Vorgetäuschter Babtschenko-Mord "Ich habe Zweifel an der Version des ukrainischen Geheimdienstes"

"Unnötig dramatisch", "lächerlich" - und "ein Wunder": Der inszenierte Tod des russischen Kriegsreporters und Kremlkritikers Arkadij Babtschenko elektrisiert die Ukraine. Drei Stimmen aus Kiew.

Mykola Lazarenko/ Ukrainian Presidential Press Service / REUTERS

Von , Kiew


"Ihr müsst schon entschuldigen", schreibt der vom Tode auferstandene Journalist Arkadij Babtschenko in der Nacht auf seinem Facebook-Account - und verspricht allen "Moralhütern", die den inszenierten Mordanschlag auf ihn verurteilen: "Beim nächsten Angriff werde ich auf jeden Fall draufgehen."

Die Geheimdienst-Posse um den für tot erklärten und dann wieder zum Leben erweckten 41-jährigen Putin-Kritiker hat viele seiner Wegbegleiter sprachlos gemacht.

Glaubwürdigkeit der ukrainischen Regierung hat gelitten

Neben Erleichterung hagelte es Kritik an dem renommierten Kriegsreporter, der mit dem ukrainischen Geheimdienst SBU gemeinsame Sache machte - angeblich, um eine ganze Serie von geplanten Anschlägen auf Oppositionelle zu vereiteln.

Der SBU hatte in einer Pressekonferenz zugegeben, Babtschenkos Ermordung inszeniert zu haben. Eine Schmierenkomödie sei das gewesen, eine geschmacklose Realityshow, Polit-Propaganda der übelsten Sorte, monierten Kritiker.

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Journalist Babtschenko: Eben noch tot geglaubt - jetzt im TV

Selbst Bundespräsident Steinmeier wurde vorgeführt - hatte er sich doch während seines Ukraine-Besuchs "erschüttert" über die Nachricht gezeigt. Die Glaubwürdigkeit der Regierung in Kiew, die mit dem Krieg im Donbass, Korruption und russischen Agitation kämpft, hat enorm gelitten.

Viele Fragen in dem Fall sind offen:

  • Was war der Zweck der PR-Show des Geheimdienstes im Fernsehen?
  • Warum hat der SBU den mutmaßlichen Mittelsmann "G." nicht einfach festgenommen?
  • Warum hat sich Babtschenko vom SBU instrumentalisieren lassen?
  • Hat der Geheimdienst etwas gegen ihn in der Hand?

Drei ukrainische Journalisten geben eine erste Einschätzung ab.

Ayula Shandra, Geschäftsführerin der englischsprachigen Zeitung "Euromaidan Press" aus Kiew

"Ich war sehr erleichtert, als ich gehört habe, dass Arkadij Babtschenko lebt. Ich war auch ein bisschen schockiert, die Geschichte einer Geheimdienstoperation im Fernsehen präsentiert zu bekommen.

Natürlich habe ich Zweifel an der Version des ukrainischen Geheimdienstes SBU. Aber ich sehe auch keinen Grund, warum Babtschenko in Kauf nehmen sollte, seinen Ruf, die Liebe seiner Frau und die Zuneigung seiner Freunde und Bewunderer zu verlieren, wenn er nicht tatsächlich in Lebensgefahr war.

Der Ruf des SBU ist schlecht, das Vertrauen der Ukrainer in ihre Sicherheitsbehörden äußerst gering. Deshalb vermute ich, die Operation sollte das Ansehen des SBU in der Öffentlichkeit aufpolieren. Der Dienst wollte zeigen, dass er in der Lage ist, russische Oppositionelle adäquat vor einer Verfolgung durch russische Geheimdienste zu schützen.

Ayula Shandra
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Ayula Shandra

Dieser PR-Aspekt wirft einen Schatten auf die Operation - aber nur einen kleinen. Westliche Beobachter monieren, die ukrainische Regierung habe die Weltöffentlichkeit hinters Licht geführt. Aber ich finde, man sollte die Prioritäten nicht aus den Augen verlieren. Der Mord an Babtschenko wurde verhindert, laut SBU sogar 30 weitere Anschläge auf Oppositionelle. Das Leben ist wichtiger als alles andere.

Wir wissen nicht, wie der SBU Kontakt aufnahm mit dem mutmaßlichen Killer, einem Kriegsveteranen der ukrainischen Armee. Aber sie haben offensichtlich kooperiert. Das Attentat war demnach für die Zeit des Champions-League-Finales geplant. Das klingt glaubwürdig. Von Russland geplante Anschläge finden häufig an Feiertagen statt, das haben wir im Donbass gesehen.

Ich halte es grundsätzlich für möglich, dass der SBU die Operation durchgeführt hat, um einen konkreten Beweis terroristischer Aktivitäten russischer Geheimdienste in der Ukraine zu haben. Die Leute vom SBU haben den Auftrag, der Bevölkerung zu dienen und sie zu schützen. Wenn sie nichts unternehmen, werden sie kritisiert - wenn sie es tun allerdings auch."

Katya Gorchinskaya, CEO beim ukrainischen Internetfernsehsender "Hromadske TV"

"Ich war sehr betroffen von der Meldung über den angeblichen Tod Arkadij Babtschenkos - und habe sofort eine Facebook-Gruppe gegründet, um gemeinsam mit Investigativjournalisten die Todesumstände zu ermitteln. Wir haben durchgehend recherchiert, dann kam die Pressekonferenz des SBU mit der Entwarnung.

Was für ein Zirkus! Man darf sich fragen, was mit dieser unnötig dramatischen und lächerlichen Show bezweckt wurde. Im Moment haben wir noch zu wenig Informationen, um das zu beantworten, aber so viel ist sicher: Die Veranstaltung wird dem Ruf der Sicherheitsdienste in der Ukraine langfristig schaden - das scheint dem SBU allerdings ziemlich egal zu sein.

Babtschenko mache ich keine Vorwürfe. Wir wissen nicht, wieso er an dem Spektakel teilgenommen hat und wie seine Ausgangslage war. Wenn ich seine Frau wäre, hätte ich ihn aber wohl noch im Nachhinein umgebracht. Sie soll nichts von der Inszenierung gewusst und die ganze Zeit geglaubt haben, er sei tot.

Katya Gorchinskaya
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Katya Gorchinskaya

Bisher ist alles in dem Fall Spekulation. Wir müssen also abwarten, ob der mutmaßliche Mittelsmann vor Gericht kommt und ihm die Organisation eines Terroranschlags nachgewiesen werden kann.

Allerdings bin ich nur verhalten optimistisch, was die Aufklärung betrifft. Im Fall des Journalisten Pawel Scheremet, der vor zwei Jahren ermordet wurde, haben es die Ermittlungsbehörden bis heute nicht geschafft, eine Nahaufnahme der Tatverdächtigen zu veröffentlichen, die mutmaßlich den Sprengsatz unter Scheremets Auto anbracht haben. Dabei gibt es qualitativ ausreichende Aufnahmen einer Überwachungskamera.

Der Vorwurf, die Presse sei im Fall Babtschenko dem SBU-Lügenmärchen aufgesessen und habe ungeprüft Fake News verbreitet, ist nicht neu. In der Ukraine beschuldigt ständig jeder jeden, Falschmeldungen zu verbreiten. Es ist sehr schwer herauszufinden, wer lügt und wer nicht. Egal wie sehr sich ein Journalist bemüht, Geschichten zu verifizieren - oft ist es unmöglich, zum Kern der Sache vorzudringen.

Bei Babtschenko haben wir besonders intensiv recherchiert, auch, weil ein Kollege betroffen war. Und das werden wir weiter tun. Wir werden Videoaufnahmen analysieren und uns mehrere Personen näher ansehen, zum Beispiel den Mann, der das Foto der 'Leiche' Babtschenkos veröffentlicht hat."

Volodymyr Yermolenko, Philosoph, Essayist, Übersetzer, arbeitet für das Internetportal "Ukraineworld" und den Sender "Hromadske TV"

"Ich wurde während einer Liveübertragung im Fernsehen von der Nachricht über den angeblichen Tod Babtschenkos überrascht. Ich war schockiert und wäre fast in Ohnmacht gefallen. Für mich ist er ohne Zweifel einer der talentiertesten und ehrlichsten Journalisten in der Ukraine. Als der SBU Babtschenko dann sehr lebendig im Fernsehen präsentierte, fühlte ich mich nicht betrogen. Es war eher wie ein Wunder, eine Wiederauferstehung.

In der Ukraine sind wir gewöhnt an starke Emotionen, an permanentes Auf und Ab. Die Geschichte der vergangenen fünf Jahre, die Revolution der Würde, die Annexion und der Krieg im Donbass haben gezeigt, wie eng hier Sieg und Verlust beieinanderliegen.

Wir kennen das Normale, das Ruhige nicht mehr. Wir haben uns so an die Extreme gewöhnt, dass wir sie inzwischen brauchen. Ich weiß nicht, inwieweit dies vom SBU benutzt wurde. Aber es gilt: Wenn auf eine sehr negative Emotion eine sehr positive folgt, ist der Effekt groß.

Volodymyr Yermolenko
SPIEGEL ONLINE

Volodymyr Yermolenko

Warum haben sie den tatverdächtigen Mittelsmann des Anschlags nicht einfach festgenommen und auf das große Theater verzichtet? Schwer zu sagen. Vielleicht wollten die Behörden möglichst drastisch nachweisen, dass die Russen einen Terroranschlag geplant haben. Russlands Hauptanliegen in der Ukraine ist es derzeit, zu destabilisieren und Angst in der Gesellschaft zu verbreiten. Gleichzeitig misstrauen viele Ukrainer ihren Sicherheitsbehörden, sie vermuten zu Recht Korruption und Vetternwirtschaft, werden dadurch aber auch leicht Opfer von Verschwörungstheorien.

Die russischen Geheimdienste könnten den Vorfall als Niederlage einstufen. Sie wurden von den Ukrainern mit Lügen und Manipulation ausgetrickst, sozusagen mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Das könnte sie sehr verärgern - und dazu verleiten, klarzustellen, dass sie in der Lage sind, Oppositionelle jeder Art wo und wann immer sie wollen auszuschalten.

Die Konsequenzen für die Ukraine auf internationaler Ebene könnten schwerwiegend sein. Jeder wird sich jetzt auf die Falschmeldung konzentrieren, aber wir brauchen eine tiefgehende Analyse des Geschehenen. Einen Terroranschlag zu planen oder ihn auszuführen sind zwei verschiedene Dinge. Aber ich befürchte, die anstehenden Untersuchungen werden oberflächlich ausfallen - es steht Wahrheit gegen Lüge."



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