Armut in USA Wenn vom amerikanischen Traum nichts bleibt

Du wirst krank, verlierst deinen Job, und dann geht es ganz schnell: 43 Millionen US-Amerikaner leben in Armut. Der Fotograf Joakim Eskildsen hat Betroffene porträtiert. Viele waren froh, dass jemand ihnen zuhörte.

Joakim Eskildsen

Ein Interview von , Washington


SPIEGEL ONLINE: Herr Eskildsen, in den USA leben 43 Millionen Menschen in Armut. Das ist der niedrigste Stand seit der Rezession, aber es ist immer noch eine monströse Zahl. Sehen Sie eine Chance, sie dauerhaft zu verringern?

Eskildsen: Historisch gesehen haben sich die USA immer als eine Nation verstanden, die auch in der Sozialpolitik eine Vorreiterrolle übernimmt. Aber mit diesem Anspruch geht es seit Jahren steil bergab. Und der aktuelle Wahlkampf ist nur noch verrückt, der blanke Wahnsinn. Themen wie Armut, Syrienkrieg, Umweltzerstörung spielen fast keine Rolle. Es gibt in den USA großartige Bürgerinitiativen mit klugen Ideen für gesellschaftlichen Wandel, aber die entfalten keine Breitenwirkung. Die Medien berichten lieber über die Wahlkampf-Seifenoper, also darüber, ob Hillary Clinton genug Wasser trinkt. Ein Zeichen geistiger Armut, wenn Sie so wollen.

SPIEGEL ONLINE: Wer also soll es in die Hand nehmen?

Zur Person
  • Joakim Eskildsen
    Joakim Eskildsen, geboren 1971 in Kopenhagen, studierte Fotografie in Helsinki und lernte das Buchbinderhandwerk. Zu seinen Veröffentlichungen gehören "The Roma Journeys" und "iChickenMoon". Er hat zwei Kinder und lebt in Berlin.

Eskildsen: Die Probleme liegen auf so vielen verschiedenen Ebenen, die in maximaler Ausbeutung begründet sind. Schäbiger Mindestlohn, unerschwinglich teure Ausbildung, eine Infrastruktur, die mit den wenigen öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu bewältigen ist. Um diese Probleme zu lösen, muss jeder von uns Verantwortung übernehmen und sich einbringen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Amerikas Ärmste fotografiert, Obdachlose vor ihrem Zelt, Indigene, die quasi in ihren Schrottautos leben, junge Leute in speckigen Zimmern in der Bronx. Wie geht man auf Menschen zu, deren elende Lebensumstände man zeigen möchte?

Eskildsen: Meine erste Reise nach Athens im Bundesstaat Georgia habe ich allein gemacht, habe aber gemerkt, dass es so nicht ging. Auf allen anderen Reisen hat mich die Journalistin Natasha del Toro begleitet, sie hat die Texte für das Buch geschrieben. Wir sind viel herumgefahren und haben oft ganz spontan etwas gesehen, was uns beeindruckte. Manchmal haben wir nur zehn Minuten mit den Leuten verbracht, manchmal einen halben Tag. Funktioniert hat dieses Projekt, weil unser Blick auf die Menschen respektvoll war. Für uns ist ein Mensch nicht weniger ein Mensch, nur weil er nichts hat.

SPIEGEL ONLINE: Trotz der Lebensumstände, die Sie zeigen, bleibt die Würde Ihrer Protagonisten immer gewahrt.

Eskildsen: Ich weiß, wie schnell man im Leben in eine Schieflage kommen kann, jeder von uns. Also konnte ich mich gut in diese Menschen hineinversetzen. Und ich wusste vorher genau, was ich erzählen wollte. Ich habe das Thema sehr persönlich genommen, das war nicht einfach eine Auftragsarbeit.

SPIEGEL ONLINE: Waren die Menschen immer nur aufgeschlossen? Oder gab es auch Misstrauen?

Eskildsen: Wenn du zu einer Gruppe gehörst, für die sich keiner interessiert, und dann kommt mal jemand und will deine Geschichte hören - das kann eine riesige Erleichterung sein. Die meisten unserer Protagonisten waren glücklich, dass wir Zeit mit ihnen verbringen wollten.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt Ihr Zugang zu dem Thema?

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Eskildsen: Ich stamme selber aus der Arbeiterschicht und habe mich immer mit den sozial Schwachen identifiziert. Schon in der Schule wurde uns eingeschärft, dass Bildung der Weg zum Erfolg, also zu Wohlstand, ist. Dann habe ich jahrelang ein Projekt über Roma gemacht, was faszinierend war, weil ich gelernt habe, dass sich Erfolg nicht auf Cash reduzieren lässt. Wichtig ist doch: Geht es deiner Familie gut? Wie viel Stress hast du im Leben, wie stark bist du mental? Roma sind oft reich an Dingen, an denen wir arm sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen sehr unterschiedliche Ursachen von Armut in den USA. Was die Menschen gemeinsam haben, selbst die, die über Wohnraum, Fernseher und Auto verfügen, ist, wie schlecht sie sich ernähren müssen.

Eskildsen: In armen Gegenden wie in Fresno in Kalifornien gibt es in Supermärkten kaum frisches Obst und Gemüse, und wenn, ist es unerschwinglich. Also essen die Leute billiges Junkfood, Pizza und Burger. Und sie trinken Cola, keiner trinkt Wasser. Wer sich so ernährt, wird krank. Außerdem scheint vielerorts die Fähigkeit verloren zu gehen, Essen selbst zuzubereiten. Wer kocht sich heute noch eine hochwertige Mahlzeit wie eine Hühnersuppe? Wenn Sie aber alles fertig kaufen müssen, ist das teurer.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben auch, wie Menschen oft genug gezwungen werden, ihre traditionelle Lebensweise aufzugeben, mit schlimmen Folgen.

Eskildsen: Ja, die Fischerfamilien in Louisiana zum Beispiel, die von der BP-Ölkatastrophe betroffen sind. Die Regierung sagt ihnen, dass sie wieder essen können, was sie im Meer fangen, aber in den Fischen finden sie schwarzen Schleim. Also ernähren sie sich von Dosenfraß. Ein großer Konzern wie BP ist leicht davon gekommen, und die kleinen Leute werden jeden Tag bestraft.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihr Buch "American Realities" genannt, weil Sie deutlich machen wollen, dass für große Teile der Gesellschaft der "American Dream" unerreichbar ist. Gibt es trotzdem Grund für Optimismus?

Eskildsen: Ich muss optimistisch sein, allein, weil ich zwei Kinder habe. Ich muss auch daran glauben, dass die Amerikaner nicht Trump zum Präsidenten wählen, denn er bietet nun wirklich keine Lösung für die großen Probleme an. Wissen Sie, in der Roma-Kultur gibt es ein Lied, darin heißt es "Ich hab vom Leben nicht genug, bis der letzte Nagel im Sarg ist". So sollten wir unser Leben angehen. Immer weiterkämpfen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 137 Beiträge
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allessuper 19.09.2016
1. Danke SPIo.
das sind die Nachrichten, die wir lesen wollen. Denn kaum noch jemand folgt der amerikanischen Illusion, des Tellerwäschers und des anything goes. Diese entpuppt sich als die Ruhigstellungsmöhre, die man den Bürgern vor die Nase hält. Es stimmt einfach nicht, dass Aufstieg durch Arbeit und Fleiß möglich wäre. Es reicht nicht einmal mehr, um den Lebensstandard zu halten. Und hier ist es ebenso. Die Wohlhabende Mittelschicht hat so viel Angst vor dem eigenen Abstieg, dass sie sich Augen, Ohren und Nase zuhält, wenn sie aus Versehen mit Armut und Not konfrontiert ist. So viel Verdrängung gab es schon seit langem nicht mehr. Seit wann genau?
Thyphon 19.09.2016
2. Wie sagte Volker Pispers so schön:
"Die USA haben Kapitalismus im Endstadium." Symptome sind eine zunehmend verarmte Bevölkerung, übermächtige Konzerne und Donald Trump...
behemoth1 19.09.2016
3. USA, nichts besonderes
Ein Land wo Milch und Honig fließen, ein Land wo fast alle immer wieder gerne hinschauen und wovon viele träumen, aber die Rückseite, die es schon immer gab, die blendet man zu oft aus, obwohl es jedem klar sein sollte, dass auch dort nicht nur die Sonne scheint, Für mich ist das nichts neues und aufregendes, es sollte allen auch bekannt sein, dass zig Millionen Menschen dort toal arm sind und nur von Almosen leben müssen und dass das Gesundheitswesen auch wie überall sehr viel Geld kostet, wer nichts hat, der darf eben nicht weiterleben, so ist nun mal die hochgelobte amerikanische Gesellschaft.
Fifi2 19.09.2016
4. Weiss alles
Der Däne aus Berlin weiss, wie alle amerikanischen Probleme gelöst werden müssen. Eben diese Jammer- und Klagementalität gefällt niemandem in USA. Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott.
Baal 19.09.2016
5. Wie auf den Fotos deutlich
Zitat von Fifi2Der Däne aus Berlin weiss, wie alle amerikanischen Probleme gelöst werden müssen. Eben diese Jammer- und Klagementalität gefällt niemandem in USA. Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott.
zu erkennen: In den USA hilft Gott nur den Reichen.Das können Sie bedenkenlos glauben. Ein Land mir reichlich Armen, einer dürren Mittelschicht und ein paar "Trumps" nenne ich mal 3. Welt. Nur am Besten bewaffnet.Dafür ist Kohle reichlich da.
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