Presseschau zu Babtschenko "So schnell wurde eine Tragödie selten zur Farce"

"Inakzeptabel", "unzulässig": Die Babtschenko-Affäre schadet der Ukraine - zu diesem Schluss kommen viele Zeitungen am Tag nach der wundersamen "Auferstehung" des russischen Journalisten.

Arkadij Babtschenko
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Arkadij Babtschenko


Arkadij Babtschenko, der für tot erklärte russische Journalist, verteidigt die Inszenierung seiner Ermordung durch den ukrainischen Geheimdienst SBU. Die Gefahr eines Anschlags auf ihn sei real gewesen, schrieb er auf Facebook: "Alles war genau so wie gesagt."

Die Internationale Journalisten-Föderation bezeichnet das Vorgehen hingegen als "inakzeptabel" und "unzulässig". Auch viele internationale Zeitungen zeigen sich irritiert und warnen vor den Folgen für das Land.

"So schnell wurde eine Tragödie selten zur Farce", schreibt die Schweizer "Neue Zürcher Zeitung". "Die angebliche Ermordung eines Journalisten ist ein Täuschungsmanöver des ukrainischen Geheimdienstes, der die weltweite Öffentlichkeit ungefragt zum Komplizen gemacht hat. Damit verspielt Kiew Vertrauen und liefert Russland einen Steilpass." Die Folge: "Misstrauen", das "Gift für die Ukraine" sei, "deren internationaler Goodwill seit Monaten schrumpft angesichts von ausbleibenden Reformen und demokratischen Rückschritten."

Mykola Lazarenko/ Ukrainian Presidential Press Service / REUTERS

"Die ukrainischen Behörden müssen natürlich erklären, warum sie es für nötig erachtet haben, die journalistische Integrität zu kompromittieren", schreibt die "New York Times". Mit dieser Aktion hätten sie fraglos "Verschwörungstheoretikern Futter geliefert", heißt es weiter. "Eines ist klar: Der Kreml wird diesen offiziellen Betrug nutzen, um zu zeigen, wie weit Russlands Feinde zu gehen bereit sind", um dem Land zu schaden.

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Journalist Babtschenko: Eben noch tot geglaubt - jetzt im TV

Das Warschauer Wochenmagazin "Polityka" schreibt: "Die ukrainischen Geheimdienste haben etwas sehr wichtiges erreicht - außer ein Leben zu retten, was sicher das übergeordnete Ziel war. Aber es ging noch um mehr, darum, der Welt zu zeigen, dass Russland eine reale Gefahr ist für alle, die wagen, es zu kritisieren." Und Michal Szuldrzynski von der Tageszeitung "Rzeczpospolita" konstatiert knapp: "Die Russen haben nicht gelogen, als sie sagten, sie hätten Babtschenko nicht umgebracht. Er lebt."

"Toxische Manipulation"

"Babtschenkos Ruhm ist vergiftet", meint die russische Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta". "Als Teil dieser prinzipienlosen Inszenierung hat er nicht nur die Killer getäuscht, die angeblich hinter ihm her waren. Denn wenn ab jetzt aus der Ukraine Todesnachrichten über Journalisten kommen, werden sich viele in Russland fragen, ob das nicht wieder inszeniert ist. Aber vielleicht war gerade das ein Ziel der Operation Auferstehung, eine solche Atmosphäre der Unsicherheit und des Misstrauens zu schaffen."

"Die umfassende Medieninszenierung hebt den Einsatz von Fake News - und sei es um einer guten Sache willen - auf eine ganz neue Ebene", schreibt die russische Wirtschaftszeitung "Wedomosti". "Es ist das erste Mal, dass in eine solche Inszenierung Staatsvertreter dieses Ranges eingebunden waren. Nach dem 'Mord' an Babtschenko wird es schwieriger, nicht nur Medienberichten, sondern auch Aussagen der Staatsführung zu vertrauen - vielleicht ist es wieder nur eine Spezialoperation?"

"Eine toxische Manipulation" nennt die französische Tageszeitung "Le Monde" die Babtschenko-Affäre in ihrem Leitartikel. Die falsche Todesmeldung durch die ukrainischen Behörden sei aus mehreren Gründen gefährlich, schreibt das Blatt. Erstens, weil sie Fanatikern und Verschwörungstheoretikern neue Nahrung gebe. Zweitens, weil sie den Kreml in seiner Lügenstrategie stärke. Deshalb sei es bedauerlich, dass der ukrainische Geheimdienst, der an derselben Schule ausgebildet worden sei wie der russische Geheimdienst - beim KGB nämlich -, in der Babtschenko-Affäre nun das Spiel von Waldimir Putin spiele.

Das ukrainische Nachrichtenmagazin "Focus" schreibt: "Der Geheimdienstchef Wassyl Hrytsak und der Staatsanwalt Jurij Luzenko gingen während der gemeinsamen Pressekonferenz mit Babtschenko sehr sparsam auf Details ein. Sie haben mehr verheimlicht und verschwiegen, als bekannt gegeben und klargemacht."

Im britischen "Guardian" schreibt die Autorin Sophie Pinkham: "Das nächste Mal, wenn ein Journalist in der Ukraine ermordet wird (und es scheint leider sicher, dass es ein nächstes Mal geben wird), dürften sich selbst die unzynischsten Beobachter - die Art von Menschen, die die ganze Nacht hindurch den Tod von Babtschenko beweint haben - wahrscheinlich fragen, ob sie an einen tragischen Tod glauben sollen, bis sie die Leiche selbst begutachtet haben."

dop/syd/mse/dpa/Reuters



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