Arafats Ende "Wir zählen die Stunden"

Die Gerüchte über den Gesundheitszustand von Jassir Arafat gehen weiter: Agenturmeldungen zufolge steht der Tod des Palästinenserpräsidenten unmittelbar bevor. Dass er schon gestorben sei, dementierte die Klinik jedoch. Neuester Befund: Der PLO-Chef hat eine Hirnblutung erlitten.


Die Delegation wartet nach ihrem Besuch vor dem Krankenhaus auf die Abfahrt
AP

Die Delegation wartet nach ihrem Besuch vor dem Krankenhaus auf die Abfahrt

Paris/Ramallah - Die Hirnblutung habe gestern Abend eingesetzt, erklärte Arafats Berater Tajeb Abdel Rahim vor Journalisten in Ramallah. Infolge dieser Hirnblutung befinde sich der Vorsitzende der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) nunmehr in einem äußerst kritischen Zustand.

Abdel Rahim erklärte weiter, die in Ramallah verbliebene palästinensische Führungsspitze werde die ganze Nacht über in Arafats Hauptquartier, der so genannten Mukata, versammelt bleiben, um auf den etwaigen Tod ihres Präsidenten sofort angemessen reagieren zu können. Die nach Paris gereiste Spitzendelegation werde nach ihrem Treffen mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac nach Ramallah zurückkehren.

Am Nachmittag hatte die Delegation das Militärkrankenhaus bei Paris besucht. Im Anschluss sprach der palästinensische Außenminister Nabil Schaath von einer "sehr schwierigen und ernsthaften Situation".

Die lebenswichtigen Organe Arafats - wie Herz und Lunge - funktionierten aber vollständig, sagte Schaath dem US-Fernsehsender CNN. "Er bekommt lebenserhaltende Unterstützung, wie jeder Mensch im Koma." Seine Atmung oder sein Herzschlag würden aber nicht unterstützt. Ein "Plan für seine Nachfolge" sei derzeit nicht nötig.

Ein hoher palästinensischer Geistlicher machte sich auf den Weg nach Paris, um Jassir Arafat in der nahenden Stunde des Todes beizustehen. Taissir Dajut Tamimi erklärte, er wolle dem palästinensischen Präsidenten "in dieser entscheidenden Zeit nahe" sein. Tamimi machte zunächst keine näheren Angaben, allerdings deutete seine Erklärung darauf hin, dass die lebenserhaltenden Apparate möglicherweise bald abgestellt werden sollten.

Eine anonyme palästinensische Quelle in Paris war nach dem Besuch von vier Palästinenserführern in der Klinik mit den Worten zitiert worden: "Sie haben ungefähr eine Stunde mit den Ärzten verbracht und einen ausführlichen Bericht über die medizinische Situation zu hören bekommen. Er ist nicht tot, aber wir zählen die Stunden." Auf die Frage, ob Arafat dem Tod nahe sei, erwiderte Schaath: "Das weiß Gott allein."

Reuters meldete unter Berufung auf anonyme Palästinenserkreise bereits den Tod Arafats. Wenig später verbreitete die Nachrichtenagentur jedoch schon das Dementi des Militärkrankenhauses.

Schaath teilte nicht mit, ob die Delegation, der auch Ministerpräsident Ahmed Kurei, der PLO-Vizevorsitzende Mahmud Abbas und Parlamentspräsident Rauhi Fattu angehörten, direkt am Krankenbett Arafats waren. Dafür teilte Schaath mit, dass die Erkrankung Arafats nicht auf eine Vergiftung zurückzuführen sei. Der Präsident leide an Krebs.

Die Ärzte im französischen Militärkrankenhaus Percy hatten offenbar zuvor die vier angereisten Palästinenserführer auf den baldigen Tod ihres Präsidenten vorbereitet. In der Nacht soll sich Arafats Zustand zunehmend verschlechtert haben.

Zuvor hatte ein Sprecher des behandelnden Militärkrankenhauses in Frankreich mitgeteilt, dass sich der Zustand Arafats dort in der Nacht verschlimmert habe. Der Präsident sei in ein tieferes Koma gefallen. Damit habe eine neue Phase begonnen, sagte der Sprecher. Die Prognose für die weitere Entwicklung sei ungewiss, sagte der Sprecher.

US-Außenminister Colin Powell sagte gestern vor Journalisten auf dem Flug nach Mexiko, er sei beeindruckt, wie die palästinensische Führung seit Beginn von Arafats Behandlung in Paris miteinander diskutiert habe. Anlass zur Hoffnung gebe auch der zu beobachtende Rückgang der Gewalt im Nahen Osten.

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