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Arafats Grabstätte: Mausoleum für einen Übervater

Aus Ramallah berichtet Ulrike Putz

Marschmusik, Sprechchöre und ein Meer von Palästinensertüchern: Am dritten Todestag Jassir Arafats konnte die Kulisse in Ramallah nicht festlich genug sein. Doch wer genau hinsah, der merkte, wie tief sich der Hass in die Seele der palästinensischen Nation gefressen hat.

Ramallah - Die eine Stimme der Vernunft war nicht laut genug. Kaum hatte der ältere Herr in den vorderen Stuhlreihen angehoben zu reden, brandete von hinten ein wütender Sprechchor von Tausenden auf ihn herab. "Schiiten! Schiiten!" röhrte die Menge. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas schaute irritiert von seinem Redescript auf, wartete kurz und machte dann weiter im Text. Er hatte keine Antwort für den Mann, der mutig aufgestanden war, um für einen Dialog zwischen den bis aufs Blut verfeindeten Parteien Fatah und Hamas zu plädieren. Die Antwort überließ er der Menge, die den Zwischenrufer als Hamas-Freund verhöhnte: "Schiit!" in Anspielung auf den schiitischen Iran, der die im Gaza-Streifen regierenden Hamas unterstützt.

11. November in Ramallah: Es herrschte Feiertagsstimmung in der Hauptstadt des von der Fatah regierten Westjordanlands. Zum dritten Mal jährte sich der Todestag des Palästinenserführers Jassir Arafat, und gerade rechtzeitig zu den Feierlichkeiten war das geschmackvolle, gar nicht protzige Mausoleum fertig geworden, um Arafats sterblicher Hülle eine vorläufige Bleibe zu bieten.

Dass die Ruhestätte auf dem Gelände des Sitzes der Palästinensischen Autonomiebehörde nicht seine letzte sein würde, hatte Arafat vor seinem Tod im Alter von 75 Jahren verfügt: Abu Amar - so Arafats Nom de Guerre - will auf dem Tempelberg beigesetzt werden, wenn Jerusalem erstmals die Hauptstadt eines freien Staates Palästina sein wird. Ein schlitzohriger Winkelzug des Mannes, der vom international gesuchten Terroristen bis zum Friedensnobelpreisträger eine der erstaunlichsten Karrieren unserer Zeit gemacht hat, und der sich noch im Tode Medienpräsenz auf Jahrzehnte sichern wollte.

"Die Zukunft gehört uns, Tod den Mördern"

Nun aber liegt er vorerst in einem Sandstein-Kubus und nicht mehr hinten links in der Ecke des asphaltierten Parkplatzes der Mukata wie vor der Fertigstellung des Mausoleums. Das allein war Grund zu feiern, dass die Novembersonne die Rücken der vielleicht 7000 Anwesenden wärmte, erhöhte den Spaß. Kinder trugen Pfadfinder- oder Schuluniformen, Frauen die reich bestickte Landestracht und alle, alle das palästinensische Karo. Ein wogendes Meer von schwarz-weiß gescheckten Schirmmützen, Schals und Kopftüchern: Zwischenzeitlich hatte es denn auch den Anschein, als wohne man allein der liebevollen Huldigung eines verstorbenen Führers und der fröhlichen Feier der eigenen nationalen Identität bei - wären da nicht die T-Shirts der halbwüchsigen Fatah-Anhänger gewesen: "Die Zukunft gehört uns, Tod den Mördern" war darauf gedruckt.

Mörder, das sind in dieser simplifizierten Sichtweise natürlich nur die anderen, für die Fatah-Anhänger in Ramallah ist es die Hamas. Spricht die Hamas von der Fatah, dann mit den gleichen Worten. Und genauso unversöhnlich.

Die Gedenkfeiern für den Übervater der palästinensischen Nation zeigen in diesem Jahr die Momentaufnahme eines Volkes, das sich hasserfüllt ineinander verbissen hat. Seit dem Wahlsieg der Hamas gegen die Fatah im Januar 2006 ist das Klima vergiftet: Die Fatah wollte damals nicht anerkennen, dass sie jahrzehntelange Korruption und Misswirtschaft die Wahl gekostet hat. Sie bekam Schützenhilfe von der internationalen Gemeinschaft, die die auch von der EU als Terrororganisation eingestufte Hamas nicht am Ruder sehen wollte und sie fortan finanziell wie diplomatisch boykottierte.

Motto der Gedenkfeier: Die Fatah ist einzige Erbin Arafats

Die Hamas, die im Kampf gegen das von ihr nicht anerkannte Israel nicht auf Gewalt verzichten will, sah sich um einen demokratisch errungenen Wahlsieg betrogen und warf der Fatah vor, gemeinsame Sache mit den USA und Israel, also den Feinden Palästinas zu machen. Es blieb nicht bei bösen Worten: Während der monatelangen, erbitterten Bruderkämpfe des vergangenen Jahres gingen beide Seiten brutal und grausam gegen die jeweils andere vor, beide mordeten und wurden ermordet. Im Juni schließlich übernahm die Hamas die Macht im Gaza-Streifen, die Fatah regierte das Westjordanland, der noch nicht existierende Staat Palästina war pränatal zwei geteilt.

Es war kein allzu hoffnungsvolles Bild, was man sich am heutigen Sonntag von der palästinensischen Gemütslage machen konnte. Tenor der Veranstaltung: Die Fatah ist einzige legitime Erbin Jassir Arafats und erhebt folgerichtig den Alleinvertretungsanspruch für das palästinensische Volk. Dieser Anspruch legitimiert die Fatah auch, bei der in den nächsten Wochen anstehenden Friedenskonferenz im US-amerikanischen Annapolis im Namen aller Palästinenser zu sprechen.

Über die Ziele der von den USA initiierten Gespräche sind sich Israel und die Palästinenser auch kurz vor Termin immer noch nicht einig. Die Palästinenser wollen vor Konferenzbeginn ein Dokument in den Händen halten, das zumindest in Grundzügen aufzeigt, wie die Frage nach dem Status von Jerusalem und dem Rückkehrrecht der Flüchtlinge gelöst werden sollen. Die israelische Seite setzt dagegen, ein Dokument über die Beziehungen zwischen Israel und den Palästinensern sei Ziel des Treffens und könne daher nicht an seinem Anfang stehen.

Der Mann, der zumindest einen Teil seines Volkes in Annapolis vertreten wird, war trotzdem optimistisch. "Dies ist eine historische Chance, einen Staat in den Grenzen von 1967 und mit Jerusalem als Hauptstadt zu gründen. Dies ist die Chance, Frieden für alle zu bringen, für Palästinenser, Israelis und für alle arabischen Nachbarn", sagte Abbas.

Er sagte nicht, wie ein palästinensischer Staat funktionieren soll, von dem der gesamte Gaza-Streifen, über ein Drittel der Bevölkerung, ausgeschlossen ist. Er sagte nicht, wie ein Frieden halten soll, der von der Hamas nicht mit verhandelt wurde und mit getragen wird. Abbas sagte nicht, dass die Gründung eines Staates Palästina damit steht und fällt, ob die Palästinenser wieder zusammen finden können, ob sie bereit sind, ihren blinden Hass zu überwinden. Und er sagte nichts, als die Menge den Mann niederschrie, der für Vernunft plädierte.

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