Arabischer Frühling: Islamisten zu Demokraten!

Von Yassin Musharbash

Tunesien, Libyen, Ägypten - der Arabische Frühling hat islamistische Parteien stark gemacht. Ist das Verrat an der Freiheit? Keineswegs. Der Erfolg der Religiösen zeigt nur, dass sich die politischen Verhältnisse normalisieren. Nun beginnt das Experiment, Islam und Demokratie zu versöhnen.

Jubelnde Anhänger der tunesischen Islamisten: Normalisierung der politischen Verhältnisse Zur Großansicht
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Jubelnde Anhänger der tunesischen Islamisten: Normalisierung der politischen Verhältnisse

Freiheit von Tyrannei ist kein exklusiv westlicher Wert. Und wenn diese Freiheit errungen ist, dann muss sie nicht in Gesellschaften und Gesellschaftsformen münden, die Kopien der westlichen sind, um ihren Wert zu behalten. Eine freie, selbstbestimmte Gesellschaft ist auch denkbar, wenn Islamisten an der Macht beteiligt sind.

Denkbar, wohlgemerkt - noch nicht garantiert.

Trotzdem gibt es wenig Anlass, aus dem Off darüber zu klagen, dass die Tunesier mehrheitlich eine islamistische Partei gewählt haben. Oder darüber, dass ähnliches in Ägypten wohl bevorsteht. Selbst der brachial vorgetragene Anspruch des libyschen Übergangsrates, einen islamisch geprägten Staat zu schaffen, ist noch kein Grund zur Panik.

Denn das Erstarken islamistischer Bewegungen, Strömungen und Parteien in diesen drei post-revolutionären Ländern ist nicht per se ein Rückschritt. Vielmehr drängt an die Oberfläche, was allzu lange brutal unterdrückt worden ist: Das Bewusstsein großer Teile dieser Gesellschaften, eine muslimische Identität zu besitzen, die sich auch in der Verfasstheit ihrer politischen Ordnungen spiegeln soll.

Es ist also kein Verrat an der Freiheitsliebe, wenn Tunesier, Ägypter und Libyer in beachtlichen Zahlen islamistischen Politikern ihr Vertrauen schenken - es ist zunächst einmal eine Normalisierung.

Es gibt außerdem nachvollziehbare Gründe, warum Islamisten vor allem für die einfache Bevölkerung als Repräsentanten attraktiv sind. Das Hauptmotiv ist, dass den islamistischen Bewegungen die Lösung der sozialen Frage am ehesten zugetraut wird - weil ihre Protagonisten traditionell nicht Teil der Elite sind, und weil in ihrem frommen Denken der Ausgleich zwischen Arm und Reich eine wichtige Rolle spielt. Als zweite Tugend wird ihnen zugeschrieben, dass sie am wenigsten zur Korruption neigen. In der Wahrnehmung macht sie das zum nahezu vollständigen Gegenbild der zuvor herrschenden Tyrannen, unter denen Cliquen-Wirtschaft blühte und Armut totgeschwiegen wurde.

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Wahlen: Tunesier kosten die Demokratie
Das Herz der arabischen Revolte

Beide Gründe führen übrigens mitten ins Herz der arabischen Revolte. Denn die Menschen auf den Straßen haben nicht nur die Regime und Präsidenten gestürzt, sie haben auch - teils unbewusst, teils in voller Absicht - überkommene soziale Strukturen erschüttert. Die autoritären Präsidialrepubliken, denen sie den Garaus machten, waren im Grunde nicht viel mehr als die Übersetzung patriarchaler Strukturen, wie es sie in Großfamilien und Stammesverbänden gibt, in die politische Sphäre.

Wer das eine stürzt, stellt das zweite in Frage: In Tunis und Kairo, teilweise auch in Tripolis, ging es durchaus auch um die Freiheit des Individuums. Denn Korruption und Vetternwirtschaft auf staatlicher Ebene waren das Spiegelbild von Fremdbestimmung und Ungleichbehandlung auf der Grundlage von Verwandtschaft oder sonstiger sozialer Zugehörigkeit im Privatleben.

Natürlich waren säkulare Aktivisten eine treibende Kraft der Aufstände. In Ägypten beispielsweise hätte die Revolution ohne sie gar nicht erst begonnen, und es waren die Muslimbrüder, die sich lange gar nicht zu Wort meldeten und dann auf den Zug aufsprangen. Doch die Säkularen waren in keinem der drei Länder als Gruppe groß genug für eine erfolgreiche Revolte. Das mag man bedauern, bleibt aber ein Fakt.

Was nun geschieht, da diese Länder befreit sind, ist ein spannendes Experiment: Zum ersten Mal besteht die Chance, dass diese arabischen Gesellschaften Kompromisse finden und neue soziale Verträge schließen, weil erstmals niemand diktiert und alle repräsentiert sind. Das ist eine atemraubende Perspektive.

Führungsrolle für die Islamisten

Die Islamisten werden dabei vermutlich eine Führungsrolle spielen. Das muss niemandem im Westen gefallen - natürlich sind deren gesellschaftspolitische Vorstellungen jenen, die im Westen verbreitet sind, am wenigsten nah. Doch sollte man nicht aus dem Blick verlieren, dass nicht alle Islamisten einen Gottesstaat fordern und dass der moderate Islamismus kein Phantasma ist - sondern in der Türkei beispielsweise eine Realität, auch und gerade an der Macht.

Im besten Fall funktionieren die verschiedenen Strömungen als gegenseitiges Korrektiv: Die Säkularisten, die Liberalen müssen den Islamisten beständig auf die Füße treten, wenn diese drohen, sich in islamistischer Selbstgefälligkeit und Denkfaulheit einzurichten; umgekehrt werden die Islamisten als Übersetzer der Sprache der Konkurrenten (und möglichen Koalitionspartner!) in die Sprache der Mehrheit unverzichtbar sein.

"Der Islam ist die Lösung": So lautet die politische Kampfparole des Islamismus seit Jahrzehnten. Doch dahinter steht ein Gedanke, der grundlegender ist und den man als den eigentlichen ersten Glaubenssatz des Islamismus beschreiben könnte: Dass nämlich die islamischen Gesellschaften ihren eigenen Weg in die Moderne finden müssen, ohne einfach den Westen zu kopieren. Der Islamismus ist im Kern keine fortschrittsfeindliche Ideologie, wohl aber eine wertkonservative.

Grund zur Wachsamkeit

Dieses Fundament taugt - jedenfalls theoretisch - als Plattform im politischen Dialog. Andererseits gibt es Grund zur Wachsamkeit, und jeder, auch der Beobachter im Westen, hat das Recht, problematische Entwicklungen anzusprechen, sobald sie sich abzeichnen. Wie ernst ist es den Islamisten in den drei Ländern mit den Rechten von Nicht-Muslimen, mit den Rechten der Frauen, mit der Freiheit der Rede, der Presse, der Versammlung? In Tunesien gibt es Grund für Optimismus, in Ägypten wenig Grund für Panik, in Libyen ist die Lage wohl am wenigsten übersichtlich.

Natürlich gibt es nun Streit in den betroffenen Ländern, die Säkularen und Liberalen fürchten eine Umdeutung der Revolte. Doch dieser Konflikt muss geführt werden - sonst wird ein breiter Teil dieser Gesellschaften, der fromme, wertkonservative, außen vor gelassen.

Wichtig ist, dass man die Parteien und Bewegungen in den drei post-revolutionären Staaten an dem misst, was sie nun tun und tun werden - und nicht am Verhalten anderer Islamisten anderswo. Auch Islamisten dürfen Demokraten sein, und umgekehrt. Jetzt ist die Chance da, es zu beweisen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 201 Beiträge
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    Seite 1    
1. Islam und Demokratie
flusser 28.10.2011
Islam und Demokratie passen nicht zusammen, da zur Demokratie die Achtung der Meinung Andersdenkender gehört. Diese Achtung ist beim Islam leider nicht vorhanden. Aus diesem Grund gehören Staat und Kirche auch streng getrennt.
2. Verrat an der Freiheit
Reqonquista 28.10.2011
Zitat von sysopTunesien, Libyen, Ägypten - der Arabische*Frühling hat islamistische Parteien stark gemacht. Ist das*Verrat an der Freiheit? Keineswegs.*Der Erfolg der Religiösen*zeigt nur, dass sich die politischen Verhältnisse normalisieren. Nun beginnt das Experiment, Islam und Demokratie zu versöhnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,794199,00.html
Qas der Autor leider nicht erwähnt, ist das eine islamische Orndung viele Dinge verbietet, die wir als slebstverständlich erachten und die wesentlicher Bestandteil unserer Demokratie sind. Z.B, die Rechte von Schwulen, "Ungläubigen", Frauen, Minderheiten, Juden, Christen, Atheisten uvm. Demokratie heißt nicht, das die Mehrheit mit den Minderheiten machen kann was sie will. Das ist aber eher das islamische Verständnis! Wie sieht es den mit den Rechten der CHristen in islam. Ländern aus? Die Türkei soll als Vorbild gelten. Wie geht es den den Armeniern und Christen dort??? Eine islamische Demokratie funktioniert nur, wenn es keine Andersgläubigen gibt
3. Islamisten als Demokraten
gerd2006 28.10.2011
"Auch Islamisten dürfen Demokraten sein, und umgekehrt." Diese Aussage macht ungefähr so viel Sinn wie "Auch Neonazis dürfen Demokraten sein. Und umgekehrt." Es gibt eben Dinge, die sich logisch und politisch ausschliessen. Wenn Allah die Gesetze vorgibt, kann der Mensch sie nicht ändern, auch in der Demokratie nicht. Deshalb Scharia und Auslegung der Koransuren in Fatwas statt einer offenen Gesellschaft. Eigentlich nicht so schwer zu verstehen, warum wollen Sie uns etwas anderes vorgaukeln?
4. Unruhen normal?
Tastenhengst 28.10.2011
Ich finde es nicht normal, wenn nach den Wahlen Unruhen (http://www.bbc.co.uk/news/world-africa-15488077) auftreten, weil gewonnene Sitze einer Partei gestrichen werden. Warum wird die staatsislamische Ennahda-Partei Ziel solcher Unruhen?
5. :{[
gewgaw 28.10.2011
Ein weiterer Artikel zwecks Gesundbetung, denn es darf nicht sein, was nicht sein darf. Lustig auch folgendes: "der moderate Islamismus kein Phantasma ist - sondern in der Türkei beispielsweise eine Realität, auch und gerade an der Macht." "beispielsweise" - ? Wie wäre es denn mit noch vielen weiteren Beispielen, wird schwer?!
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