Geheimdienstoperation mit russischem Journalisten Wie Babtschenko seinen Tod in Kiew inszenierte

Der russische Kriegsjournalist Arkadij Babtschenko hat in Kiew seinen eigenen Tod vorgetäuscht - um mit dem ukrainischen Geheimdienst seine Ermordung zu verhindern. Hat er damit eine Grenze überschritten?

Arkadij Babtschenko mit Generalstaatsanwalt Jurij Lutsenko (r,) und SBU-Chef Wasilij Gritsak
REUTERS

Arkadij Babtschenko mit Generalstaatsanwalt Jurij Lutsenko (r,) und SBU-Chef Wasilij Gritsak

Von , Moskau


"In Erinnerung an Arkadij" stand schon über seiner Facebook-Seite. Babtschenkos Foto hing bereits am "Haus des Journalisten" im Zentrum von Moskau, dort erinnern sie mit einer Tafel an die getöteten Kollegen. Für den Abend war eine Gedenkveranstaltung für den russischen Kriegsjournalisten angesetzt worden, der am Dienstagabend nach Angaben der ukrainischen Behörden in Kiew mit drei Schüssen in den Rücken niedergestreckt worden war. Eine Nachricht, die für Entsetzen gesorgt hatte.

Doch Babtschenko ist nicht tot.

Am Mittwoch trat er in der ukrainischen Hauptstadt mit dem Chef des ukrainischen Geheimdienstes SBU vor die Kameras, die anwesenden überraschten Kollegen klatschten.

Eine spektakuläre Wende in einem Mordfall, der viele Fragen aufwirft, nicht nur weil das Verhältnis von Kiew und Moskau seit der Krim-Annexion und dem Krieg in der Ostukraine so angespannt ist.

Babtschenko inszenierte seinen Mord, um an die Auftraggeber zu kommen, wie der 41-Jährige und die ukrainischen Sicherheitskräfte erklärten. Eine Operation, die einige Fragen aufwirft, auch weil die ukrainische Polizei und der Journalist mit der Wahrheit und dem Mitgefühl vieler spielte. Babtschenko hatte sich unter anderem auf dem Bauch liegend, umgeben von roter Farbe - angeblich Blut - fotografieren lassen.

Was bisher über die Aktion in Kiew bekannt ist:

Der Auftragsmord - Nach Darstellung des SBU hatte der russische Geheimdienst einen Ukrainer namens G. für 40.000 Dollar angeworben. Für diese Summe sollte er den Mord an Babtschenko organisieren. Er habe einen Auftragsmörder anheuern müssen, dem insgesamt 30.000 Dollar versprochen worden seien. 15.000 Dollar hatte der Mann, der für die ukrainische Antiterrorperation ATO im Donbass im Einsatz gewesen sein soll, den Angaben zufolge bereits als Anzahlung erhalten.

Darüber hinaus sollte G. 300 Kalaschnikow-Gewehre, Sprengstoff und Patronen kaufen. Der vereitelte Mord an Babtschenko, der nach dessen Angaben eigentlich vor dem Champions-League-Finale am Samstag geplant war, sollte nur ein "Probelauf" sein. Angeblich standen 30 weitere Menschen auf einer Mordliste, so erklärte es der sichtlich gut gelaunte ukrainische Geheimdienstchef Wasilij Gritsak auf der Pressekonferenz.

Sein Dienst veröffentlichte ein Video, das zeigen soll, wie Polizisten G., einen korpulenten Mann, auf einer Straße festnehmen. Weitere Informationen sind über den Mann nicht bekannt - auch nicht, wie die Sicherheitskräfte von den Mordplänen erfuhren und warum es so wichtig war, stundenlang glauben zu machen, dass Babtschenko wirklich tot ist. Fragen, die der SBU bald beantworten muss. Der Auftragsmörder soll ebenfalls gefasst worden sein.

Der Auftritt Babtschenkos - Er meldete sich am Mittwoch kurz während der Pressekonferenz zu Wort, erzählte, er sei vor einem Monat von den Sicherheitskräften der Ukraine über den Auftragsmord informiert worden. 40.000 Dollar - "ich bin doch einiges wert", sagte Babtschenko. Der ukrainische Geheimdienst habe ihm Papiere gezeigt, die G. bekommen habe - seine Passdaten und auch ein Foto, das es nur in seinem Pass gebe, betonte der Journalist. Das Ausweisdokument sei damals, als er 20 Jahre alt wurde, ausgestellt worden. Deshalb glaube er, dass die Informationen für den Auftragsmord von staatlichen Stellen aus Russland stammen. Weiter führte Babtschenko diesen Zusammenhang aber nicht aus.

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Journalist Babtschenko: Eben noch tot geglaubt - jetzt im TV

Babtschenko war in den vergangenen Monaten massiv bedroht worden. Er hatte harsch die Aggressionen Russlands kritisiert: die rücksichtslosen Bombardements der Zivilbevölkerung in Aleppo durch das russische Militär; den Krieg in der Ostukraine, den er einmal als Wladimir Putins "schrecklichste Tat" bezeichnet hatte. Der russische Präsident habe ein Brudervolk entzweit und Hass entfacht, sei für Tausende Tote verantwortlich.

Seit einigen Monaten lebte Babtschenko nun mit seiner Tochter und Frau in Kiew im Exil. Er bat seine Frau am Mittwoch für die vergangenen zwei Tage um Verzeihung: "Oleschka, entschuldige bitte, aber es gab keine andere Möglichkeit." Auch bei Freunden und Kollegen entschuldigte er sich für das, was sie in den vergangenen Stunden seit der Nachricht seiner angeblichen Ermordung durchmachen mussten, die von vielen als weitere Warnung an Kremlkritiker gedeutet worden war. "Aber anders ist es nicht machbar gewesen", sagte Babtschenko. Ob das so ist, darüber wird nun gestritten.

Im Video: Babtschenkos Auftritt bei der Pressekonferenz

Mykola Lazarenko/ Ukrainian Presidential Press Service / REUTERS

Die Reaktionen: In der Ukraine und in Russland zeigte man sich erleichtert, dass Babtschenko lebt. Doch was für eine Rolle wird er, der mit dem ukrainischen Geheimdienst zusammenarbeitete, nun einnehmen können? Ist er noch Journalist oder Aktivist? Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko kündigte an, Babtschenko und dessen Familie unter den Schutz seines Landes zu stellen.

In Russland wirft man Babtschenko nun "Provokationen gegen die eigene Heimat" vor. Im Staatsfernsehen sprach ein Moderator von einer "Schmierenkomödie", die er zusammen mit der Ukraine aufgeführt habe.

Der unabhängige russische Geheimdienstexperte Andrej Soldatow warnte auf Twitter, mit dieser Mordinszenierung sei eine Grenze überschritten worden: "Babtschenko ist ein Journalist, kein Polizist, (...) und ein Teil unseres Jobs ist Vertrauen, was auch immer Trump und Putin über gefälschte Nachrichten sagen."

Kremlkritische Stimme warnten, dass diese Aktion nicht nur die Journalisten, sondern auch die Ukraine und die russischen Liberalen beschädige. Wie könne man ihnen jetzt noch glauben? Eine Frage, die auch der russische Nachrichtensender Rossija 24 thematisierte. Am Ende, so fürchten nun Kritiker von Putins Regimes, gewinne mit Babtschenkos vorgetäuschtem Mord nur einer: der Kreml.

Mitarbeit: Annette Langer, Katja Kuznetsova



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