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Armeniens Präsident Sargsjan: "Wir wollten die Feindschaft durchbrechen"

Eine Annäherung zwischen Türken und Armeniern lässt weiter auf sich warten. Armeniens Staatschef Sargsjan erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, warum die Anerkennung des Völkermords an seinen Landsleuten so wichtig ist - und warum ihn die Feindseligkeiten türkischer Politiker nicht überraschen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Präsident, 2008 haben Sie gemeinsam mit ihrem türkischen Amtskollegen ein Fußballspiel Ihrer beiden Länder besucht. Das galt seinerzeit als Sensation. Bereuen Sie die damalige Einladung des Türken in Ihre Hauptstadt?

Sersch Sargsjan: Nein. Ich bin überzeugt, dass Zusammenarbeit für Türken und Armenier alternativlos ist. Wir wollten die Jahrhunderte währende Feindschaft durchbrechen. Mir war von Anfang an klar, dass dies kein leichter Prozess wird.

SPIEGEL ONLINE: Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat über den Genozid während des Ersten Weltkriegs im SPIEGEL gesagt, von einem "Völkermord an den Armeniern" könne "keine Rede sein". Warum tut sich ihr Nachbar so schwer mit seiner Vergangenheit?

Sargsjan: Herr Erdogan hat auch mal gesagt, Türken seien nicht fähig, einen Völkermord zu begehen, die türkische Geschichte sei "klar wie die Sonne". Die Türken wehren sich dagegen, die Massaker als Völkermord zu klassifizieren. Doch wie groß auch der türkische Widerstand sein mag: Das ist keine Frage, die Ankara zu entscheiden hat.

SPIEGEL ONLINE: Erdogan droht nun sogar mit der Ausweisung Tausender illegal in der Türkei lebender Armenier.

Sargsjan: Solche inakzeptablen Äußerungen rufen in meinem Volk Erinnerungen an den Völkermord wach. Leider überraschen sie mich aus dem Mund eines türkischen Politikers nicht. Wir müssen auch in der Geschichte nicht so weit zurückdenken, um vergleichbare Erklärungen zu finden. 1988 wurden im heutigen Aserbaidschan ähnliche Stimmen laut. In der Folge kam es zu Pogromen in aserbaidschanischen Städten wie Sumgait und Baku, Dutzende Armenier starben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte sich die internationale Gemeinschaft in dieser Frage verhalten?

Sargsjan: Die Welt muss entschlossen reagieren. Amerika, Europa - auch Deutschland - alle Staaten, die in diesen Prozess der türkisch-armenischen Annäherung involviert waren, sollten öffentlich Position beziehen. Hätten alle Länder den Völkermord bereits anerkannt, würden die Türken sich nicht so äußern. Hoffnung macht, dass es auch in der Türkei Proteste vieler junger Menschen gegen diese Tiraden gegeben hat. Dort wächst eine neue Generation heran, deren Meinung die politische Führung berücksichtigen muss.

SPIEGEL ONLINE: Die Türkei wirft Ihnen ebenfalls eine Blockadehaltung vor, Sie verhinderten - so heißt es in Ankara - eine gemeinsame Historiker-Kommission. Warum wenden Sie sich gegen diese Idee?

Sargsjan: Wie könnte eine solche Kommission objektiv arbeiten, wenn in der Türkei gleichzeitig verfolgt und bestraft wird, wer den Begriff Genozid verwendet? Ankara geht es nur darum, Entscheidungen zu verschleppen. Wann immer sich ausländische Parlamente und Regierungen mit der Bitte an die Türkei wenden würden, den Völkermord anzuerkennen, würde es heißen: Wartet erst die Ergebnisse der Kommission ab. Ein solches Gremium zu schaffen würde bedeuten, das Faktum des Genozids an unserem Volk anzuzweifeln. Dazu sind wir nicht bereit. Eine Kommission wäre dann sinnvoll, wenn die Türkei zu ihrer Schuld stehen würde. Dann könnten Wissenschaftler gemeinsam die Ursachen ergründen, die zu dieser Tragödie führten.

SPIEGEL ONLINE: Der Völkermord liegt 95 Jahre zurück, warum ist seine Anerkennung für Armenien heute so bedeutend?

Sargsjan: Es ist eine Frage der historischen Gerechtigkeit und unserer nationalen Sicherheit. Der beste Weg, einer Wiederholung solcher Gräuel vorzubeugen ist, sie klar zu verurteilen.

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Sersch Sargsjan
Sersch Sargsjan, 55, ist seit April 2008 Präsident von Armenien. Der Genozid an seinem Volk war einer der ersten des 20. Jahrhunderts. Die Türkei, auf deren Boden das Verbrechen stattfand, leugnet die Taten der osmanischen Führung bis heute. Auch Deutschland, im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündet, hat den Völkermord bis heute nicht offiziell anerkannt.

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Das christliche Armenien liegt mit seinen 2,5 Millionen Einwohnern wie eingekeilt zwischen der Türkei, Aserbaidschan und Iran. Es ist Russlands letzter Verbündeter im Südkaukasus. Armeniens Grenzen zu Aserbaidschan und der Türkei sind wegen des Konflikts um die 1988 bis 1994 blutig umkämpfte Region Berg-Karabach geschlossen.


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