Armenischer Patriarch in der Türkei: "Die Armenier sind wieder allein"

Er ist das religiöse Oberhaupt der Armenier in der Türkei und hat den ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink beerdigt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Patriarch Mesrob II über die Situation der Armenier in der Türkei, die Frage des Völkermords - und die kommenden türkischen Parlamentswahlen.

SPIEGEL ONLINE: Seine Heiligkeit, Mesrob II, der Mord an dem armenischen Journalisten und Schriftsteller Hrant Dink vor einem halben Jahr hat den Blick der Welt auf die Situation von Minderheiten in der Türkei gelenkt. Wer hat die Armenier nach dem Mord an Hrant Dink in der Türkei unterstützt?

Patriarch Mesrob II: Heute leben ungefähr 80.000 christliche Armenier in der Türkei. Mindestens 100.000 weitere Armenier seien zum Islam konvertiert.
AP

Patriarch Mesrob II: Heute leben ungefähr 80.000 christliche Armenier in der Türkei. Mindestens 100.000 weitere Armenier seien zum Islam konvertiert.

Mesrob II: Die türkische "Partei für Freiheit und Solidarität" (ÖDP) hat die Trauermärsche für Dink organisiert, Hunderttausende bekundeten ihre Solidarität, die Menschen trugen Transparente mit der Aufschrift: "Wir sind alle Hrant Dink, wir sind alle Armenier". Aber diese anfangs demonstrierte Solidarität ist heftig zurückgegangen - die nationale Front ist danach sehr laut geworden und die Armenier sind wieder auf sich alleine gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Gerüchte, dass der Mord an Dink in Drohbriefen sogar angekündigt wurde und die Sicherheitsbehörden nichts unternommen haben, um ihn zu schützen.

Mesrob II: Ja, es gab viele Drohungen gegen Dink und gegen uns, die armenische Gemeinde. Es scheint so zu sein, dass sehr viele Menschen wussten, dass der Mord an Dink passieren würde. Die armenische Gemeinde konnte allerdings nicht mehr tun, als immer wieder Briefe an die Politik zu schreiben und um Schutz und Aufklärung zu bitten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das Gefühl, dass die Aufdeckung des Mordes voran kommt?

Mesrob II: Nein, der Prozess bleibt an der Oberfläche, die wahren Drahtzieher werden offensichtlich geschützt. Ich werde sehr bald nach Ankara reisen. Es ist an der Zeit mit dem Chef der Armee über diese Dinge ein offenes Wort zu sprechen

SPIEGEL ONLINE: Wieso wollen Sie zum Armeechef und nicht zu Ministerpräsident Erdogan reisen?

Mesrob II: Es gibt ja die Vorwürfe, dass die Sicherheitskräfte in den Mord an Hrant Dink verwickelt sind. Ich werde daher dem Armeechef die nötigen Frage stellen: Was raten Sie den Armeniern? Was sollen wir tun?

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Lage für die Armenier nicht beruhigt?

Mesrob II: Die armenische Gemeinschaft in der Türkei geht momentan durch eine sehr schwere Phase. Wir bekommen laufend Briefe, in denen steht: Wir wissen, wo ihr wohnt, wir werden euch umbringen und eure Leichen heraustragen. In den vergangenen Tagen mussten deshalb armenische Schulen evakuiert werden. Wir haben uns deshalb an den Gouverneur von Istanbul gewandt: Er sagte, wir sollten uns private Sicherheitsdienste suchen, die uns schützen. Das kommt uns komisch vor, denn es ist doch die vorrangige Aufgabe des Staates, seine Bürger zu schützen. Anscheinend wächst die Zahl der Menschen, die Minderheiten aus der Türkei vertreiben wollen. Insbesondere viele junge Armenier verlassen deshalb die Türkei - die meisten gehen in die USA, Frankreich oder auch nach Deutschland. Wir wollen nichts gegen die Reisefreiheit tun, aber wir müssen diese Fluchtbewegung stoppen.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das passieren?

Mesrob II: Wir brauchen mehr Toleranz und benötigen dazu dringend die EU - und auf absehbare Zeit den Beitritt der Türkei. Die Armenier sind - wie übrigens alle Minderheiten in der Türkei - von ganzem Herzen für eine Türkei-Mitgliedschaft. Nur so können wir mehr Demokratie bekommen. Und zwar sind viele Radikale in der Türkei sehr jung, sie haben keine Arbeit und keine Zukunft. Aber sie sind nicht repräsentativ für die Mehrheit der jungen Menschen in der Türkei: Die sind häufig gut ausgebildet und die allermeisten sind westlich orientiert. Sie nehmen sich den Westen zum Vorbild und deshalb muss sich Europa auch dieser Wirklichkeit stellen und sehen, welches Potential in diesen Menschen steckt und sie ernst nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Im Ausland wird immer wieder gefordert, dass die türkische Regierung den Mord an den Armeniern als Völkermord bewertet - die armenische Diaspora, vor allem in Frankreich, fordert die Anerkennung des Völkermords durch die türkische Regierung als Voraussetzung, um mit überhaupt mit der türkischen Regierung zu sprechen. Wie beurteilen Sie diese Haltung?

Mesrob II: Diese Taktik wird uns nicht weiter helfen. Natürlich können wir das Blutbad von 1915 nicht verschweigen. Aber wir müssen auch sehen, dass die Armenier Fehler gemacht haben, indem sie 1915 ihre Waffen gegen die osmanische Regierung erhoben haben. Die osmanische Regierung wiederum hat Rache an dem ganzen Volk der Armenier geübt und sie in die syrische Wüste vertrieben, statt nur die bewaffneten Armenier zu bestrafen. Diese schreckliche Zeit darf nicht vergessen werden, aber wir müssen trotzdem nach vorne blicken.

SPIEGEL ONLINE: Aber wäre nicht die Anerkennung des Völkermordes durch die Türkei ein Schritt, der alle Parteien weiter bringen und die Bewältigung der Vergangenheit vereinfachen würde?

Mesrob II: Die Forderung nach der Anerkennung des Völkermords hilft im Moment nicht weiter. Wegen dieser Haltung werden wir von den in der Diaspora lebenden Armenier häufig angegriffen - das Nationale Armenische Komitee in den USA (ANCA) hat uns kürzlich als türkische Kollaborateure beschimpft - ich denke aber, es ist natürlich, dass die Armenier in der Türkei anders denken, als die im Ausland. Die Diaspora-Armenier wollen alles auf einmal, sie leben aber weit entfernt von der türkischen Realität. Statt verbissen um die Anerkennung zu ringen, müssen wir auf den Dialog zwischen Türken und Armeniern und der Türkei und Armenien setzen,

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die Zusammensetzung der türkischen Regierung Einfluss auf die Situation der Armenier hat? Wird ihre Lage besser, wenn die AKP die Wahlen verlieren sollte?

Mesrob II: Um ehrlich zu sein: Wir Armenier ziehen die AKP der Opposition der Republikanischen Volkspartei (CHP) vor. Die AKP ist im Umgang mit Minderheiten gradliniger und weniger nationalistisch. Die Regierung Erdogan hat ein offenes Ohr für uns - bei den nächsten Wahlen wählen wir die AKP.

Interview: Anna Reimann

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