Arkadij Babtschenko Die vielen Rätsel um das angebliche Mordfoto

Einschusslöcher und Blutlache: Kurz nach dem angeblichen Mord an Arkadij Babtschenko kursierte ein Bild, das den erschossenen russischen Journalisten zeigen sollte. Das wirft Fragen auf.

Babtschenko (r.) mit eigenem Bild
REUTERS

Babtschenko (r.) mit eigenem Bild


Ein Mann liegt bäuchlings auf dem Boden. Sein Gesicht ist nicht zu erkennen, dafür drei Löcher in seinem taubenblauen Sweatshirt, aus denen Blut austritt, das sich in einer Pfütze unter dem Körper sammelt. Das Bild, das kurz nach der Meldung des angeblichen Mordes am russischen Journalisten Arkadij Babtschenko erstmals bei Facebook veröffentlicht wurde, sollte die Gewalttat belegen. "Verdammt nochmal, ihr Bastarde!", hatte der Verbreitende, ein ehemaliger ukrainischer Journalist mit Verbindungen in die USA, das Bild überschrieben.

Kurz darauf steht fest: Die Aufnahme, die binnen kurzer Zeit auch zwischen russischen und ukrainischen Berichterstattern herumgereicht wurde, zeigt eine Inszenierung. Die Blutlache: Schweineblut. Das Gesicht, das für den Bildbetrachter ohnehin nicht zu sehen ist: von einem Maskenbildner hergerichtet. Die Einschusslöcher: waren schon im Oberteil, bevor Babtschenko es anzog. Dazu bekam er noch die Anweisung, wie er fallen sollte, berichten der US-Sender CNN und die "Moscow Times".

Die Geschichte dazu erdachte er sich zusammen mit dem ukrainischen Geheimdienst SBU. Demnach wartete ein Attentäter im Vorraum seiner Wohnung in Kiew und erschoss ihn von hinten. Ein Krankenwagen nahm ihn, angeblich bewusstlos, mit, während der Fahrt soll er dann gestorben sein - die Ärzte waren eingeweiht. Anschließend wurde Babtschenko in ein Leichenschauhaus gefahren, wo er sich das Schweineblut abwusch und die Nachrichten zu seinem Tod verfolgte.

Das alles sollte ihn davor schützen, tatsächlich einem angeblich von Russland aus in Auftrag gegebenen Mordkomplott zum Opfer zu fallen (mehr Details lesen Sie hier). Welche Rolle spielte das Bild bei der Verbreitung der Falschmeldung?

Fest steht: Auch wenn das Foto schon kurz nach der Tat unter Journalisten und in sozialen Netzwerken zirkulierte, wurde es von keiner Behörde als tatsächliches Beweismittel angeführt. Wer das Foto machte, ist nicht klar. Es ist noch nicht einmal bewiesen, ob es tatsächlich Babtschenko zeigt - schließlich ist das Gesicht nicht zu sehen. Dennoch entwickelte die Aufnahme genug Wucht, um der Falschmeldung Nachdruck zu verleihen, berichtete "Radio Free Europe".

Warum machte der Täter keinen "Kontrollschuss"?

Der russische Journalist und Buchautor Sergej Loiko schrieb bei Facebook zu dem Bild: "Auf dem Foto (sorry, ich kann es nicht veröffentlichen) liegt Arkadij auf dem Boden im Flur, ohne Lebenszeichen, mit Schusswunden im Rücken. Offensichtlich liegt er im Wohnungsflur. Klar erkennbar am Linoleum, an der Beleuchtung und an den Schuhen auf dem Boden. Arkadij liegt mit dem Rücken zur Tür. In der rechten Ecke können Sie die Tür sehen." In der Diskussion unter dem Eintrag kommen zahlreiche Fragen auf:

  • Ein Profikiller vergewissere sich immer, ob sein Opfer auch wirklich tot sei, schreibt ein Nutzer. Er nennt das einen "Kontrollschuss". Babtschenko sollte aber noch am Leben gewesen sein, als die Ambulanz eintraf. Der Täter wäre also getürmt, ohne sicherzugehen, dass sein Opfer wirklich tot ist. Warum?
  • Wer machte das Foto und warum? Ein Nachbar/Augenzeuge, der ihn noch vor der Polizei und vor dem Notarzt fand? Die Polizei, die vor den Ärzten am Tatort eintraf?
  • Warum liegt Babtschenko auf dem Bauch? Wie wäre eine spontane Reaktion seiner Frau, die Schüsse gehört haben soll? Würde sie den Körper nicht umdrehen wollen, um das Gesicht ihres Ehemannes zu sehen? Und versuchen, mit ihm zu sprechen?
  • Das Foto vom Tatort wurde schon wenige Stunden nach dem "Attentat" verbreitet, wie auch das Fahndungsfoto (bereits zwei Stunden danach). Wie konnte es so schnell in Umlauf geraten?

Viele Journalisten trauerten am Tag des angeblichen Mordes und analysierten, was der Mord an dem erklärten Kremlkritiker bedeute. "Das ist ein Terroranschlag auf die Gemeinschaft von Journalisten in Russland und in der Ukraine", schrieb sein Freund, der Investigativreporter Pawel Kanygin von der Moskauer "Nowaja Gaseta". Dann die Erleichterung: "Er lebt, das ist das Wichtigste! Und abends kriegt er eins hinter die Löffel, weil mir die letzten Haare ausgegangen sind."

Doch die Glaubwürdigkeit der Medien leidet unter solcher Irreführung. "Journalisten müssen noch intensiver und noch viel genauer hingucken", sagte Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbands DJV. "Das ist nicht nur eine Provokation gegen Russland. Das ist auch eine Provokation Babtschenkos gegen die ganze Journalistenzunft", sagte der Chefredakteur der russischen Zeitung "Moskowski Komsomolez", Pawel Gussew.

vks/dpa, Mitarbeit: Maxim Sergienko



insgesamt 51 Beiträge
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Muddern 01.06.2018
1. Ich brauche einen kleinen Schubser...
... inwiefern soll die Inszenierung ihn schützen? Würde Russland wollen, könnten sie (oder wer auch immer) doch nach wie vor einen Anschlag verüben, jetzt, wo sie wissen, dass er doch noch lebt? Vielleicht "subtiler", aber... Wo ist mein Denkfehler?
M. Vikings 01.06.2018
2. Super Räuberpistole.
Festgenommen wurde Boris German, der Direktor der nicht staatlichen ukrainisch-deutschen Waffenfirma Schmeisser. Er soll den mutmaßlichen Killer des „Rechten Sektors“ Zymbaljuk angeheuert haben. German wurde am Donnerstag für zwei Monate in U-Haft genommen. Er stritt nicht ab mit Zymbaljuk über den geplanten Mord gesprochen zu haben. Er arbeite für eine staatliche Behörde, nämlich die Gegenabwehr, teilte German dem erstaunten Gericht mit. Wie es weitergeht und wer am Ende geopfert wird, demnächst bei Comedy Central.
geschwafelablehner 01.06.2018
3. Logik?
Zitat von Muddern... inwiefern soll die Inszenierung ihn schützen? Würde Russland wollen, könnten sie (oder wer auch immer) doch nach wie vor einen Anschlag verüben, jetzt, wo sie wissen, dass er doch noch lebt? Vielleicht "subtiler", aber... Wo ist mein Denkfehler?
Wer Logik in dieser Inszenierung sucht, wird wohl vergeblich suchen. Wahrscheinlich brauchte Poroschenko wieder etwas Aufmerksamkeit, und ein paar neue Milliarden für seine Laienspieltruppe. Stattdessen kriegen sie jetzt einen Orden von Putin, weil sie die offiziellen Nachrichten aus der Ukraine endgültig unglaubwürdig gemacht haben. Abgesehen davon, dass sich jetzt wahrscheinlich einige fragen, ob Scripal auch eine Inszenierung war.
Lektorat Berlin 01.06.2018
4. Denkfehler
Zitat von Muddern... inwiefern soll die Inszenierung ihn schützen? Würde Russland wollen, könnten sie (oder wer auch immer) doch nach wie vor einen Anschlag verüben, jetzt, wo sie wissen, dass er doch noch lebt? Vielleicht "subtiler", aber... Wo ist mein Denkfehler?
... dass die Welt jetzt quasi den Focus auf diesem Menschen hat und eine jetzige Ermordung Putin " irgendwie" unvorteilhaft dastehen liesse?
testuser2 01.06.2018
5. Unglaubwürdig
Der Fall Skripal war schon wenig glaubwürdig (s.u.) Dieser Fall den die Ukrainer in Szene gesetzt haben, ist noch unglaubwürdiger. Sicher gab und gibt es Morde mit Auftrag aus Russland. Doch das Problem ist, dass diese ebenso benutzt werden, um den Gegner zu beschuldigen und internationale Empörung zu provozieren. Das auf diese Weise zu inszenieren - kurz vor einem großen Sportereignis, ist eher positiv für Russland und macht den Westen, der die Ukraine unterstützt ein Stück unglaubwürdiger. Erläuterung, was beim Fall Skripal unglaubwürdig war: Die OPCW gab die Nowitschok-Menge zunächst mit 100 mg an, mit der Begründung, dass daher ein großer Staat wie Russland Verursacher sein müsse und kein kleines Labor, dann waren es plötzlich doch einige Zehnerpotenzen weniger, weil Experten sagten, dass es bei der Menge viele hunderte Tote gegeben hätte, erst war die Substanz witterungs-instabil, deshalb sei die Wirkung nicht so stark gewesen, dann war es von großer Reinheit und witterungs-stabil, erst hatten angeblich nur die Russen den Stoff, später doch der gesamte Westen usw.
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