Neuer Premier Ashraf: Meister der Ausreden regiert Pakistan

Von Hasnain Kazim, Islamabad

Die Atommacht Pakistan hat einen neuen Regierungschef: Raja Pervez Ashraf soll das Land aus der Krise führen. Doch der frühere Energieminister ist mitverantwortlich für massive Stromausfälle, gegen ihn gibt es zudem schon massive Korruptionsvorwürfe.

Ashraf: Korruptionsvorwürfe gegen den neuen Premier Zur Großansicht
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Ashraf: Korruptionsvorwürfe gegen den neuen Premier

Man konnte Wetten abschließen darüber, wer am Freitagabend neuer Premierminister von Pakistan wird. Jetzt steht es fest: Mit deutlicher Mehrheit - 211 von 342 Stimmen - wählte das Parlament in Pakistan Raja Pervez Ashraf, 61, zum neuen Regierungschef. Bis kurz vor der Abstimmung hatten vier weitere Mitbewerber ihr Interesse bekundet, sich ebenfalls um das Amt zu bewerben. Am Ende trat neben Ashraf nur noch ein Kandidat der Opposition an, der 89 Stimmen erhielt.

Pakistan, ein nur an der Oberfläche demokratischer, tatsächlich aber von Militärs, Großgrundbesitzer-, Industriellenfamilien und Stämmen beherrschter Staat, hat turbulente Tage hinter sich. Der Oberste Gerichtshof in Islamabad hatte am Dienstag den bisherigen Regierungschef Yousuf Raza Gilani des Amtes enthoben, weil der sich weigerte, Ermittlungen gegen Staatspräsident Asif Ali Zardari wegen Geldwäsche in der Schweiz anzuschieben. Gilani war bereits Ende April wegen Missachtung des Gerichts verurteilt worden und laut Verfassung deshalb nicht mehr amtsfähig, wie die Richter am Dienstag betonten. Das gesamte Kabinett musste daraufhin gehen.

Doch es kam noch schlimmer: Nach hektischen Verhandlungen mit Vertretern seiner Pakistanischen Volkspartei (PPP) und den Koalitionspartnern setzte Zardari in der Nacht auf Mittwoch als Nachfolger den bisherigen Textilminister Makhdoom Shahabuddin durch. Gegen ihn gab es jedoch Korruptionsvorwürfe: Er soll sich während seiner Zeit als Gesundheitsminister an illegalen Arzneigeschäften bereichert haben - gemeinsam mit Gilanis Sohn. Aber erst nach seiner Nominierung wurde gegen ihn am Mittwoch Haftbefehl erlassen. Shahabuddin war damit innerhalb eines Tages zum chancenreichsten Anwärter und anschließend zum untragbaren Kandidaten auf- und abgestiegen.

Korruptionsvorwürfe gegen Kandidaten

Jetzt musste schnell ein neuer Kandidat her. Am Freitagmittag präsentierte die PPP Ashraf als Nachfolger von Gilani. Sicherheitshalber wurde für den Nachmittag noch eine Probeabstimmung organisiert, bei der er mehr als 200 Stimmen erhielt - seine Wahl galt also als sicher.

Dennoch wurde weiter gewettet. Denn die Angst war groß, dass auch die Wahl Ashrafs noch in letzter Minute scheitern könnte. Denn der ehemalige Wasser- und Energieminister und zuletzt Chef des Ressorts für Informationstechnologie kämpft ebenfalls gegen Korruptionsvorwürfe, vor allem aus den Reihen der Opposition. Unter anderem soll er Schmiergelder für die Vergabe von Energieprojekten erhalten und von dem Geld Immobilien in London gekauft haben. Es geht um "Rental Power", um den Bau von Stromaggregaten durch ausländische Firmen, die Pakistan dann nur noch mieten müsste. Ashraf musste sich wegen der Vorwürfe vor Gericht verantworten, in der Bevölkerung verpasste man ihm den Namen "Raja Rental", wörtlich: "Miet-Raja".

Schwieriger dürfte es ihm fallen, sich aus der Energiekrise herauszureden: In manchen Teilen des Landes gibt es bis zu 22 Stunden am Tag keine Elektrizität - ein Zustand, den auch Ashraf zu verantworten hat. Das Stromnetz ist marode und veraltet, es wird zu wenig in die Stromerzeugung investiert. Derzeit erreichen die Temperaturen im Land bis zu 45 Grad Celsius, die Flüsse trocknen aus, und die Wasserkraftwerke produzieren nicht genügend Strom. Gleichzeitig nutzt eine wachsende Mittelschicht immer häufiger Klimaanlagen, der Energiebedarf steigt.

Parteien verfolgen nur Ziele der Eliten

Kurz vor seiner Wahl zeigten mehrere Nachrichtensender Zusammenschnitte von Reden Ashrafs, in denen er ein Ende der Stromausfälle "bis Dezember" versprach. Die Energiekrise sei "sehr bald gelöst", sagte er immer wieder. Tatsächlich hat sich der Zustand in den vergangenen Jahren verschlechtert und jetzt einen Tiefpunkt erreicht. Täglich demonstrieren Tausende von Menschen wegen des Energiemangels.

Die Wahl zeigt: Die zivile Regierung, die 2008 die zehn Jahre dauernde Militärherrschaft ablöste, ist dysfunktional. Die PPP - wie auch andere Parteien - ist eine Ansammlung von Vertretern reicher, mächtiger Familien, die in erster Linie ihre elitären Interessen, nicht aber die des Volkes verfolgen.

Ashraf, ein Geschäftsmann, stammt aus der südlichen Provinz Sindh, hat seinen Wahlkreis aber in der Provinz Punjab, und zwar in Rawalpindi, wo die Armee ihr Hauptquartier hat. Obwohl nur zweite Wahl, gilt der treue Parteiarbeiter als Freund von Zardari.

Die Kommentare zur Wahl auf den Nachrichten-Websites und in den sozialen Medien waren überwiegend voller Häme. Die Zeitung "Express Tribune" veröffentlichte Bilder von einem Kartenspiel mit den Bildern der Kandidaten, darunter ihre Vermögen und die unterschiedlichen Korruptionsvorwürfe. Ein in London lebender Pakistaner schrieb auf Facebook: "Es gibt keinen Mangel an korrupten Politikern in Pakistan. Dann sollte wenigstens der Meister der Korruption Premierminister werden." Auf Twitter äußerten mehrere die Hoffnung, Ashraf möge das Land "besser regieren, als er die Energieversorgung gemanagt" hat. Andere gaben sich besorgt, er werde "die wenigen Monate, die er im Amt bleibt, nutzen, sich zu bereichern wie noch nie in seinem Leben".

Denn die PPP deutete an, dass noch in diesem Jahr Neuwahlen stattfinden sollten. "Ashraf ist eine zynische Wahl", sagte Raza Rumi, Leiter des politikwissenschaftlichen Jinnah-Instituts in Islamabad. "Ganz offensichtlich hat man nicht den Besten ausgewählt, sondern denjenigen, auf den man schnell verzichten kann." Die Legislaturperiode der Regierung Gilani wäre im Februar 2013 abgelaufen. Spätestens dann muss neu gewählt werden.

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1. Parteien verfolgen nur Ziele der pakistanischen Eliten
rolandjulius 22.06.2012
Welch grausamer Hohn! Was genau tun die deutschen Regierungsparteien?
2.
ks82 15.01.2013
Zitat von sysopDie PPP - wie auch andere Parteien - ist eine Ansammlung von Vertretern reicher, mächtiger Familien, die in erster Linie ihre elitären Interessen, nicht aber die des Volkes verfolgen.
Hey, das ist ja wie bei uns in Deutschland! Da bekommt "Entwicklungsland" doch gleich eine neue Bedeutung: Pakistan entwickelt sich und schmeißt die Leute aus dem Amt...
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  • Freitag, 22.06.2012 – 17:56 Uhr
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Fotostrecke
Pakistan: Aus für Gilani

Fakten über Pakistan
Staatsgründung
REUTERS
Pakistan entstand 1947 aus den überwiegend muslimischen Teilen von Britisch-Indien. Zunächst bestand es aus den beiden Landesteilen West- und Ostpakistan, zwischen denen mehr als 1500 Kilometer Entfernung lagen. Beiden Teilen mangelte es jedoch an einer gemeinsamen nationalen Identität. Nach einem Krieg, bei dem Indien dem Osten half, entstand 1971 als neuer Staat Bangladesch .
Kaschmir-Konflikt
REUTERS
Seit der Staatsgründung führte Pakistan zwei große Kriege mit dem Nachbarn Indien um die Grenzregion Kaschmir , 1947/48 und 1965. Der Fürstenstaat Kaschmir hatte sich zunächst zu Indien zugehörig erklärt. Der islamische Staat Pakistan beanspruchte das überwiegend von Muslimen bewohnte Kaschmir jedoch für sich und gewann die Herrschaft über den westlichen und nördlichen Teil der Region. Doch auch Indien betrachtete Kaschmir als sein Territorium. Die von der Uno 1948 vorgeschlagene und vom indischen Premierminister versprochene Volksabstimmung, in der die kaschmirische Bevölkerung selbst über ihre Zukunft entscheiden sollte, wurde nie durchgeführt.

Seit den achtziger Jahren kämpfen im indischen Teil Kaschmirs muslimische Rebellen für die Unabhängigkeit der Region oder einen Anschluss an Pakistan. 1999 kam es wieder zu größeren militärischen Auseinandersetzungen mit mehreren hundert Toten, und 2001 standen die Atommächte Indien und Pakistan erneut am Rande eines Krieges. 2004 wurde ein Friedensprozess zwischen Neu-Delhi und Islamabad eingeleitet.

Der pakistanische Geheimdienst ISI steht im Verdacht, Kontakte zu islamistischen Terroristen zu pflegen. Indien wirft Pakistan die Unterstützung muslimischer Terroristen vor. Auch hinter der Anschlagserie in Mumbai 2008 vermutet Neu-Delhi islamistische Terroristen aus Pakistan.

Islam
AP
Mit der Verfassung von 1956 wurde Pakistan die erste islamische Republik der Welt. Der Islam ist Staatsreligion, gleichzeitig garantiert die Verfassung jedoch Religionsfreiheit. 96 Prozent der Pakistaner sind Muslime, der Präsident muss ebenfalls Muslim sein. Seit der Staatsgründung haben Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen über die Rolle des Islam im Staatsverständnis die Innenpolitik beherrscht.

Immer wieder gab es auch islamistische Tendenzen. So führte Diktator Zia ul-Haq die Scharia , die islamische Rechtsprechung, ein. 1997 erkannte Pakistan als erster Staat das extremistische Taliban -Regime in Afghanistan an und unterstützte es bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 . Während die Zentralregierung in Islamabad zu einem der wichtigsten Verbündeten der USA im Anti-Terror-Krieg avancierte, erstarkte die islamistische Opposition im Land.

Macht der Taliban
REUTERS
In den Stammesgebieten in der nordwestlichen Provinz an der Grenze zu Afghanistan hat die pakistanische Zentralregierung nur begrenzten Einfluss. Dort herrschen islamistische Extremisten und pakistanische Taliban , die sich teilweise auf die Hilfe der regionalen Stammesführer stützen. Die Enttäuschung über die korrupte staatliche Justiz und Verwaltung erhöhte die Attraktivität des Islamismus in der Bevölkerung.

Verstärkung erhielten die radikalen Islamisten von afghanischen Taliban aus den Reihen von Mullah Omar sowie Qaida -Kämpfern, die aus Afghanistan geflohen sind. Militante betreiben hier in Waziristan auch Ausbildungslager für international operierende Dschihadisten.

Kampf gegen die Extremisten
dpa
Die pakistanische Armee führte ab 2003 wiederholt Militäraktionen im Nordwesten gegen die Taliban - und Quaida -Terroristen durch. Als Reaktion verübten Terroristen verheerende Anschläge in pakistanischen Städten.

Die Amerikaner versuchen, die islamistischen Extremisten in ihren pakistanischen Verstecken mit ferngesteuerten Präzisionsraketen zu treffen. Doch diese Drohnen -Angriffe sind bei der Bevölkerung äußerst unpopulär und treiben die Menschen in die Arme der militanten Islamisten.

Das pakistanische Militär scheute zunächst die ernsthafte Konfrontation mit den Extremisten. Die Armee und der pakistanische Geheimdienst ISI haben diese Gruppierungen zum Teil Anfang der achtziger Jahre selbst aufgebaut, um im Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan mitzumischen, und haben sie später im Kaschmir-Konflikt eingesetzt. Und noch immer betrachten viele Offiziere die Taliban nicht als ihren eigentlichen Gegner – der wahre Feind sei Indien .

Um die Aufständischen in den Stammesgebieten ruhigzustellen, versuchte schon Präsident Pervez Musharraf , Abkommen mit ihnen zu schließen, und versagte. Im April 2009 scheiterte ein Friedensabkommen, das sein Nachfolger, Staatschef Asif Ali Zardari , ausgehandelt hatte: Die Taliban sollten die Waffen niederlegen und im Gegenzug in der Region Malakand, zu der das Swat-Tal und fünf weitere Distrikte gehören, die Scharia anwenden dürfen. Mit Hilfe des islamischen Rechts können sich die Taliban die Bevölkerung legal gefügig machen - wer sich gegen ihre Herrschaft auflehnt, wird geköpft. Statt einer Feuerpause brachten sie vom Swat-Tal aus mehrere Distrikte unter ihre Kontrolle und rückten bedrohlich nahe an die Hauptstadt Islamabad heran, bis die Armee im Frühjahr 2009 eingriff und die Gebiete zurückeroberte. Im Oktober 2009 begann das Militär außerdem einen Krieg gegen die Taliban in der Region Südwaziristan.

Atomwaffen
REUTERS
1985 wurde in Pakistan erstmals Uran angereichert, seit 1998 besitzt das Land nachweislich Atomwaffen : Nur Tage nach indischen Atomtests zündete Pakistan im Mai 1998 in der Nähe der unbewohnten Chagai-Berge erfolgreich Kernwaffen. Die genaue Zahl der atomaren Sprengköpfe ist nicht bekannt, aber es sollen 60 bis 100 sein, die an verschiedenen Stellen im Land gelagert und von rund 10.000 Soldaten bewacht werden.

Damit gehört Pakistan neben den fünf offiziellen Atommächten USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China sowie Indien, Israel und Nordkorea zum Kreis der neun Nuklearmächte, was die Bedeutung des verarmten Landes stark erhöht.

Militärbeobachter befürchten, Nuklearwaffen aus dem pakistanischen Waffenarsenal könnten aufgrund der Instabilität des Landes in die Hände von Extremisten fallen. Diese hätten damit ein Mittel in der Hand, dem Westen ihre Bedingungen zu diktieren. Geschürt wird die Angst vor diesem Horrorszenario dadurch, dass die Taliban in den vergangenen Monaten ihre Basis in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan ausgebaut haben. Im April 2010 rückten sie bis auf 100 Kilometer Entfernung auf die Hauptstadt Islamabad vor, bevor sie vom pakistanischen Militär zurückgedrängt wurden.

Fläche: 796.000 km²

Bevölkerung: 184,753 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Asif Ali Zardari

Regierungschef: Nawaz Sharif (designiert)

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