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Argentiniens Präsidentin Kirchner: Schwarze Witwe im Wahlkampf

Von , Buenos Aires

Argentiniens Präsidentin hat sich entschieden: Cristina Kirchner will wieder für das höchste Amt kandidieren. Seit dem Tod ihres Mannes hat sie viel Sympathie erfahren - und ihre Trauer weiß sie geschickt zu nutzen. Doch jetzt erschüttert ein Skandal die sicher geglaubte Wiederwahl.

Cristina Kirchner: Wahlkampf auf der Sympathiewelle Fotos
AP

Nasse Strähnen hängen im Gesicht der Präsidentin. Am nationalen "Tag der Flagge" ziehen an Cristina Fernández de Kirchner im Nieselregen marschierende Soldaten und winkende Bürger von Rosario vorbei. Die Schleife mit den Nationalfarben himmelblau und weiß ist längst unter ihrem Mantel verschwunden. Da reicht ihr jemand aus der Menge ein Porträt von ihm. Néstor, Cristina Kirchners verstorbener Ehemann und Amtsvorgänger. Sie betrachtet das Foto, presst es an ihre Brust, das Gesicht schmerzerfüllt, minutenlang.

Seit Monaten können die Argentinier immer wieder solche Momente beobachten. Die Präsidentin trauert, und sie trauert öffentlich. Bei Reden bricht ihre Stimme, die Augen sind tränenverhangen. Einige sagen, das sei ein Spektakel, sie spiele das nur. Selbst die meisten ihrer politischen Gegner räumen jedoch ein, dass der Kummer echt sei. Kirchner weiß ihn zu nutzen - und er könnte ihre Wiederwahl im Oktober sichern.

Néstor Kirchner lebt nicht mehr, aber er ist omnipräsent in Argentiniens Politik. Seit seinem Tod im vergangenen Jahr sind die Sympathiewerte der "Presidenta" nach oben geschnellt. Alle Institute sehen für sie zurzeit einen deutlichen Vorsprung vor den Rivalen. Die Liste der Oppositionskandidaten liest sich ohnehin wie ein Echo aus der Vergangenheit: So treten unter anderem ein Ex-Präsident, der Sohn eines Ex-Präsidenten und der Bruder eines Ex-Präsidenten an.

Ein zweistöckiges Mausoleum mit Marmortreppe für Néstor Kirchner

Die Stimmung ist auch sonst günstig für die Präsidentin: Argentiniens Wirtschaft brummt, der Konsum steigt, das nationale Selbstbewusstsein auch. Und doch: Die Trauer wirkt. In wohl kaum einem anderen Land werden die Toten so leidenschaftlich verehrt wie in dem südamerikanischen Land. Voll Hingabe erinnern sich die Argentinier an Juan und Eva Perón, Revolutionär Che Guevara oder Tangosänger Carlos Gardel.

In diese illustre Galerie der Nationalhelden soll sich nun Néstor Kirchner einreihen. Binnen sechs Wochen hat Cristina Kirchner einen Néstor-Kirchner-Flughafen eingeweiht, außerdem ein soziales Zentrum, eine Allee in Buenos Aires und eine Bahnunterführung mit seinem Namen. Plätze, Schulen, Krankenhäuser und ein Preis sind ihm bereits gewidmet worden. Das zweistöckige Mausoleum mit Marmortreppe wird noch vor der Wahl fertig werden.

Natürlich hat die Präsidentin ihren verstorbenen Ehemann in ihrer Rede in Argentiniens drittgrößter Stadt Rosario erwähnt. Ihre raue Stimme hallte über den Platz, sie nannte nicht einmal seinen Namen, sagte nur "er". Die Menge schrie verzückt. "Er war ein Visionär", rief sie. "Er konnte sehen, dass ein anderes Argentinien möglich ist." Und dann zählte sie die Errungenschaften von acht Jahren Kirchner-Regierung auf.

Der Präsidentenpalast als Familienbetrieb

So wird das Persönliche immer auch politisch. Genau ein Jahr trägt Cristina Kirchner schwarz, bis Oktober - wenn auch die Wahl ansteht. Eigentlich sollte der Kandidat dann Néstor Kirchner heißen, um so eine schier endlose Abfolge des Paares an der Macht zu sichern. Der Präsidentenpalast als Familienbetrieb. Nach Umfragen, die kurz vor seinem Tod erschienen, hätte er schlechte Chancen gehabt.

Doch sein Tod hat alles verändert: Die Opposition hat plötzlich ihren Lieblingsfeind verloren. Und eine trauernde Witwe attackiert man nicht, vor allem nicht eine, die sich inzwischen versöhnlicher und dialogbereiter gibt als früher.

Viele beschreiben Cristina Kirchner noch immer als hochmütig, eitel und schrill, als reiche Frau aus dem Süden. Sie liebt den großen Auftritt und weniger die innerparteiliche Demokratie. Die Wirtschafts- und Medienpolitik der Regierung scheint nicht nur ihren zahlreichen Kritikern als populistisch und interessengeleitet.

Wenige hätten ihr allerdings zugetraut, dass sie ohne ihren Strippenzieher und Machtpol Néstor noch regieren kann. Selbst bei der größten argentinischen Tageszeitung "Clarín" zollt man ihr jetzt Respekt - bei jenem Medienkonzern also, mit dem sich die Regierung seit Jahren heftige Auseinandersetzungen liefert. Julio Blanck, einer der Chefredakteure der Zeitung, meint: "Seit dem Tod ihres Mannes ist sie als politische Figur gewachsen. Sie ist die diejenige, die das Sagen hat."

Sie habe sich als clevere Politikerin erwiesen, meint Blanck. "Die Witwe, die ihren Schmerz überwindet, weil sie als Patriotin die Regierung führen muss", sagt er und lächelt grimmig. "Keiner hätte gedacht, dass sie politisch so geschickt sein würde."

Der "Fall Schoklender" bringt die Regierung in Bedrängnis

Durch Blancks offene Bürotür kommen Redakteure aus dem langen, von Neonröhren beleuchteten Redaktionsraum, um mit ihm über den "Fall Schoklender" zu sprechen. Es ist genau dieser Skandal, der die Regierung nun zum ungünstigsten Zeitpunkt in Bedrängnis bringt. Und "Clarín" veröffentlicht fast jeden Tag neue Enthüllungen.

Der Fall ist brisant. Die Regierung Kirchner hat stets die Nähe zu Menschenrechtsgruppen gesucht. Ausgerechnet bei der Stiftung "Madres de la Plaza de Mayo" sollen nun öffentliche Gelder veruntreut worden sein. Zu den "Madres" gehören jene Frauen, die sich während der Diktatur gegen die Militärs auflehnten. Heute sind sie eine einflussreiche Organisation, die auch soziale Wohnungen baut. Ein Mann namens Sergio Schoklender koordinierte die Finanzen der Bauprojekte - und verfügt seither über eine 19-Zimmer-Villa, einen Ferrari, eine Yacht und ein Privatflugzeug.

Die argentinische Regierung versucht nun eher unglücklich, den Schaden von sich und den Menschenrechtlern abzuwenden - muss sich aber vorwerfen lassen, den Fluss der Finanzen nicht ausreichend kontrolliert zu haben. Bisher wurden umgerechnet rund 132 Millionen Euro an die Stiftung überwiesen. Die Justiz hat am Mittwoch ein Verfahren gegen den Chef der für Geldwäsche zuständigen Behörde UIF eingeleitet.

Meinungsforscher glauben, Cristina Kirchner könnte der Skandal wichtige Punkte in Umfragen kosten. Nun ist es nicht die erste Unregelmäßigkeit in der Kirchner-Zeit. Da war unter anderem vor vier Jahren der Geldkoffer mit 800.000 Dollar aus Venezuela, angeblich für Kirchners Wahlkampf bestimmt, da ist das sagenhafte und weiter steigende Vermögen der Familie in Calafate.

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1. Unverschämtheit !
moliebste 02.07.2011
Eine "Schwarze Witwe" ist eine hochgiftige Spinne, die häufig ein Männchen nach der Kopulation auffrisst. Eine derart naheliegende Assoziation in einer Überschrift zuzulassen, ist ein erbärmliches Zeichen für die Chefredaktion.
2. Ein seltsames Land - Militärdiktatur, Diktatoren, Hort flüchtiger Nazis, Pleitestaat
Roßtäuscher 02.07.2011
Zitat von sysopArgentiniens Präsidentin hat sich entschieden: Cristina Kirchner will wieder für das höchste Amt kandidieren. Seit dem Tod ihres Mannes hat sie eine Welle der Sympathie erfahren - und ihre Trauer weiß sie geschickt zu nutzen. Doch jetzt erschüttert ein Skandal die sicher geglaubte Wiederwahl. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,770431,00.html
Aber ein mit Schönheit gesegnetes Land, unverdient könnte man sagen. Skandale sind doch nichts ungewöhnliches in Argentinien. Keinem anderen, als einem argentinischen Balltreter könnte einfallen, sein Handspiel und Foul als "Hand Gottes" zu bezeichnen. Die Verlogen- und Scheinheiligheit der Institution Vatikan ist gerade dort besonders präsent. Merkwürdig, dass Witwen immer wieder für ihren Präsidentengatten weiter regieren. Wie die Peróns, so die Kirchners. Argentinien scheint das Synonym für die wahre Bananenrepublik Mittel-/Südamerikas zu sein. Ob Cristina Kirchner, oder die Opposition, wenig vertrauenerweckend scheint weder die eine noch die andere Partei zu sein. War nun die Evita Perón u.a. eine Prostituierte, oder ist es ein Gerücht der Opposition? Egal. Sind die Verhältnisse Frau Merkel ein Vorbild?
3. Unverschämt
freeagent 02.07.2011
Zitat von moliebsteEine "Schwarze Witwe" ist eine hochgiftige Spinne, die häufig ein Männchen nach der Kopulation auffrisst. Eine derart naheliegende Assoziation in einer Überschrift zuzulassen, ist ein erbärmliches Zeichen für die Chefredaktion.
Genau so ist es.
4. Schwarze Witwen..
Roßtäuscher 02.07.2011
Zitat von moliebsteEine "Schwarze Witwe" ist eine hochgiftige Spinne, die häufig ein Männchen nach der Kopulation auffrisst. Eine derart naheliegende Assoziation in einer Überschrift zuzulassen, ist ein erbärmliches Zeichen für die Chefredaktion.
unter den Frauen gelten als Giftmörderin. Den Insekten nachempfunden? Warum soll die Bezeichnung ein erbärmliches Zeichen für die Chefredaktion sein, wenn Sie Wissenslücken aufweisen?
5.
ralphofffm 02.07.2011
Dei argentinischer Politik hat man immer ein bisschen das Gefühl ma wär in eine Telenovela oder ein Bmovie geraten.
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Fläche: 2.780.403 km²

Bevölkerung: 43,132 Mio.

Hauptstadt: Buenos Aires

Staats- und Regierungschef:
Mauricio Macri

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