Armenien Polizist aus besetzter Polizeistation heraus erschossen

In der armenischen Hauptstadt Eriwan halten sich bewaffnete Oppositionelle seit Wochen in einer Polizeiwache verschanzt. Die Auseinandersetzung mit den Sicherheitskräften spaltet das Land.

Beschädigtes Auto in der Nähe der Polizeistation
AFP

Beschädigtes Auto in der Nähe der Polizeistation


Bewaffnete Regierungsgegner haben in der armenischen Hauptstadt Eriwan erneut einen Polizisten erschossen. Der Beamte sei durch einen Schuss aus einem Scharfschützengewehr getötet worden, sagte ein Polizeisprecher russischen Agenturen zufolge. Der Schuss wurde demnach aus der Polizeistation heraus abgegeben, in der sich die Oppositionellen seit fast zwei Wochen verschanzt.

Wenige Stunden zuvor hatten die armenischen Sicherheitskräfte den Geiselnehmern vergeblich ein Ultimatum gestellt, um die Waffen niederzulegen und sich zu stellen.

Etwa 20 bewaffnete Anhänger des inhaftierten Oppositionsführers Dschirair Sefiljan hatten das Polizeigebäude am 17. Juli gestürmt und Geiseln genommen, um Sefiljans Freilassung und den Rücktritt von Präsident Sersch Sarkissjan zu erzwingen. Schon damals hatten sie einen Polizisten getötet. Am Samstag waren noch drei Geiseln in der Gewalt der Besetzer.

Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei

Zur Unterstützung der Geiselnehmer und ihrer Forderungen gingen mehr als 5000 Anhänger der Opposition auf die Straße. Wie jeden Abend versperrten Sicherheitskräfte den Demonstranten den Weg zur besetzten Polizeiwache.

Bei einer ähnlichen Kundgebung am Freitag hatten sich Demonstranten und Polizei bis in die Nacht heftige Auseinandersetzungen geliefert. Die Polizei versuchte, die Kundgebung mit Schlagstöcken, Rauchbomben und Blendgranaten gewaltsam aufzulösen. Über 70 Verletzte wurden in Krankenhäuser gebracht, 165 Demonstranten wurden nach Polizeiangaben festgenommen. 26 von ihnen blieben anschließend in Haft.

Die EU bezeichnete die Lage als "sehr beunruhigend". Die US-Botschaft in Eriwan äußerte sich "zutiefst besorgt angesichts der schockierenden Bilder und glaubwürdigen Informationen über den exzessiven Gewalteinsatz der Polizei". Sie rief beide Seiten auf, die Krise friedlich beizulegen.

Oppositionsführer Sefiljan sitzt seit Juni wegen Waffenbesitzes in Haft. Ihm und sechs seiner Anhänger, die ebenfalls festgenommen wurden, wird vorgeworfen, die Besetzung mehrerer Regierungsgebäude und Telekommunikationseinrichtungen geplant zu haben. Sefiljan war bereits 2006 einmal festgenommen worden, nachdem er zum gewaltsamen Umsturz aufgerufen hatte.

Die frühere Sowjetrepublik Armenien hat drei Millionen Einwohner. Das Land verfolgt eine "Schaukelpolitik" zwischen Ost und West. Einerseits ist die frühere Sowjetrepublik Mitglied des EU-Partnerschaftsprogramms. Andererseits trat Armenien 2015 der von Russland dominierten Zollunion bei.

asa/dpa/AFP



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