsch - auch wenn er undemokratische Herrscher absetzt - ist kein demokratisches Mittel. Da haben Erdogan und die AKP mehr Glück als Verstand.
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