Ermordeter Journalist Arkadij Babtschenko Ein Mann im Krieg

Hart kritisierte Arkadij Babtschenko Putins Operationen in der Ukraine und in Syrien. Dafür wurde der russische Kriegsjournalist angefeindet - so sehr, dass er sein Land verließ. Nun wurde er in Kiew erschossen.

Arkadij Babtschenko
picture alliance / DPR

Arkadij Babtschenko

Von , Moskau


Anmerkung: Dieser Text basiert auf Meldungen über die Ermordung von Arkadij Babtschenko. Der für tot erklärte Kriegsjournalist ist jedoch am Leben. Er erschien am Mittwoch in Kiew auf einer Pressekonferenz des ukrainischen Geheimdienstes SBU. Alle Entwicklungen verfolgen Sie hier.


Die Drohungen hörten nicht auf, auch als Arkadij Babtschenko schon längst sein Heimatland verlassen hatte. Sie kamen per SMS, per Facebook, wie Freunde berichten. Doch irgendwann sei nicht mehr klar gewesen, was davon überhaupt noch ernst zu nehmen war.

Am Dienstagabend wurde Babtschenko in Kiew erschossen. Drei Kugeln trafen den russischen Kriegsjournalisten in den Rücken.

In Kiew und Moskau reagierten Freunde und Kollegen geschockt. In der Nacht zündeten einige Dutzende auf der Große Moskwa-Brücke nahe dem Kreml, wo vor drei Jahren der Putin-Kritiker Boris Nemzow erschossen worden war, Kerzen für Babtschenko an. In Kreml-kritischen Kreisen empfindet man den jüngsten Mord als weiteres Signal: Wer das Regime in Moskau kritisiert, lebt gefährlich, ist nirgends mehr sicher.

Eingang zum Haus von Babtschenko in Kiew
REUTERS

Eingang zum Haus von Babtschenko in Kiew

Noch sind die Hintergründe der Tat unklar, doch Kiew und Moskau haben bereits begonnen, sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben. In den russischen Staatsmedien sieht man den Mord gar als neuen Beleg der Russenfeindlichkeit vor der Fußball-WM - was angesichts Babtschenkos Arbeit ziemlich fassungslos macht.

Harsch hatte der 41-Jährige immer wieder die Aggressionen Russlands kritisiert. Ihn trieb der moralische Niedergang seines Heimatlandes um, der so viel sinnloses Leid, so viel Tod auch in den eigenen Reihen gebracht hat.

Den Krieg in der Ostukraine bezeichnete er einmal als Wladimir Putins "schrecklichste Tat". " Der Präsident habe ein Brudervolk entzweit und Hass entfacht. Zehntausend Menschen seien inzwischen gestorben, viele Zivilisten, allein auf russischer Seite Tausende Kämpfer namenlos umgekommen. Noch heute kämpfen im Donbass Soldaten ohne Abzeichen, anonyme Söldner im Auftrag Russlands, die sich in keiner offiziellen Statistik wiederfinden.

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Toter Journalist: Gegen den Kreml - in großer Gefahr

Den Krieg in Syrien empfand er als abstoßend. Russland bombardiere rücksichtslos Aleppo, ohne anzuerkennen, "dass Dutzende Kinder durch diese Bomben sterben", schrieb Babtschenko.

Auf Distanz zum russischen Staat

Bereits 2014 hatte eine Vertrauensfrau Putins den tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow aufgefordert, den Journalisten zum Tee einzuladen - eine Drohung, an welche der Journalist noch am vergangenen Sonntag erinnert hatte. Schließlich wird Kadyrow mit den Morden an Kreml-Kritikern in Verbindung gebracht, unter anderem dem an Boris Nemzow.

Babtschenko hatte nicht nur auf ukrainischer Seite aus dem Donbass berichtet, sondern auch die proeuropäischen Demonstranten auf dem Maidan unterstützt, womit er in seiner Heimat als Anti-Patriot Wut auf sich zog, vor allem weil er so sehr auf Distanz zum russischen Staat ging.

Babtschenko auf dem Maidan
AFP

Babtschenko auf dem Maidan

Doch richtig zum Ziel persönlicher Anfeindungen wurde Babtschenko im Dezember 2016. Damals war eine russische Militärmaschine mit 92 Menschen an Bord - darunter unter anderem das Alexandrow-Musikensemble der Armee und Journalisten des Staatsfernsehens - auf dem Weg nach Syrien abgestürzt. Babtschenko hatte daraufhin auf Facebook erklärt, man könne um die Opfer im Grunde nicht trauern. Schließlich hätten sie sich für Putins Interventionskrieg instrumentalisieren lassen.

Der ultranationale und Kreml-nahe Sender Tsargard setzte ihn daraufhin auf Platz 10 der Liste der "Top 100 Russophoben". Duma-Abgeordnete und das Staatsfernsehen arbeiteten sich an Babtschenko ab, der massive Drohungen erhielt.

Exil in Kiew

Der Journalist sah sich gezwungen, mit Frau und Tochter sein Land zu verlassen, "so persönlich, so beängstigend" sei die Kampagne gegen ihn gewesen, schrieb er im "Guardian". Er, der früher für "Moskowskij Komsomolez" und die Kreml-kritische "Nowaja Gazeta" berichtet hatte, ging zunächst nach Prag, dann nach Israel, bis er nach Kiew zog. Seine Mutter lebt mit den gemeinsam aufgenommenen Adoptivkindern nach wie vor in Moskau.

In der Ukraine arbeitete der Mann mit dem kurzgeschorenen Haar als freier Journalist und Publizist, unter anderem für den krimtatarischen Fernsehsender ATR. Er verfasste regelmäßig Facebook-Einträge, die mit der Zeit immer emotionaler und bissiger wurden. Den Mord an einem russischen Kosaken im Oktober durch die Terrororganisation "Islamischer Staat" kommentierte Babtschenko unter anderem mit den folgenden Worten: "Die Heimat wird dich fallen lassen, Kleiner. Immer. Die Frauen werden einfach mehr Menschen gebären." Damit überschritt er ein ums andere Mal die Grenzen des guten Geschmacks.

Abseits der Kriegsheldenerzählungen

Dabei hatte er, der mit 19 Jahren in den Tschetschenienkrieg geschickt worden war, verstanden, das Grauen der Gefechte so eindringlich und schonungslos realistisch mit all den zerfetzten Leichen und geschundenen Körpern zu beschreiben und damit dem patriotischen Kriegsheldengejubel etwas entgegenzusetzen.

Er hatte den Krieg seit seinem ersten Einsatz als junger Mann nie mehr wirklich verlassen - oder vergessen können. Seine Erfahrungen verarbeitete er, der sich bei Twitter den Namen "Starschina Zapasa", Oberfeldwebel der Reserve, gab, auch in Büchern, die international Anerkennung erfuhren. Drei davon wurden ins Deutsche übersetzt: "Die Farbe des Krieges" und "Ein guter Ort zum Sterben" über seine Tschetschenieneinsätze als Soldat; "Ein Tag wie ein Leben. Vom Krieg" über den Georgien-Krieg 2008, in dem er als Reporter unterwegs war.

"Arkadij kannte den Krieg, nahm daran teil, hasste ihn aber immer stärker", heißt es in einem Nachruf der "Nowaja Gazeta" auf Babtschenko. Die Redaktion kündigte an, die Hintergründe der Bluttat an ihrem Kollegen genau aufarbeiten zu wollen.

Es ist der zweite Mord an einem Journalisten innerhalb von zwei Jahren in Kiew. Pawel Scheremet war 2016 durch eine Autobombe getötet worden. Die Tat wurde bis heute nicht aufgeklärt.


Zusammengefasst: Arkadij Babtschenko war Kriegsjournalist - und ein scharfer Putin-Gegner. Auch im Exil setzte er seine Attacken fort, erfuhr dafür aber auch Drohungen und Attacken auf verschiedensten Kanälen. Den Krieg konnte er nie hinter sich lassen. Umso heftiger wetterte er gegen die russischen Operationen in der Ostukraine und in Syrien. Noch ist nicht klar, wer hinter den tödlichen Schüssen auf Babtschenko steckt. Russland und die Ukraine schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Mitarbeit: Katja Kuznetsova



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