Ariel Scharon im Koma: Der "Löwe" findet keine Ruhe

Eine lebensechte Skulptur von Ariel Scharon wühlt Israel auf - und erinnert jäh daran, dass der frühere israelische Ministerpräsident seit fast fünf Jahren im Koma liegt. Abgeschottet von der Öffentlichkeit siecht der einstige Polarisierer dahin.

Skulptur von Ariel Scharon: "Einen Prozess des Trauerns hat es nicht gegeben" Zur Großansicht
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Skulptur von Ariel Scharon: "Einen Prozess des Trauerns hat es nicht gegeben"

Tel Aviv - Er soll noch einmal die Augen geöffnet haben. Das war im Januar 2006, kurz nachdem der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon ins Koma gefallen war. Vielleicht war es auch nur ein Flattern der Lider. Viele hofften auf eine Verbesserung seines Zustands. Die Ärzte waren trotzdem "sehr beunruhigt", sie nannten die Gesundheit des Patienten "erschreckend". Verändert hat sich daran nichts. Aus seinem Koma ist Scharon nicht wieder aufgewacht.

Doch jetzt ist er wieder in der Öffentlichkeit zu sehen. Er atmet, er bekommt Infusionen und liegt auf einem Krankenbett - aber er ist eine Wachsfigur. Der Künstler Noam Braslavsky hat die Skulptur geschaffen, die er seit Donnerstag in der Kishon Gallery in Tel Aviv zeigt.

Wie Scharon heute wirklich aussieht, weiß wohl nur seine Familie. Bilder gibt es nicht. Das letzte Foto stammt vom Tag seines Zusammenbruchs, es zeigt einen weißhaarigen Kopf hinter dem Milchglasfenster eines Rettungswagens. Vor dem Zimmer des richtigen Scharon sitzt noch immer ein Wachmann, der verhindern soll, dass Paparazzi Fotos machen. Auch Künstler Braslavsky hat den kranken Scharon nicht gesehen; er habe ihn so nachgebildet, wie er in der Vergangenheit ausgesehen habe, sagt er.

Scharon wurde bewundert und gehasst, er provozierte und polarisierte. Er war Kriegsherr, Minister, Ministerpräsident. Er wandelte sich zum anerkannten Führer im Nahen Osten. Doch seit er im Koma liegt, hat sich Schweigen ausgebreitet. Die Skulptur hat die Israelis nun jäh daran erinnert.

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Ariel Scharon: Vom Hardliner zum Realisten
Scharon sei von der Bildfläche verschwunden, als er gerade auf seinem politischen Weg von einem Krieger zu einem Mann gewesen sei, der Frieden bringen und zumindest nicht mehr über die Palästinenser herrschen wollte, sagte Braslavsky der Nachrichtenagentur dpa. "Üblicherweise gibt es einen Prozess des Trauerns, wenn ein Führer stirbt oder getötet wird. Und das hat es nicht gegeben."

Während Ariel Scharon zwischen Leben und Tod schwebt, bleibt die Auseinandersetzung mit ihm aus.

Dabei war Scharon höchst umstritten, er war ein Konservativer, einer, der Palästinenserpräsident Jassir Arafat verachtete. Vor fast genau zehn Jahren - am 28. September 2000 - provozierte er mit einem Spaziergang auf dem islamisch verwalteten Areal des Jerusalemer Tempelbergs die zweite Intifada. Sie brachte eine Welle des Terrors, den die Israelis den Palästinensern nicht verzeihen. Bis Ende des Jahres starben fast 300 Menschen in den Unruhen.

"Arik, König von Israel"

2001 wurde Scharon israelischer Ministerpräsident - viele sahen seinen Wahlsieg als gleichbedeutend mit dem Ende des Friedensprozesses. Sein eigenes Leben war von Krieg geprägt, als Soldat überfiel er arabische Dörfer und Polizeistationen, später stieg er zum General auf. Im Laufe seiner langen Militärkarriere nannten die Truppen ihn "Bulldozer" oder "Arik, König von Israel". Sein Vorname bedeutet "Löwe Gottes".

Als Politiker schloss er sich der national-konservativen Likud-Partei an und wurde schließlich Regierungschef. Doch was dann geschah, hatte niemand vorhersehen können. Völlig überraschend entschied sich Scharon für den Abzug aller Siedler aus dem Gaza-Streifen, die Hardliner um Benjamin Netanjahu verließen die Regierung. Scharon erwirkte Neuwahlen, kehrte dem Likud den Rücken und kam gerade noch dazu, die neue Partei Kadima zu gründen. Kadima bedeutet "Vorwärts". Er schien sich zum Realisten gewandelt zu haben, zu einem echten Verhandlungspartner.

Dann erlitt Scharon einen Schlaganfall. Es sollte eine Routine-OP werden, wurde aber zum Alptraum. Noch am selben Abend erlitt der damals 77-Jährige einen zweiten Schlaganfall, diesmal mit schwerwiegenden Hirnblutungen. Er fiel ins Koma.

Weit weg von der sterilen Klinik in der Mittelmeermetropole Tel Aviv, in der Scharon liegt, lebt einer seiner beiden Söhne auf der 600 Hektar großen "Shikmim-Farm" in der Negev-Wüste. Die hatte der Hobby-Rinderzüchter Scharon in den siebziger Jahren gekauft und für 99 Jahre gepachtet. Dort liegt seine verstorbene Frau Lily, die Schwester seiner ersten Frau, begraben und auch Ariel Scharon soll dort einmal seine letzte Ruhestätte finden.

Noch aber ist es nicht so weit. Noch sind der echte und der falsche Scharon in dem Zustand zwischen Leben und Tod gefangen. Künstler Braslavsky drückt es so aus: Seine Skulptur sei eine Allegorie auf den labilen Zustand der Existenz Israels "zwischen Himmel und Erde".

kgp/dpa/dapd/Dominik Peters

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