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Armenier in der Türkei Hilflos unter dem Halbmond

Armenier und Türken: Misstrauische Nachbarn
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REUTERS

2. Teil: Zaghafte Annäherungen nach hundert Jahren Ungemach

Nevzat Bozkus, Bürgermeister der Provinzhauptstadt Kars, sitzt in seinem Büro unter einem Porträt von Staatsgründer Atatürk und schaut durch das Fenster auf die Stadt: Vor tausend Jahren war Kars Zentrum eines armenischen Königreichs, heute ist sie die letzte türkische Stadt vor der Grenze zu Armenien, 50 Kilometer vom Fluss Arpay Cayi entfernt, und eine der ärmsten Provinzen des Landes. Bozkus sagt, als Rathauschef unterstütze er die Grenzöffnung. Doch Bozkus ist auch Mitglied der konservativen AK-Partei von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, und die will sich nicht festlegen.

Im vergangenen Herbst schlossen die Türkei und Armenien einen Friedensvertrag. Sie verpflichteten sich darin erstmals zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Das jahrzehntelange Tabu ist schon früher gefallen: 2005 sprachen Wissenschaftler auf einer Konferenz in Istanbul öffentlich von Völkermord. 2008 sammelten türkische Intellektuelle Unterschriften für eine Kampagne mit dem Titel "Wir entschuldigen uns". Und im vergangenen Jahr reiste Abdullah Gül als erster türkischer Präsident in die armenische Hauptstadt Eriwan zum Fußball-Länderspiel der Türkei gegen Armenien. "All das wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen", sagt der türkische Anwalt und Menschenrechtler Orhan Kemal Cengiz.

Doch der Streit um die Genozid-Resolution im US-Kongress hat den Friedensprozess jäh unterbrochen. Premier Erdogan droht offen damit, illegal in der Türkei lebende Armenier auszuweisen, sollte die armenische Diaspora weiter Druck machen. Eine "inakzeptable" Äußerung, sagte Armeniens Ministerpräsident Sersch Sargsjan im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Messdiener singen auf Alt-Armenisch

In Feriköy in Istanbul feiert die armenische Gemeinde das Osterfest. In dem Stadtteil leben Armenier, Griechen, Juden und Türken. Ein Wohnblock verdeckt die armenische Kirche. Nur ein Schild am Hauseingang verrät: "Ermeni Klisesi". Im Hof verkaufen Frauen Heiligenbilder und Ostereier. In der Kirche riecht es nach Weihrauch. Die goldenen und bläulichen Flammen der Kerzen erzittern leise. Die Messdiener singen ein Lied in Alt-Armenisch. Die Stimmen der Chöre dringen bis auf die Straße.

"Wir haben uns mit der Türkei arrangiert", sagt Ani, ein Gemeindemitglied. Hätte sie die Wahl, sie würde zurück nach Armenien ziehen, in die Heimat ihrer Eltern, oder nach Europa. Aber sie hat Arbeit und Familie in Istanbul. "Das lässt du nicht einfach zurück."

Etwa 65.000 Armenier leben heute noch in der Türkei, die meisten in Istanbul. Es waren einmal mehr als eine Million. Die Armenier versuchen, nicht aufzufallen; anders als die Kurden protestieren sie nicht für ihre Rechte. Nur einmal gingen sie zu Zehntausenden auf die Straße: nach dem Mord an dem armenischen Journalisten Hrant Dink 2007. Türken und Armenier demonstrierten gemeinsam in Istanbul. "Wir sind alle Armenier!", riefen sie. Etyen Mahcupyan, Dinks Nachfolger als Chefredakteur der türkisch-armenischen Wochenzeitung "Agos", sagt, die Bürger seien im Umgang mit der Vergangenheit sehr viel weiter als die Politiker.

Wellblechhütten in den Obstgärten

Im Stadtteil Rumeli Hisari, im Norden Istanbuls, leben Armenier seit 600 Jahren. Sie halfen Sultan Mehmet II. beim Bau der Burg Rumeli. Die Festung diente den Osmanen im Kampf gegen die Byzantiner um Konstantinopel.

Berc Abrahamoglu kam in den fünfziger Jahren nach Rumeli Hisari. Damals wohnten 500 Armenier in dem Stadtteil. Heute sind es nur noch 25. Einwanderer aus dem Osten der Türkei haben die Armenier verdrängt. "Viele der Nachbarn sind ins Ausland gezogen, nach Frankreich und Amerika", sagt Abrahamoglu. Auf den Wiesen und in den Obstgärten der Armenier stehen jetzt die Wellblechhütten der Einwanderer.

Berc Abrahamoglu arbeitet als Küster in der alten armenischen Kirche in Rumeli Hisari. Im Garten wachsen Palmen und Olivenbäume. Der Blick reicht über den Bosporus bis nach Asien. In der Ferne summt Istanbul. Abrahamoglu öffnet die Kirche nur noch selten. Die Gemeinde ist klein. Nur an wenigen Tagen im Jahr feiern die Gläubigen gemeinsam Gottesdienst.

Um den Friedhof der Armenier in Rumeli Hisari sorgt sich längst ein Türke: Mehmet Eryigit. Sein Vater hat als Metzger in Rumeli gearbeitet. Der Sohn zog in das Haus auf dem armenischen Friedhof. Mehmet Eryigit pflegt die Gräber, dafür darf er den Friedhof als Farm nutzen. Er baut Gemüse an, besitzt Kühe und verkauft Honig. "Mein Vater hat sein Handwerk von den Armeniern gelernt", sagt er. "Ich wünschte, die Armenier wären nicht gegangen."

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insgesamt 50 Beiträge
geist2 18.04.2010
Die Überschrift lautet zwar "Hilflos unter dem Halbmond", aber der Artikel schildert nicht weshalb denn nun die Armenier in der Türkei hilflos sind. Es ist lediglich davon die Rede, dass Armenier nicht wie Kurden für [...]
Die Überschrift lautet zwar "Hilflos unter dem Halbmond", aber der Artikel schildert nicht weshalb denn nun die Armenier in der Türkei hilflos sind. Es ist lediglich davon die Rede, dass Armenier nicht wie Kurden für ihre Rechte demonstrieren. Das ist nicht sehr aufschlussreich. Man könnte alles mögliche hinein interpretieren. Beispielsweise dass die Türkei den Armeniern verbietet armenisch zu reden? Oder dass die Türkei den Armeniern ihre Religion verbietet? Oder dürfen Armenier nicht am gesellschaftlichen Leben partizipieren? Verbietet man Armeniern Kinder zu bekommen? Und überspitzt gefragt: Werden Armenier mit einem Armband gekenntzeichnet, das sie stets tragen müssen? Das ist einfach irreführend. Der Artikel beschreibt größtenteils nur die Beziehung zwischen Armenien und Türkei. Und was Armut bzw. Perspektivlosigkeit (in Dörfern) angeht: Davon sind gegenwärtig sehr viele betroffen in der Türkei! Auch Türken. Quantitativ sogar vor allem Türken. Daher finde ich diese Gut-Böse, Opfer-Täter Stilisierung, das die Überschrift andeutet, sehr unangemessen. Vor allem aber unfair.
Jule2005 18.04.2010
Endlich eröffnet der Spiegel einen Thread zu diesem Thema, das vor allem nach der Ausstrahlung von Aghet und der anschließenden Diskussionsrunde auf Phoenix thematisiert werden sollte. Einer Versöhnung zwischen den Armeniern [...]
Endlich eröffnet der Spiegel einen Thread zu diesem Thema, das vor allem nach der Ausstrahlung von Aghet und der anschließenden Diskussionsrunde auf Phoenix thematisiert werden sollte. Einer Versöhnung zwischen den Armeniern und Türken steht die Haltung der Türkei im Weg - eine Haltung, die auch die türkischen Diskussionteilnehmer in der an den Film Aghet anschließenden Diskussion ebenso unter Beweis stellten wie die an ARD und Phoenix von türkischen Zuschauern gesendeten Protest-E-Mails.
therude 18.04.2010
Das war Völkermord an den Armeniern. Auch der Bundestag sollte eine entsprechende Resolution (bspw. wie der US-Senat und die Schweden)verabschieden und so den Türken helfen sich die Schandtan einzugestehen. Verdrängen und billige [...]
Das war Völkermord an den Armeniern. Auch der Bundestag sollte eine entsprechende Resolution (bspw. wie der US-Senat und die Schweden)verabschieden und so den Türken helfen sich die Schandtan einzugestehen. Verdrängen und billige Ausflüchte bringen nichts. Dieser Völkermord muss von den Türken aufgearbeitet werden.
twister34 18.04.2010
... warum denn hilflos? Was haben die Armenier denn in der Türkei nicht an Rechten? Dürfen sie ihre Kinder nicht in die Schule schicken? Dürfen sie ihre eigene Sprache nicht sprechen? Dürfen sie nicht ein Teil der Gesellschaft [...]
... warum denn hilflos? Was haben die Armenier denn in der Türkei nicht an Rechten? Dürfen sie ihre Kinder nicht in die Schule schicken? Dürfen sie ihre eigene Sprache nicht sprechen? Dürfen sie nicht ein Teil der Gesellschaft sein? Die meisten noch in der Türkei lebenden Armenier haben NICHT mal eine Aufenthaltserlaubnis, doch trotz allem dürfen sie arbeiten, am gesellschaflichen Leben ganz normal teilnehmen und ihre Religion ausüben. Genozid hin und her, solange Armenien ihren Staatsarchiv nicht öffnet, werde ich nicht daran glauben. Die türkische Anstalt für Geschichte hat schon längst den Staatsarchiv des osmanischen Reiches geöffnet und alles -auch auf Englisch- auf ihrer Website veröffentlicht. http://www.ttk.org.tr/index.php?Page=Sayfa&No=90
therude 18.04.2010
Delokalisierung? Wie bitte? ..und schlecht organisiert?Systematische Vertreibung und bewußt geplanter VÖLKERMORD, das sind die richtigen Ausdrücke für das, was dort geschehen ist. Im Übrigen könnte der von ihnen verwendete [...]
Zitat von AkbaturEs gab keinen Genozid an den Armeniern. Die Türkei hat ihre Archive gesichtet und es wurden keinerlei Anhaltspunkte für eine planmäßige Vernichtung der Armenier gefunden. Wer etwas anderes behauptet betreibt *anti-türkische* Propaganda. Im Gegenteil: Muslime sind zu Tausenden bestialisch von armenischen Banditen und Terroristen niedergemetzelt worden. Wer gedenkt diesen Menschen? Die Jungtürken mussten daher handeln und haben eine Delokalisierung der armenischen Bevölkerung vorgenommen, was zum Teil zu ihrem eigenen Schutz geschah, da man sie vor Racheakten der Bevölkerung schützen musste. Das dabei auch Menschen zu Tode gekommen sind, bestreitet niemand, aber dies lag hauptsächlich daran, dass die Delokalisierung schlecht organisiert war.
Delokalisierung? Wie bitte? ..und schlecht organisiert?Systematische Vertreibung und bewußt geplanter VÖLKERMORD, das sind die richtigen Ausdrücke für das, was dort geschehen ist. Im Übrigen könnte der von ihnen verwendete Begriff "Delokalisierung" von der Wannsee-Konfernez stammen.
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Armenien
Das christliche Armenien liegt mit seinen 2,5 Millionen Einwohnern wie eingekeilt zwischen der Türkei, Aserbaidschan und Iran. Es ist Russlands letzter Verbündeter im Südkaukasus. Armeniens Grenzen zu Aserbaidschan und der Türkei sind wegen des Konflikts um die 1988 bis 1994 blutig umkämpfte Region Berg-Karabach geschlossen.





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