ARD-Reporter im Irak 2003: Wie ich die Schlacht um Bagdad erlebte

AP

Als 2003 Bomben auf Bagdad fielen, berichtete Christoph Maria Fröhder aus der Hauptstadt des Irak. Der ARD-Reporter wurde bei Interviews mit Waffen bedroht, sah US-Soldaten Zivilisten verprügeln - und erfuhr, wie eine Autogrammkarte von Franz Beckenbauer Leben retten kann. Erinnerungen an den Krieg.

Donnerstag, 20. März 2003: Nur 90 Minuten nach Ablauf des amerikanischen Ultimatums fielen die ersten Bomben auf Bagdad. Der Beginn des Irak-Krieges.

Mein Kameramann Lars und ich waren unterwegs von der jordanischen Hauptstadt Amman nach Bagdad, links und rechts von uns nur Rauchwolken und Bombenkrater. Die knapp 600 Kilometer lange Strecke hieß bei uns Journalisten "Highway des Todes" - es war der einzige befahrbare Zugang zur Stadt und lag damit im Fokus der Angreifer.

16 Stunden später kamen wir unversehrt in Bagdad an. Die ersten Tage waren die gefährlichsten. Trotz angeblich guter Luftaufklärung bombardierte die US-Luftwaffe massiv Stadtviertel - solche, von denen bekannt war, dass dort die Gegner des Regimes lebten. Mehrfach fielen Bomben in unmittelbarer Nähe unseres Teams. Ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit liefen die Nachbarn zu dem gerade zerstörten Haus und retteten Verschüttete, teils mit bloßen Händen. Mehrfach stellten auch wir die Kamera weg und halfen bei den Rettungsarbeiten.

Bei der Bevölkerung wurden wir herzlich empfangen. Weil der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder das Abenteuer eines neuen Irak-Krieges abgelehnt hatte, waren wir den Einheimischen willkommen, sobald wir uns als Deutsche zu erkennen gaben. Dabei half uns auch ein Stapel mit Autogrammkarten von Kanzler Schröder und Franz Beckenbauer: Sobald wir eine Karte in einem Vorort von Bagdad vorzeigten, wurden die Menschen hilfsbereit, warnten uns vor den Angriffen und nahmen uns mit in ihre Schutzkeller.

Die Lüge von den Massenvernichtungswaffen

Es war eine bizarre Situation: Keiner der Einheimischen konnte diesen Krieg wirklich einordnen. Die irakischen Medien hatten kaum etwas über das Ultimatum der USA wegen der angeblichen Massenvernichtungswaffen berichtet. Dass die amerikanische Darstellung falsch war, lag auf der Hand.

Bereits 1995 hatte Saddams Schwiegersohn Hussein Kamel, früher Minister für Kriegswaffen, dem CIA und dem britischen MI6 detailliert erzählt, wie das Regime nach dem zweiten Golfkrieg 1991 die Massenvernichtungswaffen zerlegt hatte. Einige Verstecke fanden Uno-Waffeninspektoren später. Ihr Urteil: Die Anlagen und die Rohstoffe waren längst unbrauchbar. So erfanden die USA die These von den fahrenden Giftfabriken. Schlüssige Belege gab es dafür nicht.

Es war nur einer der vielen Widersprüche dieses Krieges: Warum bombardierten die USA regelmäßig die von den Kurden bewohnten Gebiete im Norden? Und das, obwohl die Kurden bekanntlich seit Jahrzehnten in Opposition zum irakischen Regime stehen. Warum wurde das Hotel Palestine in Bagdad beschossen? Weltweit war es als Medienzentrale bekannt, in der internationale Journalistenteams zwangseingemietet wurden. Auch das ebenfalls deutlich gekennzeichnete Büro von al-Dschasira wurde gezielt von den Amerikanern beschossen. Drei Kollegen starben noch vor dem Einmarsch der US-Truppen.

"Deutschland ist auf Seite der Terroristen"

Wer geglaubt hatte, nach dem Einmarsch werde es ruhiger, wurde schnell eines Besseren belehrt. Als unser Team den ersten amerikanischen Konvoi am Rande der Stadt filmen wollte, fuhr der Führungswagen auf uns los und stoppte erst kurz vor uns. Es kam doch noch zu einem Interview unter abenteuerlichen Umständen: Der Kommandeur klappte das Fenster seines Fahrzeugs hoch und richtete eine schwere Pistole auf mich. Er hielt sie in erkennbar verschwitzten Händen, während ich ihm ein Mikrofon entgegenhielt. Ich rechnete jede Minute damit, dass sich ein Schuss versehentlich lösen könne. Ich fragte ihn nach der Gegenwehr der irakischen Truppen. Man habe kaum Widerstand erlebt, war die knappe Antwort.

Allerdings: Als ein Soldat in einer Oase pinkeln musste, habe er zu seinem Erstaunen in einer Bodensenke rund 25 kauernde irakische Soldaten angetroffen, die sofort ihre Waffen wegwarfen und sich dem GI ergaben, bevor dieser seinen Hosenschlitz schließen konnte.

Gegen Ende des Interviews fragte ich ihn, warum er weiter seine Waffe auf mich gerichtet halte. Die Antwort: "Sie haben doch selbst gesagt, Sie seien ein deutscher Journalist. Eure Regierung kämpft nicht mit uns und hat sich stattdessen auf die Seite der Terroristen geschlagen. Also behandele ich Sie auch wie einen Terroristen."

Möbel, Akten, Toiletten - alles wurde geplündert

In Bagdad begann das große Plündern. Aus Angst vor der Zukunft trug die Bevölkerung alle halbwegs brauch- und verwertbaren Möbel oder Bürogeräte weg. Selbst Klimaanlagen wurden in Windeseile ausgebaut und abtransportiert. Wir erlebten, wie die deutsche Botschaft direkt vor den Augen der Amerikaner geplündert wurde. Die Eroberer postierten sich grinsend in Sichtweite, während die Plünderer ungehindert das gesamte Inventar, die komplette Bibliothek und viele Kisten mit Akten herausschleppten - selbst eine Porzellantoilette. In einem Impuls von Patriotismus zog ich eine noch wehende deutsche Flagge vom Fahnenmast.

Ich lief auf die GIs zu, die in der Nähe an ihrem Panzer lehnten. Ich kam bis auf 20 Meter heran, als sie mich anschnauzten, sofort stehen zu bleiben und beide Hände sichtbar hoch zu halten. Angesichts der massiven Bewaffnung fügte ich mich - brüllte aber dafür umso heftiger: "Warum schützen Sie die deutsche Botschaft nicht? Schließlich sind wir doch Alliierte!" Die barsche Antwort: "Das war einmal. Jetzt seid ihr auf der Seite der Diktatur." Politische Argumente verpuffen in einer solch aufgeladenen Situation. Zumal wenn sie rausgeschrien werden müssen, um den Motorlärm des Panzers zu übertönen.

Am Ende des Disputs drohte ich mit den Bildern, die wir mit unserem langen Teleobjektiv längst von der ganzen Panzer-Crew geschossen hatten. Diese würde ich auch CNN überlassen, damit weltweit gezeigt würde, wie die US-Truppen mit den diplomatischen Einrichtungen ihrer Freunde umgingen. Das wirkte. Ein Offizier kam mit erhobener Waffe und tastete mich ab. Auf seine gebrüllte Frage: "Weapons?" (Waffen?) schrie ich genauso laut und im Stil einer militärischen Meldung zurück: "Ja, meinen Verstand. Der ist wirksamer als eure gesamten M16." Jetzt musste selbst der Offizier lachen.

Nach unserem Gespräch befahl er mir, mit erhobenen Händen zu warten, bis er den Vorgang mit seinem Commander per Funk besprochen habe. Kurz darauf fuhr der Panzer direkt vor die Botschaft. Die Plünderung war schlagartig beendet.

Soldaten rissen Familienväter aus ihren Häusern

Die Dreharbeiten in den folgenden Tagen wurden immer schwieriger. Wir wurden von den Amerikanern behindert, wo es nur ging: Da wir nicht "embedded", also bei den US-Streitkräften nicht "eingebunden" waren, erlebten wir eine Fülle kritischer Situationen. Wenn ich einem Offizier meinen internationalen Presseausweis und notfalls die irakische Akkreditierung zeigte, erklärten sie meist, beides sei nicht gültig. Weil ich mich aber aus grundsätzlichen Überlegungen nicht "embedden" lassen wollte, blieb der Kontakt zu den US-Truppen schwierig.

Dennoch gelang es uns immer wieder, ihr Verhalten zu filmen - und das war nicht immer vorbildlich. Oft wurden Menschen brutal aus ihren Häusern gezogen, geschlagen und mit Waffen bedroht. Vieles beruhte auf banalen Missverständnissen, weil den US-Trupps die arabische Mentalität trotz aller Vorbereitungskurse fremd geblieben war. So wurden Väter verhaftet, die verhindern wollten, dass die GIs die Zimmer der Töchter kontrollierten. Meist mussten die Männer bei dem geringsten Anzeichen von Zivilcourage mit Verhaftung und Verschleppung rechnen.

Auf späteren Reisen fragten wir bei drei Familien nach: Von zweien fehlte jede Spur, nur einer der drei Väter war zurückgekommen. Er wirkte sehr geschwächt. Als wir ihn fragten, ob er gefoltert worden sei, antwortete er, darüber dürfe er nicht reden.

Das Irak-Abenteuer hat die USA allein bis 2007 rund 410 Milliarden Dollar gekostet. Fast 4500 amerikanische Soldaten waren bis zum Abzug der Haupttruppen Ende 2011 gefallen. Heute ist der Irak für Ausländer kaum mehr zu bereisen.

Das Bürgertum des Landes musste erst vor den Besatzern fliehen, dann vor den Religionskonflikten, später vor dem systematischen Terror, der heute das Land prägt. Ein Universitätsprofessor, der selbst in seinem Exil aus Angst nicht namentlich genannt werden will, sagte mir kürzlich, er schäme sich - denn er trauere heute dem ungeliebten Diktator nach: Unter ihm habe man wesentlich normaler und ungefährdeter leben können als nach der "Befreiung" im Jahr 2003.

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insgesamt 39 Beiträge
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1. was is'n das jetzt ...
nadennmallos 21.03.2013
... die Fortsetzung von den Oldtimern, frei nach dem Motto: "Stalingrad und ich". Macht euch doch nicht lächerlich mit diesen aufgewärmten und wichtigtuerischen Geschichten.
2. Klasse Artikel
Kohle&Reibach 21.03.2013
Zitat von sysopAPAls 2003 Bomben auf Bagdad fielen, berichtete Christoph Maria Fröhder aus Iraks Hauptstadt. Der ARD-Reporter wurde bei Interviews mit Waffen bedroht, sah US-Soldaten Zivilisten verprügeln - und erfuhr, wie eine Autogrammkarte von Franz Beckenbauer Leben retten kann. Erinnerungen an den Krieg. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ard-reporter-froehder-ueber-den-irak-krieg-2003-a-889976.html
danke. Die Oberamis machen sich auf der ganzen Welt unbeliebt, ähnlich Merkel&Co. Die Politik einiger Weniger fällt auf Alle zurück. Mist.
3. Schon wieder?
dēmosthénēs 21.03.2013
Schon wieder so ein Artikel mit massiven vorwürfen der erst 10 Jahre später veröffentlicht wird? Zensur? Feigheit? Fast identisch zu http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-filmaufnahmen-aus-einem-folter-gefaengnis-der-amerikaner-a-887519.html Warum wird darüber erst jetzt berichtet?
4.
UnitedEurope 21.03.2013
Und wem genau nützte nun dieser Krieg, außer Dick Cheney, Halliburton und einer Hand von Indsutriellen und Politikern?
5. Nun...
dunkelmerkel 21.03.2013
...das lles bestärkt mich nur in meiner Meinung zu Amerika: Drecksland und der größte Agressor auf diesem Planeten. Ich hoffe diese Nation geht möglichst bald pleite und zugrunde an ihren ganzen grundlos angezettelten Kriegen, "Befreieungs-Operationen" und "Demokratisierungen".
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Zur Person
  • Christoph Maria Fröhder
    Christoph Maria Fröhder, Jahrgang 1942, hat als Korrespondent unter anderem aus Vietnam, Afghanistan und Kambodscha berichtet. Als Krisenreporter drehte er in beiden Golfkriegen im Irak, vor allem für die ARD. Für seine Reportagen erhielt er zahlreiche Preise. Er sagt: "Mein Anliegen ist es, als Advokat der Bevölkerung zu arbeiten mich damit von den typischen Kriegsreportern abzusetzen."
Geheime Video-Aufnahmen im Irak

Fotostrecke
Irak-Krieg: Langer Weg zum Frieden

Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 34,776 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Nuri al-Maliki (zurückgetreten); Haider al-Abadi (designiert)

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