Koma-Patient: Ärzte melden Hirnaktivität bei Ariel Scharon

Ariel Scharon: Vom Hardliner zum Realisten Fotos
REUTERS

Israels früherer Regierungschef Ariel Scharon liegt seit sieben Jahren im Koma. Nun haben Ärzte überraschend entdeckt, dass das Gehirn des Patienten auf Bilder und Stimmen seiner Familie reagiert. Sie sprechen von "bedeutender Hirnaktivität".

Tel Aviv - Seit einem Schlaganfall im Januar 2006 wird Ariel Scharon künstlich am Leben gehalten, er wird streng bewacht und von der Öffentlichkeit abgeschottet. Nun gibt es erstmals seit langer Zeit wieder Neuigkeiten über den Zustand des früheren israelischen Ministerpräsidenten. Spezialisten der Universität Ben Gurion in Beerschewa haben bei einer Untersuchung überraschend eine "bedeutende Hirnaktivität" festgestellt.

Konkret bedeutet das: Die Wissenschaftler haben Scharon laut eigenen Angaben Bilder seiner Familie gezeigt, ihm Aufnahmen mit der Stimme seines Sohnes vorgespielt und seinen Tastsinn stimuliert, um zu überprüfen, wie weit sein Gehirn auf äußere Reize reagiert. Dabei hätten sie zu ihrer Überraschung in bestimmten Gehirnzonen Aktivität registriert.

Die Spezialisten aus Beerschewa arbeiteten gemeinsam mit dem Neurowissenschaftler Martin Monti aus Los Angeles. Über zwei Stunden haben sie demnach mit einem Scanner das Gehirn des 84-Jährigen untersucht und eine neu entwickelte Methode Montis verwendet. Allerdings sei unklar, ob Scharon die Bilder und Stimmen bewusst wahrgenommen habe.

Ein anderer Experte dämpfte die Erwartungen. "Diese Reaktion sagt noch gar nichts über ein Bewusstsein aus", sagte Zvi Ganel von der Psychologie-Abteilung der Universität Beerschewa. Weitere Untersuchungen seien notwendig.

Vom Hardliner zum Realisten

Der ehemalige General Scharon gehört zu den umstrittensten Politikern in der israelischen Geschichte. Von 2001 bis 2006 war er Ministerpräsident. Als er 2001 sein Amt antrat, betrachteten viele seinen Wahlsieg als gleichbedeutend mit dem Ende des Friedensprozesses.

Der Konservative, Mitglied der national-konservativen Likud-Partei, verachtete Palästinenserpräsident Jassir Arafat. Am 28. September 2000 provozierte er mit einem Spaziergang auf dem islamisch verwalteten Areal des Jerusalemer Tempelbergs die zweite Intifada. Sie brachte eine Welle des Terrors. Bis Ende des Jahres starben fast 300 Menschen in den Unruhen.

Als Politiker wurde Scharon bewundert und gehasst, er provozierte und polarisierte. Erst zum Ende seiner Regierungszeit wandelte er sich vom Hardliner zum Realisten. Überraschend entschied sich Scharon für den Abzug aller Siedler aus dem Gaza-Streifen, die Konservativen um Benjamin Netanjahu verließen die Regierung. Scharon erwirkte Neuwahlen, kehrte dem Likud den Rücken und kam gerade noch dazu, die neue Partei Kadima zu gründen. Kadima bedeutet "Vorwärts".

Dann erlitt Scharon einen Schlaganfall. Es sollte eine Routine-OP werden, wurde aber zum Alptraum. Noch am selben Abend erlitt der damals 77-Jährige einen zweiten Schlaganfall, diesmal mit schwerwiegenden Hirnblutungen. Er fiel ins Koma. Wie Israel mit dem berühmten Patienten umgeht, hat SPIEGEL-Redakteur Christoph Schult beschrieben. Seit 2006 hat es keinerlei Anzeichen gegeben, dass Scharon wieder erwachen könnte.

kgp/AFP

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