Vorwürfe aus Argentinien Iran soll Terrornetz in Südamerika aufgebaut haben

Argentiniens Justiz beschuldigt Iran, hinter einem Terrornetzwerk in Südamerika zu stehen. Teheran soll für mehrere Anschläge direkt verantwortlich sein. Der Chefermittler sagt über die Schläferzellen: "Die machen Dinge, die Sie sich gar nicht vorstellen können."

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Buenos Aires/Hamburg - Ein argentinischer Generalstaatsanwalt beschuldigt Iran in einer 502 Seiten dicken Anklageschrift, ein Terrornetzwerk in Südamerika aufgebaut zu haben. "Sie haben klandestine Geheimdienststationen eingerichtet, die dazu dienen, Terroranschläge zu finanzieren, zu begünstigen und auszuüben", sagte Staatsanwalt Alberto Nisman bei der Vorstellung der Anklage in Buenos Aires.

Neben Argentinien sollen iranische Agenten Brasilien, Paraguay, Uruguay, Chile, Kolumbien, Guyana, Trinidad & Tobago und Surinam infiltriert haben. "Wir reden hier von Schläferzellen", sagte Nisman. "Die machen Dinge, die Sie sich gar nicht vorstellen können."

Nismans Anklageschrift listet neun Namen auf, darunter acht Iraner und ein Libanese. Unter ihnen sind:

  • Mohsen Rabbani, Irans ehemaliger Kulturattaché in Argentinien. Er ist laut Nisman der Strippenzieher des Agentennetzwerks, das Teheran in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Südamerika aufgebaut hat.
  • Mohsen Resai, Ex-Chef der Revolutionswächter und Kandidat bei der Präsidentenwahl am 14. Juni
  • Ali Akbar Welajati, Ex-Außenminister und Kandidat bei der Präsidentenwahl am 14. Juni
  • Ali Akbar Rafsandschani, Ex-Präsident und einer der reichsten Männer Irans
  • Ahmad Wahidi, aktueller Verteidigungsminister
  • Ali Fallahian, Ex-Geheimdienstminister
  • Hadi Soleimanpour, Irans früherer Botschafter in Argentinien

Iran weist die Vorwürfe zurück

Nisman wirft diesen neun Drahtziehern vor, verheerende Anschläge in Argentinien koordiniert zu haben. So explodierte am 18. Juli 1994 in Buenos Aires eine Autobombe vor dem jüdischen Kulturzentrum Amia. 85 Menschen kamen bei dem Attentat ums Leben, mehr als 200 weitere wurden verletzt. Zehn Jahre lang verliefen die Ermittlungen in diesem Fall im Sande - wegen der "Inkompetenz der Behörden", wie der damalige Präsident Nestor Kirchner 2005 eingestand.

Doch mit der Ernennung Nismans kam Bewegung in die Untersuchungen. Ende 2005 veröffentlichte er den Namen des Mannes, der den Anschlag 1994 begangen haben soll. Der libanesischstämmige Argentinier Ibrahim Hussein Berro habe sich damals in einem mit Sprengstoff beladenen Fahrzeug in die Luft gesprengt, sagte Nisman. Die beiden in den USA lebenden Brüder des Täters sollen ausgesagt haben, dass sich Berro der von Iran unterstützten Hisbollah angeschlossen hatte. Aufgrund von Versäumnissen der ersten Ermittler sei es jedoch nie möglich gewesen, die Identität des Attentäters mit einem DNA-Abgleich zu beweisen.

Im Oktober 2006 machte Argentinien formal Iran und die Hisbollah für den Anschlag verantwortlich. Regierungsvertreter in Teheran haben die Anschuldigungen stets zurückgewiesen. Ein Sprecher des Außenministeriums erklärte 2006: "Die Vorwürfe dienen nur dazu, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit von den Verbrechen der Zionisten gegen Frauen und Kinder in Palästina abzulenken."

Verbindungen nach Panama und Guyana

Anfang 2013 vereinbarten Buenos Aires und Teheran, eine gemeinsame Wahrheitskommission einzurichten, die den Anschlag aufklären soll. Jüdische Vertreter kritisierten die Einigung scharf: "Das ist, als ob man das Nazi-Regime gebeten hätte, die Reichskristallnacht aufzuklären." Bislang hat die Kommission ihre Arbeit nicht aufgenommen.

Doch der Anschlag auf das jüdische Kulturzentrum ist nicht das einzige Attentat, hinter dem argentinische Ermittler das iranische Regime vermuten.

  • Am 17. März 1992 raste ein Selbstmordattentäter mit einem Lieferwagen voller Sprengstoff in die israelische Botschaft in Buenos Aires. Die Bombe tötete 29 Menschen und verletzte fast 250 weitere. Die Behörden beschuldigten den Hisbollah-Kommandeur Imad Mughnijah, den Anschlag geplant zu haben. Schon damals verfolgten die Ermittler eine Spur, die zu einer von Iran unterstützten Agentenzelle im Grenzgebiet zwischen Argentinien, Brasilien und Paraguay führte. Argentinien benannte mehrere iranische Verdächtige, die jedoch bis heute nicht ausgeliefert worden sind.

  • Am 19. Juli 1994, nur einen Tag nach dem Anschlag auf das jüdische Kulturzentrum in Buenos Aires, explodierte eine Maschine der Fluggesellschaft Alas Chiricanas kurz nach ihrem Start in Panama. Alle 21 Menschen an Bord kamen damals ums Leben, unter ihnen 12 Juden. Nur ein Insasse konnte später nicht identifiziert werden. Ein junger Mann, der sich Jamal Lya nannte. Mehr ist über ihn bis heute nicht bekannt.

Generalstaatsanwalt Nisman beschuldigt Iran in seiner Anklage auch, hinter einem geplanten Anschlag auf den Kennedy-Flughafen in New York zu stecken. Im Jahr 2007 nahmen die Behörden zwei Männer aus dem südamerikanischen Guyana fest. Einer der Beiden, Abdul Kadir, räumte später ein, für den iranischen Geheimdienst spioniert und regelmäßig Berichte an Teherans Botschafter in Venezuela geschickt zu haben. Er habe den Auftrag gehabt, Guyanas Armee und Polizei zu infiltrieren.

Nach Angaben von Nisman soll auch Kadir von dem ehemaligen iranischen Diplomaten Rabbani angeworben worden sein. Doch bis heute sind Kadir und sein Komplize die einzigen von Nisman beschuldigten, die hinter Gittern sitzen.

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pilatus0381 30.05.2013
1. das sollte doch bekannt sein,
dass die Hisballah tausende Leute in Lateinamerika aufgestellt hat. sehr schön nachzulesen in Wilhelm Dietl, Die Geheimdienste der islamischen Welt. Hab es mir gemerkt, da ich erstaunt war, wass die Hisballah in Lateinamerika will. Allein in Deutschland sind es nach dem benannten Autor auch fast tausend aktive Hisballah-Mitglieder. Zum Vergleich: der Mossad hat insgesamt nur 1800 Mann
abc-xyz 30.05.2013
2. Genau wie in Bulgarien...
... ist auch hier weitgehend die Hizbollah für die Terroranschläge verantwortlich. Iran stellt weitgehend Gelder und Botschaften als Operationsbasis zur Verfügung. Wird Zeit, dass man das Übel an der Wurzel packt (Libanon, Damaskus und Tehran).
israels 30.05.2013
3. Schon wieder wird über den Iran gelogen.
Was wird die Folge dieser dreisten Lügen Argentiniens diesmal für die Iranische Bevölkerung haben? Werden diesmal die Trinkwasservorräte des Irans zerstört oder gibt es nun eine Intervention?
joG 30.05.2013
4. Das ist merkwürdig....
....indem es nicht ganz klar ist, was die Iraner dort davon haben ein Terrornetzwerk aufzubauen. Immerhin riskieren sie die Animosität der Süd Amerikaner als Folge. Augenscheinlich würden sie so im internationalen Bereich verlieren bei Ländern, die den USA nicht nahe stehen.
Argentinien_Holdout 30.05.2013
5. Argentinien! Zahlt endlich eure Schulden!
Schulden nicht zu zahlen ist auch Terror und Verbrechen.
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