Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Arafats Erkrankung: Der Nahe Osten wird sein Gesicht für immer verändern

Von Yassin Musharbash

Der Tod Arafats könnte den Nahen Osten in ein Chaos stürzen, denn der Palästinenserpräsident hat keinen Nachfolger aufgebaut. Es drohen Machtkämpfe. Zugleich könnte der Friedensprozess eine neue Chance erhalten, wenn Arafat stirbt oder sich wegen seiner Krankheit aus der Politik zurückzieht - Israel hätte womöglich wieder einen Verhandlungspartner.

 PLO-Sicherheitskräfte lesen eine Zeitung mit Meldungen über Arafats Gesundheitszustand: Angespannte Lage
AP

PLO-Sicherheitskräfte lesen eine Zeitung mit Meldungen über Arafats Gesundheitszustand: Angespannte Lage

Berlin - In Jerusalem und Ramallah schien heute beinahe jedes Szenario denkbar: Von Bürgerkrieg in den palästinensischen Gebieten bis zu einem Neuanfang im Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern reichte die Bandbreite der Hoffnungen und Sorgen, die sich mit dem Schicksal des schwer kranken Arafat verbinden.

Dessen Gesundheitszustand hatte sich gestern rapide verschlechtert; unbestätigten Berichten zufolge soll er gestern Abend zehn Minuten lang das Bewusstsein verloren haben. Ärzte und Besucher berichteten heute, Arafat sei verwirrt und extrem geschwächt. Mustafa Barghouti, ein palästinensischer Arzt, der Kontakt mit den behandelnden Medizinern hatte, sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE, der Präsident sei "schwer krank", er schwebe aber derzeit nicht in Lebensgefahr. Trotzdem soll Arafat nun offenbar zur weiteren Behandlung ins Ausland geflogen werden. Am frühen Abend hieß es, Arafat werde nach Paris gebracht.

Schon diese Entwicklung sorgte heute in Jerusalem und Ramallah, der heimlichen Hauptstadt der palästinensischen Gebiete, für Unruhe. Arafat steht seit über zwei Jahren unter Hausarrest. Mehrfach hatte die israelische Regierung des Premiers Ariel Scharon gesagt, Arafat sei zwar frei, das Land zu verlassen - ob man ihn aber wieder hereinlasse, sei unklar. Heute hieß es zwar, die palästinensische Führung habe eine Rückkehr-Garantie für ihren Präsidenten erhalten. Aber darauf geben politische Beobachter in Ramallah nicht viel.

Unabhängig davon, wie sich die Dinge weiter entwickeln: Sollte Arafat sterben, krankheitsbedingt von der politischen Bühne abtreten oder künftig im Exil sitzen, wird der Nahe Osten sein Gesicht dauerhaft verändern. Arafat gilt in Israel seit Beginn der Zweiten Intifada im September 2000 als irrelevant. Scharon hat wiederholt deutlich gemacht, dass er mit Arafat nicht mehr verhandeln will. Mit der Begründung, es gebe auf palästinensischer Seite keinen vertrauenswürdigen Verhandlungspartner, hatte ein Sprecher Scharons vor kurzem noch den Friedensfahrplan "Roadmap for Peace" für ausgesetzt erklärt. Sollte Arafat nun wegen seiner Gesundheitsprobleme ersetzt werden müssen, hätte Israel möglicherweise in Kürze wieder einen Gesprächspartner - der internationale Druck auf Israel, von neuem zu verhandeln, würde steigen.

Treffen der beiden Arafat-Vertrauten

 Arafats Frau Suha auf dem Weg zu ihrem Mann: Behandlung ihres Mannes im Ausland?
REUTERS

Arafats Frau Suha auf dem Weg zu ihrem Mann: Behandlung ihres Mannes im Ausland?

Zuvor allerdings müssten sich die Palästinenser auf einen Nachfolger für Arafat verständigen. In Ramallah waren sich politische Beobachter heute zumindest über eines sicher: die palästinensische Verfassung dürfte im Todesfalle Arafats mit Sicherheit umgangen werden. Denn das Grundgesetz des noch nicht existierenden Staates sieht vor, dass der Sprecher des Parlaments für die Dauer von maximal 60 Tagen die Macht übernimmt, bis ein Nachfolger gewählt ist. Doch Rowhi Fattouh, der diesen Posten bekleidet, gilt als politisches Leichtgewicht; nicht einmal in den palästinensischen Gebieten ist er allgemein bekannt. Es gilt deshalb als ausgemacht, dass einer der prominenten PLO-Politiker und Arafat-Gefährten das Amt eines Übergangspräsidenten übernehmen würde, sollte Arafats Gesundheitszustand sich verschlechtern und er sterben, ohne seine Nachfolge selbst zu regeln.

In Frage kommen für eine Übergangszeit vor allem zwei palästinensische Politiker: Der amtierende Ministerpräsident Ahmad Kureia, alias Abu Ala, und dessen Vorgänger Mahmud Abbas, der unter dem Kampfnamen Abu Mazen bekannt ist. Als Indiz dafür gilt ein offensichtlich einvernehmliches Treffen der beiden, das gestern Abend stattfand. Beide sind Gefährten Arafats seit Jahrzehnten, auch wenn sich beide in den vergangenen Jahren mehrfach mit ihm überworfen haben. Beide gelten mittlerweile als Verfechter einer politischen Lösung mit wenig Sympathien für die palästinensischen Terrororganisationen.

Das Amt des palästinensischen Premierministers war erst im vergangenen Jahr auf internationalen Druck hin geschaffen worden. Es soll helfen, die Machtfülle Arafats zu beschneiden. Doch weil dieser nur wenige seiner Befugnisse abzutreten bereit war, blieb der Posten von vornherein wenig bedeutsam. Abu Alas Vorgänger Abu Mazen warf vor einem guten Jahr enttäuscht das Handtuch; und auch Abu Ala drohte bereits vier Mal mit Rücktritt.

Unruhen bei der Beerdigung?

In Ramallah galt es heute als denkbar, dass Abbas und Kureia sich die Macht vorläufig teilen würden, falls Arafat stirbt: Kureia könnte die präsidialen Aufgaben übernahmen, Abbas währenddessen die PLO führen, der Arafat seit Jahrzehnten vorsteht. Ob diese Lösung von Dauer sein könnte, ist schwer zu sagen. Sicher ist nur, dass sich ein Nachfolger spätestens in ein paar Monaten auch den Wählern zu stellen hätte. Schon vor Monaten waren Wahlen für das kommende Jahr angekündigt worden; die Registrierung der Wähler läuft bereits.

Ob einer der beiden Abu das Rennen machen könnte, gilt als offen - beide sind in der palästinensischen Öffentlichkeit nicht sonderlich beliebt. Insbesondere falls sie gegeneinander anträten, könnte es Überraschungen geben. Ob Wahlen tatsächlich abgehalten werden können, hängt freilich auch vom Verhalten der israelischen Armee ab. Nur wenn zumindest für den Zeitraum des Urnenganges die Bewegungsfreiheit der Palästinenser sichergestellt ist, kann überhaupt von einer allgemeinen Wahl die Rede sein.

Denkbar scheint zurzeit allerdings auch, dass Jassir Arafat, gewarnt durch seinen Zusammenbruch, selbst noch einer bestimmten Person oder einem Gremium die Nachfolge anträgt. Noch ist kaum etwas über seinen Gesundheitszustand bekannt. Zwar veröffentlichten die Nachrichtenangenturen am Abend ein Foto vom Donnerstag, das Arafat lächelnd im Kreis seiner behandelnden Ärzte zeigt. Doch es liegen keine Informationen darüber vor, ob der Palästinenserpräsident derzeit bei klarem Verstand und handlungsfähig ist. Erst vor kurzem hatte der jordanische König Abdullah II. Arafat aufgefordert, über einen Rücktritt nachzudenken - vielleicht nimmt sich der "Rai'is" seinen Zusammenbruch zum Anlass, die Geschäfte auf gesündere Menschen zu übertragen.

 PLO-Chef Arafat: Wer kommt nach ihm?
DPA

PLO-Chef Arafat: Wer kommt nach ihm?

Notfallpläne der israelischen Armee gehen derweil davon aus, dass nach dem Tode Arafats Unruhen oder bewaffnete Kämpfe zwischen palästinensischen Gruppen ausbrechen könnten; sogar eine Machtübernahme der Terrororganisation Hamas wird als denkbares Szenario geschildert. In den palästinensischen Gebieten selbst wird das für unwahrscheinlich gehalten. Eine mögliche Eskalation aber droht in jedem Fall, wenn Anhänger Arafats versuchen sollten, den Verstorbenen in der Jerusalemer al-Aqsa-Moschee beizusetzen; Israel hat bereits angekündigt, dies auf keinen Fall zuzulassen.

Die zweite Reihe läuft sich warm

Im Hintergrund dürften sich in der Zwischenzeit insbesondere zwei Vertreter der jüngeren Generation zu positionieren versuchen: Mohammad Dahlan und Gibril Rajoub, die beide aus dem Sicherheitsapparat stammen, haben schon zuvor ihr Interesse an Führungsaufgaben bekundet. Sie haben zudem den Vorteil auf ihrer Seite, dass sie nicht - wie Abu Mazen und Abu Ala - erst vor zehn Jahren aus dem Exil heimkehrten, sondern ihr gesamtes Leben in den Palästinensischen Gebieten verbracht haben. Dahlan allerdings gilt, ähnlich wie Abu Ala, unter Palästinensern als zu kompromissbereit. Der nach Arafat beliebteste palästinensische Aktivist, Marwan Barguti, ist derweil unfreiwillig aus dem Rennen: Er sitzt zurzeit im Gefängnis. Ein israelisches Gericht verurteilte ihn wegen mehrerer Terroranschläge zu einer fünffachen lebenslangen Haftstrafe.

Jassir Arafat gilt schon seit längerem als krank. Seit gut 15 Jahren werden bei ihm Symptome der Parkinson-Krankheit festgestellt. Auch über eine Krebserkrankung gab es immer wieder Gerüchte. Trotz seinem Unwillen zur Reform und der unter ihm gedeihenden Korruption gilt Arafat als das menschliche Symbol für den palästinensischen Freiheitskampf schlechthin. Sich offen gegen ihn zu stellen, kann einen palästinensischen Politiker leicht Sympathien kosten. Arafats oft bekundeter Traum war es stets, erster Präsident eines unabhängigen palästinensischen Staates zu werden. Wohl auch deshalb klebt er so an seinem Präsidentensessel.

 Arafat mit Ehefrau: Unwillen zur Reform
AP

Arafat mit Ehefrau: Unwillen zur Reform

Der Nahe Osten ohne Arafat wäre grundlegend verändert; es würde Monate dauern, bis sich die Neuverteilung der politischen Gewichte innerhalb Palästinas und im Verhältnis zwischen Palästinensern und Israelis herauskristallisiert hätte. Doch die Hoffnungen, dass es ohne Arafat eher zu einer friedlichen Lösung zwischen beiden Völkern kommen könnte, teilen viele auf beiden Seiten. Für die palästinensische Seite ist es allerdings von absolut zentraler Bedeutung, dass Arafat eines natürlichen Todes stirbt. Sollte er jemals, wie es die israelische Armee mehrfach angedeutet hat, gezielt getötet werden, wäre jede Hoffnung auf einen Friedensschluss auf Jahre verloren.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: