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Armeniens Präsident Sargsjan "Wir wollten die Feindschaft durchbrechen"

2. Teil: Warum den Armeniern niemand den Ararat nehmen kann

SPIEGEL ONLINE: Von den Fenstern Ihrer Residenz kann man den Berg Ararat sehen, Armeniens Nationalsymbol. Heute liegt er unerreichbar jenseits der Grenze. Die Türkei fürchtet Gebiets- und Kompensationsforderungen. Wollen Sie den Ararat zurück?

Sargsjan: Den Ararat kann uns niemand nehmen, wir bewahren ihn in unseren Herzen. Wo immer auf dem Globus heute Armenier wohnen, werden Sie in ihren Wohnungen ein Bild des Ararat finden. Und ich bin mir sicher, dass eine Zeit kommen wird, wo der Ararat nicht mehr das Symbol der Trennung zwischen unseren Völkern sein wird, sondern das Zeichen der Verständigung. Lassen Sie mich aber klarstellen: Niemals hat ein Repräsentant Armeniens territoriale Ansprüche erhoben. Die Türken unterstellen uns das, vielleicht aus schlechtem Gewissen?

SPIEGEL ONLINE: Ihre Grenzen zur Türkei und Aserbaidschan sind geschlossen, Iran und Georgien schwierige Nachbarn. Wäre es nicht wichtiger, diese Isolation zu durchbrechen, statt mit der Türkei endlos über den Völkermord zu streiten?

Sargsjan: Wir verknüpfen die Grenzöffnung nicht mit der Anerkennung des Genozids; es ist nicht unsere Schuld, wenn die Annäherung scheitert.

SPIEGEL ONLINE: Die Türkei will die Grenzöffnung von Fortschritten in der Frage Berg-Karabach abhängig machen. Armenien hat einen Krieg um dieses Gebiet geführt, das nach dem Zerfall der Sowjetunion von Aserbaidschan beansprucht, aber mehrheitlich von christlichen Armeniern bewohnt wird.

Sargsjan: Die Türkei will stets Zugeständnisse von unserer Seite. Das aber ist unmöglich. Die wichtigste Frage ist die Verwirklichung des Rechts der Bevölkerung von Berg-Karabach auf Selbstbestimmung. Wenn Aserbaidschan die Unabhängigkeit von Berg-Karabach anerkennen würde, könnte die Frage meiner Meinung nach innerhalb weniger Stunden gelöst werden. Leider hat es den Anschein, dass Aserbaidschan das Problem militärisch lösen will. Die Aserbaidschaner sind noch der Meinung, dass sie Berg-Karabach an Aserbaidschan anschließen könnten. Das aber hieße, dass innerhalb kürzester Zeit den Armeniern in Berg-Karabach ein Verbleiben unmöglich gemacht würde.

SPIEGEL ONLINE: Welche Lösung schlagen Sie vor?

Sargsjan: Wenn Aserbaidschan aber die Unabhängigkeit von Berg-Karabach anerkennen würde, könnte das Problem meiner Meinung nach binnen weniger Stunden gelöst werden. Warum konnten die Staaten des ehemaligen Jugoslawien Unabhängigkeit erlangen? Soll Karabach etwa nicht die gleichen Rechte haben - nur weil Aserbaidschan über Rohstoffe wie Öl und Gas verfügt und mit der Türkei über einen Schutzpatron? Das halten wir nicht für gerecht.

SPIEGEL ONLINE: Wäre Armenien mit einer umfassenden Autonomie Berg-Karabachs innerhalb Aserbaidschans einverstanden, etwa wie zu Sowjetzeiten?

Sargsjan: Natürlich nicht. Karabach an Aserbaidschan zurückzugeben, würde bedeuten, dass es in kürzester Frist zu Vertreibungen der armenischen Bevölkerung kommen würde. Berg-Karabach war nie Teil des unabhängigen Aserbaidschan. Die Region wurde erst 1923 auf Beschluss des Kaukasischen Büros der Kommunistischen Partei an Aserbaidschan angeschlossen, auf Druck Stalins. Wenn Karabach Teil Aserbaidschans werden sollte, müsste man mindestens die Sowjetunion restaurieren. Ich glaube nicht, dass das jemand ernsthaft möchte.

SPIEGEL ONLINE: Die Türkei strebt schon seit Jahrzehnten in die Europäische Union. Ist eine Mitgliedschaft auch für Armenien ein Ziel?

Sargsjan: Europas Werte sind attraktiv für uns. Darum reformieren wir derzeit auch unsere Verwaltung, nach europäischem Vorbild, natürlich. Wir wissen wohl, dass wir, wenn wir ein vollwertiges Mitglied eines Systems werden wollen, Probleme lösen müssen. Wie lange dieser Prozess dauern wird, hängt von uns ab - aber auch von der Europäischen Union.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Land grenzt an Iran. Wie Beurteilen sie den Konflikt der Weltgemeinschaft mit Teheran?

Sargsjan: Wir sehen dies mit Sorge. Iran ist einer von nur zwei Landwegen, die uns mit der Außenwelt verbinden. Jedermann in Armenien weiß: Wenn Iran nicht während des Krieges seine Grenze offengehalten hätte, wäre es zu Engpässen bei der Versorgung unserer Bürger gekommen. Ähnlich war es während des Fünf-Tage-Krieges 2008, als die Eisenbahnverbindung über Georgien unterbrochen war. Wir bauen gemeinsam mit Iran gerade eine Pipeline und eine Gleisverbindung.

Das Interview führte Benjamin Bidder in Eriwan

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Sersch Sargsjan
AFP
Sersch Sargsjan, 55, ist seit April 2008 Präsident von Armenien. Der Genozid an seinem Volk war einer der ersten des 20. Jahrhunderts. Die Türkei, auf deren Boden das Verbrechen stattfand, leugnet die Taten der osmanischen Führung bis heute. Auch Deutschland, im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündet, hat den Völkermord bis heute nicht offiziell anerkannt.

Armenien
Das christliche Armenien liegt mit seinen 2,5 Millionen Einwohnern wie eingekeilt zwischen der Türkei, Aserbaidschan und Iran. Es ist Russlands letzter Verbündeter im Südkaukasus. Armeniens Grenzen zu Aserbaidschan und der Türkei sind wegen des Konflikts um die 1988 bis 1994 blutig umkämpfte Region Berg-Karabach geschlossen.





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