Toter Terrorermittler in Argentinien Regierungsgegner zweifeln an Suizidthese

Der Tod des Terrorermittlers Nisman bringt Argentiniens Präsidentin Fernández de Kirchner in Bedrängnis. Für die Staatschefin ist klar, dass sich ihr Intimfeind selbst umgebracht hat. Seine Vertrauten halten das für undenkbar.

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Demonstration für Alberto Nisman: Seine Anhänger sind überzeigt, dass der Ermittler umgebracht wurde
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Demonstration für Alberto Nisman: Seine Anhänger sind überzeigt, dass der Ermittler umgebracht wurde


Buenos Aires - Für Cristina Fernández de Kirchner ist die Sache wohl ziemlich eindeutig: "Was treibt einen Menschen dazu, die furchtbare Entscheidung zu treffen, sich das Leben zu nehmen", schreibt Argentiniens Präsidentin in der Nacht zum Dienstag in einem Facebook-Eintrag zum Tode des Staatsanwalts Albert Nisman. Zwar setzt sie im folgenden Satz ein Fragezeichen hinter das Wort Suizid. Trotzdem lässt die Politikerin keinen Zweifel daran, dass sie überzeugt davon ist, dass sich der Terrorermittler selbst erschossen hat.

Die Autopsie des Leichnams scheint diese These zu stützen. Die Ermittler teilten nach der Untersuchung mit, es gebe keine Anzeichen dafür, dass Dritte in Nismans Tod verwickelt seien. Die Bersa-Pistole mit dem Kaliber .22 habe unter dem toten Körper des Mannes gelegen, der am späten Sonntagabend im Badezimmer seiner Wohnung in Buenos Aires gefunden wurde, berichtet die Zeitung "Clarin" unter Berufung auf die Ermittler. Nisman hatte eine Pistole auf seinen Namen angemeldet, dabei soll es sich jedoch nicht um die Tatwaffe gehandelt haben.

Am Dienstag teilte die Staatsanwaltschaft allerdings mit, dass an den Händen des Toten keine Schmauchspuren gefunden worden seien. Allerdings seien die entnommenen Proben sehr klein gewesen. Das negative Resultat schließe nicht aus, dass Nisman selbst geschossen habe.

Fernández de Kirchner, deren Amtszeit im Oktober endet, streut in ihrem Facebook-Eintrag angebliche Details zur Tatwaffe, um die Selbstmordthese zu stützen. So schreibt die Präsidentin, dass am Samstag ein Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft die Pistole an Nisman übergeben habe. "Zur Selbstverteidigung? Eine Pistole mit Kaliber .22?", fragt die Staatschefin und fordert, dass die Justiz die Tatumstände aufklären müsse.

"Die Beweise sind auf jeden Fall da"

Für die Opposition und Vertraute des toten Terrorermittlers ist die Sache weniger klar. Am Montagabend demonstrierten in Buenos Aires und anderen Städten Zehntausende. Unter dem Slogan "Yo soy Nisman - Ich bin Nisman" forderten sie Gerechtigkeit für den Sonderstaatsanwalt. Die Demonstranten sind überzeugt davon, dass der Jurist Opfer eines Mordkomplotts wurde.

Nisman leitete die Ermittlungen zu den verheerendsten Terroranschlägen in Argentiniens Geschichte. 1992 wurden bei einem Bombenanschlag auf die israelische Botschaft in Buenos Aires 29 Menschen getötet. Zwei Jahre später kamen bei einem Attentat auf das jüdische Gemeindezentrum Amia in der argentinischen Hauptstadt 85 Menschen um.

"Nisman ist das 86. Opfer", riefen Demonstranten am Montagabend. Der Ermittler hatte hochrangige Vertreter des iranischen Regimes angeklagt, ein Terrornetzwerk in Südamerika aufgebaut und die Anschläge befohlen zu haben. Doch damit nicht genug: Am vergangenen Mittwoch beschuldigte er die Präsidentin, Außenminister Hector Timerman und weitere Politiker, die Ermittlungen gegen die Iraner sabotiert zu haben.

Die Regierung habe eine Paralleldiplomatie betrieben, um ein Geheimabkommen mit den iranischen Verantwortlichen zu unterzeichnen, so Nismans Vorwurf. Ziel der Staatsführung sei es gewesen, die Anklage gegen Teherans Vertreter fallen zu lassen, um dafür ein Abkommen über günstige Öllieferungen und möglicherweise sogar einen Waffendeal abzuschließen.

Vertraute berichten, dass Nisman in den vergangenen Tagen sehr zuversichtlich und selbstsicher gewirkt habe. "Egal ob Nisman da ist oder nicht - die Beweise sind auf jeden Fall da", sagte er einem Reporter in der vergangenen Woche.

Geheimdienstler spielten Nisman Abhörprotokolle zu

Unter anderem sollen ihm Abhörprotokolle von Telefonaten vorliegen. Auf diesen sei zu hören, wie Fernández de Kirchner ihren Außenminister anweist, Geheimverhandlungen mit Iran zu beginnen, berichtet "Clarin". Diese sollen Nisman von argentinischen Geheimdienstagenten zugespielt worden sein.

Die Regierung habe geplant, rechtsextreme Terroristen als neue Tatverdächtige zu präsentieren. Am Montag wollte Nisman seine Erkenntnisse in einer Anhörung im Parlament erläutern. Wenige Stunden vor dem geplanten Termin wurde er tot aufgefunden.

Waldo Wolff, Vizechef des Dachverbandes der jüdischen Gemeinden in Argentinien, hat ein Foto öffentlich gemacht, das Nisman ihm am Samstag um 18.27 Uhr geschickt hatte. Es zeigt den Schreibtisch des Ermittlers, auf dem zahlreiche Unterlagen und gelbe Textmarker liegen. "Ich arbeite hier. Was hältst du davon", schrieb Nisman zu dem Foto.

Am Sonntagmittag schrieb Wolff zwei Nachrichten an den Staatsanwalt: Zuerst "Guten Tag", dann erkundigte er sich danach, ob er bei der Anhörung im Parlament dabei sein könne. Beide Mitteilungen ließ Nisman unbeantwortet.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
dwg 20.01.2015
1.
Warum sollte er das tun? Es wird sehr eng für Frau Präsidentin.
Stäffelesrutscher 20.01.2015
2. Nada nuevo bajo el sol
Neuer Artikel, neuer Thread, und damit vielleicht eine neue Chance, daran zu erinnern, dass 2009 der guatemaltekische Staatspräsident beschuldigt worden war, hinter der Ermordung eines Bürgers zu stecken. Dieser Bürger, Rodrigo Rosenberg mit Namen, hatte sogar eine Videobotschaft produziert. Es gab Proteste einschlägig interessierter Bevölkerungsteile, Rücktrittsforderungen und und und. Eine UN-Kommission stellt schließlich fest, dass Herr Rosenberg seine Killer selbst beauftragt hatte - »outgesourcter Selbstmord« sozusagen, verbunden mit einer politischen Botschaft. Ersteres wäre dann der Unterschied zu den Herren Brüsewitz und Palach.
bacalao 20.01.2015
3.
"Fernández de Kirchner, die sich im Oktober zur Wiederwahl stellt..." Kann sie gar nicht. sie hatte ihre zwei Amtszeiten schon.
ichbinich123 20.01.2015
4. Welche Farbe ist es diesmal?
Es zeichnet sich immer das gleiche Scenario ab. Obwohl vieles auf den/ die gewünschte Verdächtige als Auftraggeber hindeutet.
Pfaffenwinkel 20.01.2015
5. Nie und nimmer
war das ein Selbstmord, sondern ein ganz brutaler Mord. Ob der oder die Täter je ermittelt werden, wage ich aber zu bezweifeln.
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