Falkland-Konflikt: Kalter Krieg um Öl und Ehre

Von , Rio de Janeiro

Im eisigen Südatlantik tobt eine wilde Propagandaschlacht. Argentinien will die verschlafenen Falklandinseln zurück. Doch Großbritannien verteidigt seinen Außenposten eisern. Der Grund: Im Meeresboden vor den Eilanden soll ein Öl-Schatz ruhen.

Falklandinseln: Nadelstiche im Südatlantik Fotos
REUTERS

Der jüngste Vorstoß für die friedliche Rückeroberung der "Malvinas", wie die Falklandinseln in Lateinamerika genannt werden, erfolgte in Lima, der Hauptstadt von Peru. Dort verbot die Regierung der britischen Fregatte HMS "Montrose", im Hafen von Callao anzulegen. Außerdem sagte Präsident Ollanta Humala einen für Mai vorgesehenen Staatsbesuch in London ab.

Die Solidaritätsgeste der Peruaner ist ein Etappensieg für Buenos Aires im Kalten Krieg um das Archipel im Südatlantik. In den vergangenen Monaten hat Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner den Anspruch Argentiniens auf die Inseln vor ihrer Küste bekräftigt und dabei praktisch ganz Südamerika hinter sich geschart.

Brasilien, Uruguay, Peru und sogar Chile, das unter Diktator Pinochet den Engländern noch logistische Unterstützung im Krieg gewährt hatte, unterstützen den argentinischen Souveränitätsanspruch.

Am 2. April vor dreißig Jahren besetzten argentinische Truppen auf Befehl der damals herrschenden Militärjunta unter der Führung von General Leopoldo Galtieri die Inseln. Großbritanniens Premierministerin Margaret Thatcher entsandte ihre Flotte in den Südatlantik, vor der Hauptstadt Port Stanley kam es zur Seeschlacht.

Gut zwei Monate dauerte der Krieg, über 900 Menschen verloren das Leben, schließlich wehte wieder der Union Jack über Port Stanley. Für die Militärdiktatur in Argentinien läutete die Niederlage das Ende ein, in London wurde die eiserne Lady als Kriegsheldin gefeiert.

Drei Jahrzehnte später steht zwar kein neuer Waffengang zu befürchten, dafür tobt der Kalte Krieg zwischen Buenos Aires und London angesichts des nahenden Jahrestags so heftig wie nie. Beide Seiten bedienen sich diplomatischer, wirtschaftlicher und propagandistischer Mittel, um ihren Anspruch zu untermauern.

London hat seinen verschlafenen Außenposten vor Südamerika in den vergangenen 30 Jahren mit Subventionen aufgepäppelt, 2000 britische Soldaten sind auf der Basis Mount Pleasant stationiert. Der prominenteste ist Prinz William, Sohn des britischen Thronfolgers. Charles' Ältester trainierte zuletzt wochenlang in Port Stanley als Hubschrauberpilot.

London pocht auf das Selbstbestimmungsrecht der Kelpers, wie die 3000 Bewohner heißen. Die wollen ihre britische Staatsangehörigkeit nicht aufgeben. Sie haben überall auf den Inseln britische Flaggen gehisst. Man fährt links, trinkt Tee und macht sich über den Erzfeind auf dem Festland lustig. Fotos von Ex-Diktator Galtieri zieren die Kloschüsseln in den Inselkneipen.

Kelpers kokettieren mit der Unabhängigkeit

Doch die Siegerpose trügt: Politisch befindet sich Großbritannien in der Defensive. Die Zeit, als in Südamerika brutale Kommissköpfe herrschten, ist lange vorbei, heute wird der Subkontinent von selbstbewussten Demokraten regiert. Wirtschaftlich hat das aufstrebende Brasilien gerade Großbritannien überholt, auch Argentinien steht nicht schlecht dar. Präsidentin Fernández de Kirchner wurde jüngst wiedergewählt, als Feindbild taugt sie nicht.

Auch in den Vereinten Nationen schwindet der Rückhalt für Großbritannien. Die meisten Staaten sehen den Falkland-Konflikt als Relikt des Kolonialismus. Dabei sind die Inseln genau genommen keine Kolonie, sondern ein britisches Überseeterritorium. Einige Kelpers kokettieren damit, dass sie sich unabhängig erklären könnten - doch aus Furcht vor den Nachbarn auf dem Festland bleiben die meisten lieber Bürger des Vereinigten Königreichs.

Eigentlich sei es Argentinien, das die Inseln kolonialistisch unterwerfen wolle, wetterte jüngst Premierminister David Cameron. Buenos Aires leitet seinen Souveränitätsanspruch aus dem Argument ab, dass Argentinien nach seiner Unabhängigkeit in dieser Region der legitime Erbe des spanischen Kolonialreichs sei.

Auf den Inseln wird das Obst knapp

In den vergangenen Wochen hat sich der Konflikt zugespitzt: London schickte ein Kriegsschiff; Buenos Aires überredete seine Verbündeten in der Region, Schiffen unter der Falklandflagge das Anlegen zu verweigern. Das trifft die Inselwirtschaft: Bislang wurden die Falklands via Montevideo in Uruguay oder über Chile mit Lebensmitteln versorgt. Jetzt würden auf den Inseln frische Früchte knapp werden, klagen die Bewohner.

Vor zwei Wochen schien es, als würde Argentiniens Präsidentin einlenken. Sie würde der Einrichtung einer ständigen Flugverbindung von Argentinien auf die Inseln zustimmen, flötete sie. Bislang gibt es nur zwei reguläre Flüge nach Port Stanley, sie starten im chilenischen Punta Arenas. Die Briten durchschauten das Manöver und lehnten empört ab: Wenn sie einer argentinischen Linie das Landerecht auf den Falklands einräumten, würden sie damit ihre Lufthoheit aufgeben, so die Befürchtung.

London startete einen eigenen Propagandafeldzug: Außenminister William Hague tourte durch Südamerika und umwarb Argentiniens Verbündete, Brasilien bot er Unterstützung für einen festen Sitz im Uno-Sicherheitsrat an. Zugleich lud die Regierung Journalisten aus Argentiniens Nachbarländern zu Besuchen nach Port Stanley ein. Bei lauwarmem Bier lernten sie britische Lebensart im Südatlantik kennen, besuchten Pinguinkolonien und durften den Gouverneur interviewen.

Geht es um Ehre - oder um Erdöl?

In Wirklichkeit geht es in dem Streit um mehr als nationale Eitelkeiten: Spezialisten vermuten im Meeresboden bei den Falklandinseln riesige Ölvorkommen. Mehrere britische Firmen suchen rund um das Archipel nach Öl. Der Traum von einer "Nordsee im Süden" sei das eigentliche Motiv für die Eskalation des Konflikts, sagt der ehemalige argentinische Außenminister Jorge Taiana. Argentinien werde "alles tun, was in seiner Macht steht, um die Ölförderung zu verhindern".

Die Regierung drohe allen Firmen, die bei den Falklands nach Öl suchen, mit einer Prozessflut, bestätigte Außenminister Héctor Timerman in der vergangenen Woche: Die Regierung werde alle diplomatischen und juristischen Anstrengungen unternehmen, um die "Ölreserven, die dem Volk und der Republik Argentinien gehören, zu schützen".

Damit würde Buenos Aires womöglich auch einigen Kelpers einen Gefallen tun. Denn nicht alle Inselbewohner sind vor der Aussicht auf einen Ölboom begeistert. "Wir sind hier geblieben wegen der Freiheit, der Ruhe und der Sicherheit, keiner hier schließt seine Haustür ab", sagte die Tierärztin Zoe Luxton jüngst einem Reporter des amerikanischen "Miami Herald". "Ich frage mich, ob das alles eine Geldschwemme überleben wird".

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 83 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
deus-Lo-vult 22.03.2012
Zitat von sysopREUTERSIm eisigen Südatlantik tobt eine wilde Propagandaschlacht. Argentinien will die verschlafenen Falklandinseln zurück. Doch Großbritannien verteidigt seinen Außenposten eisern. Der Grund: Im Meeresboden vor den Eilanden soll ein Öl-Schatz ruhen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822741,00.html
Es geht weder um Öl noch um Ehre: Es geht um die Erhaltung der letzten Reste des ehemaligen Empire. Die Briten verkraften einfach nicht, dass sie nur noch ein kleines Lichtlein sind. Die UNO sollte auf die Rückgabe an Argentinien bestehen.
2. was heißt hier "zurück"
siegfriedluckner 22.03.2012
Zitat von sysopREUTERSIm eisigen Südatlantik tobt eine wilde Propagandaschlacht. Argentinien will die verschlafenen Falklandinseln zurück. Doch Großbritannien verteidigt seinen Außenposten eisern. Der Grund: Im Meeresboden vor den Eilanden soll ein Öl-Schatz ruhen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822741,00.html
Was heißt hier: ZURÜCK haben wollen und weiter hinten im Artikel RÜCKeroberung. Diese Formulierungen suggerieren einen legitimen Anspruch Argentiniens auf die Falklandinseln, den es in Wahrheit gar nicht gibt. Einzig die geographische Nähe zu diesen Inseln "legitimiert" den Anspruch der chauvinistischen Argentinier. Wenns danach ginge, sollten wir Deutschen mal Ansprüche auf Bornholm anmelden, denn die Distanz zu Rügen ist geringer als die zum Rest Dänemarks (ich weiss, dass Schweden noch näher liegt. Schweden könnte seine Ansprüche auf Bornholm - anders als Deutschland - aber sogar historisch begründen, deshalb würde der Vergleich hinken). Also: die Argentinier müssen endlich mal lernen, das Völkerrecht zu akzeptieren. Wir sollten ihnen nicht noch journalistisch eine Bühne für ihre aberwitzigen Territorialansprüche bieten.
3.
TomRohwer 22.03.2012
Zitat von sysopREUTERSIm eisigen Südatlantik tobt eine wilde Propagandaschlacht. Argentinien will die verschlafenen Falklandinseln zurück. Doch Großbritannien verteidigt seinen Außenposten eisern. Der Grund: Im Meeresboden vor den Eilanden soll ein Öl-Schatz ruhen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822741,00.html
Auch wenn sich Deutsche und speziell deutsche Journalisten das zweifellos nicht vorstellen können: Der Grund für die "eiserne Haltung" Großbritanniens ist in aller erster Linie, daß die Falkland-Inseln zu Großbritannien gehören und die Bewohner der Falkland-Inseln zu praktisch 100 Prozent kein Teil Argentiniens werden wollen. Im übrigen ist es vollkommen absurd, wenn Argentinien Großbritannien "Kolonialismus" vorwirft - Argentinien ist das Ergebnis des spanischen Kolonialismus und der Vertreibung der indianischen Ureinwohner durch die Einwanderer. Wenn man also sagen will, daß die Briten nichts auf den Falklandinseln verloren hätten, dann haben die Argentinier in Argentinien schon lange nichts verloren... Die Falklandinseln waren übrigens schon britisch, als es Argentinien noch gar nicht gab... 1765 waren die Inseln zum ersten Mal britisch. Argentinien gibt's erst seit 1816. Seit 1833 sind die Inseln fest in britischer Hand. Von Argentinien sind die Falklandinseln übrigens etwa genauso weit entfernt wie Flensburg von Paris oder Palma de Mallorca vom Colosseum in Rom... Bezeichnend übrigens, daß in Argentinien niemand eine Volksabstimmung der Menschen auf den Falklandinseln verlangt, damit die entscheiden, zu wem sie gehören möchten. Man weiß dort nämlich ganz genau, wie die Abstimmung ausgehen würde...
4.
Onkel Uwe 22.03.2012
Zitat von deus-Lo-vultEs geht weder um Öl noch um Ehre: Es geht um die Erhaltung der letzten Reste des ehemaligen Empire. Die Briten verkraften einfach nicht, dass sie nur noch ein kleines Lichtlein sind. Die UNO sollte auf die Rückgabe an Argentinien bestehen.
Rückgabe impliziert, die Falklandinseln gehörten ursprünglich legitim zu Argentinien. Dies ist mal ein mehr als nur kleiner Fehler. Es gibt eigentlich nur eine Möglichkeit: Bewohner befragen, was sie möchten. Aber genau davor hat Argentinien Angst.
5. Abstimmung
hupfhupf 22.03.2012
Wieso laesst man nicht einfach die Bevoelkerung abstimmen? o Teil Argentiniens sein o Beibehaltung des bisherigen Status o Voellige Unabhaenigkeit Alles andere ist doch ein Witz.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Falkland-Inseln
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 83 Kommentare
Fotostrecke
Falkland-Inseln 1982: Schlacht um den Archipel

Zur Großansicht
DER SPIEGEL