Assad in Bedrängnis Syrien droht Gewaltexzess im Fastenmonat Ramadan

Bald beginnt der Ramadan, Beobachter rechnen mit einer Zunahme der Gewalt, der Krieg in Syrien könnte sich entscheiden. Präsident Assad gerät immer stärker unter Druck. Doch die Rebellen lehnen einen Kompromiss ab.

AFP/ SANA

Damaskus - Es sieht nicht gut aus für Syriens Präsidenten Baschar al-Assad. Obwohl die syrische Armee bei ihrer Jagd auf Rebellenkämpfer teils zu brutalen Mitteln greift, wächst der Widerstand im Land. Am Wochenende kam es in der Hauptstadt Damaskus zu den bisher heftigsten Gefechten. Auch am Montagmorgen brachen dort erneut Kämpfe aus. Der Bürgerkrieg habe sich ausgeweitet, sagte das Internationale Rote Kreuz (ICRC) am Montag. Noch sei aber nicht das ganze Land davon erfasst. Das ICRC korrigierte damit eine Presseerklärung vom Sonntag, in der es hieß, das Land sei inzwischen im Bürgerkrieg.

Möglicherweise sieht sich Assad inzwischen selbst in Bedrängnis. Der Syrien-Sondergesandte Kofi Annan plauderte aus, dass sich Präsident Assad während Annans Besuch in Damaskus genötigt gesehen habe, die Möglichkeit einer Übergangsregierung für Syrien zu diskutieren. Er soll dabei bereits den Namen eines möglichen Unterhändlers zwischen dem Regime und der Opposition erwähnt haben, sagte Annan. Der Sondergesandte verriet jedoch nicht, um wen es sich dabei handeln sollte.

Mit diesem Kompromissangebot hat Assad sich seine bislang offensichtlichste Blöße gegeben: Die Dinge können nicht gut für ihn stehen, wenn er versucht zu verhandeln. Von seinem Vater Hafes hat er eingebläut bekommen, unter keinen Umständen Schwäche zu zeigen.

Wer in diesen Tagen alle Signale sammelt und auswertet, muss zu dem Schluss kommen, dass Assad tatsächlich mit dem Rücken zur Wand steht. Am Freitag beginnt auch noch der heilige Fastenmonat Ramadan, für den Beobachter wie im vergangenen Jahr mit einem weiteren Anschwellen der Gewalt rechnen - und mit einem neuen Motivationsschub für die größtenteils sunnitischen Aufständischen.

Assad hat wichtige Verbündete verloren

Bislang hatte Assad die Bevölkerung seines Landes mit seinem Netz von Allianzen in Schach gehalten. Dieses Netz aber ist in Auflösung begriffen. Mehrere seiner Verbündeten haben ihm die Gefolgschaft aufgekündigt:

  • Die Stämme im Süden des Landes haben sich bereits mit Beginn der Aufstände in Deraa im März 2011 losgesagt.
  • Die Stämme im Osten des Landes haben dem Regime seit Sommer 2011 ihren Rückhalt entzogen. Mit Nawaf al-Fares, dem Ex-Botschafter im Irak, hat nun auch ein prominentes Stammesmitglied offiziell die Seiten gewechselt.
  • Auch Teile der sunnitischen Wirtschaftselite in Damaskus haben dem Regime inzwischen den Rücken gekehrt. Seit Ende Mai 2012 zeigt sich ihre Opposition alle paar Tage, wenn während immer größerer Proteste und Streiks Geschäfte und Betriebe geschlossen bleiben.
  • Die jungen Sunniten, die als Wehrdienstpflichtige das Gros der syrischen Armee stellen, hat das Regime längst verloren. Seit Frühjahr 2012 haben die Berichte über Fahnenflüchtige drastisch angenommen. Schon damals ging das türkische Außenministerium von mehr als 60.000 Deserteuren aus - bei einer Gesamt-Armeestärke von 295.000 Mann.
  • Im Juli hat sich auch Manaf Tlass, ein General der Sondereinheit des Militärs, nach Paris abgesetzt. Er war einer der letzten Sunniten in den oberen Reihen des Sicherheitsapparats. Assad kann sich nur noch auf die alawitischen und christlichen Chefs im Geheimdienst und Militär verlassen. Von ihnen ist bisher kein hochrangiger Vertreter desertiert.

Zwar ist das Regime den Rebellen militärisch nach wie vor überlegen. Doch andererseits sind ganze Landstriche längst in Rebellenhand. Selbst Teile von Damaskus kontrolliert Assad nicht mehr.

Das Regime scheint sich inzwischen darauf zu konzentrieren, an seinen Stammesgebieten festzuhalten - dem Machtzentrum in Damaskus und an der Küstenregion, wo viele Alawiten aber auch Christen leben. Die brutalsten Kämpfe toben am östlichen Rand dieses Gebiets, um Hama und Homs.

"Die Armee ist derzeit nicht in der Lage zu gewinnen. Aber die Rebellen können sich genauso wenig durchsetzen", sagt Nicholas Nassif, Journalist und Syrien-Experte in der libanesischen Hauptstadt Beirut SPIEGEL ONLINE. "Es wird für lange Zeit Chaos herrschen."

Eine politische Lösung scheint ausgeschlossen

Die Rebellen haben die Idee einer Übergangsregierung mit einem Mann des alten Regimes an der Spitze weit von sich gewiesen. Sie könnten ihren Anhängern nie vermitteln, warum sie einen Pakt mit dem Teufel eingehen sollten, sagt Nassif. "Für uns kann es keine politische Lösung geben", sagt auch Ahmed, ein junger Sunnit aus Damaskus SPIEGEL ONLINE. "Man kann nicht mit jemandem verhandeln, der bereit ist, für seine Sache zu sterben - und das gilt für beide Seiten."

Für eine politische Lösung sei es zu spät, seien zu viele Menschen gestorben, sagt Syrien-Experte Nassif. "Die Rebellen haben keine andere Wahl, als das Regime zu stürzen." Eine echte Chance, sich militärisch durchzusetzen, hätte die Freie Syrische Armee jedoch nur, wenn das Ausland eingreifen und zumindest eine Pufferzone einrichten würde. Das jedoch wird so schnell nicht passieren, und so spielen die Rebellen auf Zeit. Sie nehmen ein Dorf ein, besetzen es, ziehen sich - wo nötig - aber auch wieder zurück. Und während die Kämpfer das Regime mit diesem Katz-und-Maus-Spiel auf Trab halten, zerbröselt das Fundament des Regimes in Damaskus - so kalkulieren jedenfalls die Oppositionellen.

Für die Alawiten, zu denen Assad und viele Mitglieder des Sicherheitsapparats gehören, ist Neutralität keine Option. Kippt der Präsident, könnte es für sie alle gefährlich werden. Schon jetzt gibt es immer wieder Berichte, dass Aufständische Zivilisten angegriffen haben, nur weil sie der alawitischen Konfession angehörten. Gewissermaßen befinden sich die Alawiten in Geiselhaft des Regimes. Darum kämpfen in den Dörfern um Hama und Homs teils alawitische Milizen mit aller Brutalität für Assad.

Die Aufständischen haben den Faktor Zeit auf ihrer Seite

Die Zeit spielt gegen Assad. Die Eliteeinheit seiner Armee muss immer größere Verluste einstecken. Darunter dürfte auch ihre Moral leiden. Gleichzeitig wächst die Schlagkraft der Aufständischen. Ein Bericht des Washingtoner "Institute for the Study of War" ging im Mai davon aus, dass die Opposition bereits 40.000 bewaffnete Kämpfer zählte. Auch scheint sie über immer bessere Waffen zu verfügen. Katar und Saudi-Arabien scheinen ihr Versprechen wahr gemacht zu haben, sie mit diskreten Lieferungen oder zumindest Geldgeschenken zu unterstützen.

Mittelfristig könnten noch weitere Wohltäter hinzukommen. Syrien-Experte Thomas Pierret von der Universität Edinburgh sagt: "Je stärker die Opposition wird, desto mehr Unterstützung wird sie von außen bekommen." In dem Moment, in dem sich klar abzeichnet, dass das Assad-Regime am Ende ist, dürfte Syriens Opposition mit einem Schlag viele neue Freunde haben.

Für den Syrien-Experten Nassif ist die Eskalation der Gewalt eine logische Folge des blutigen Stillstands, der in Syrien herrscht: "Die einzige Möglichkeit, die Schlacht zu beenden, ist, mehr Gewalt als bisher anzuwenden."

Dem Land steht ein blutiger Fastenmonat bevor.

insgesamt 122 Beiträge
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Seite 1
benutzer10 16.07.2012
1. Und ewig grüßt ...
Zitat von sysopAFP/ SANABald beginnt der Fastenmonat Ramadan - das könnte den Krieg in Syrien entscheiden. Präsident Baschar al-Assad gerät immer stärker unter Druck. Doch die Rebellen lehnen einen Kompromiss ab. Sie wissen, dass die Zeit für sie arbeitet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844213,00.html
Nun ja, wer seinen Verstand noch nicht komplett bei der CIA in Verwahrung gegeben hat, der weiß, dass Assad seit Monaten Verhandlungsangebote macht, die jedoch von den sogenannten "Rebellen", also den vom Ausland unterstützen Deseteuren, Söldnern, usw., immer zurückgewiesen wurden, da diese auf einem vorab festgelegten Rücktritt Assads bestehen. Und das entlarvt das einzige Ziel dieser gegen das syrische Volk gerichteten "Revolution". So etwas gab es übrigens in Libyen schonmal. Auch damals wäre die "Koalition der Willigen" völkerrechtlich verpflichtet gewesen, auf Waffenstillstandsangebote Gaddafis einzugehen. Who cares? Wo kein Kläger, da kein Richter.
deus-Lo-vult 16.07.2012
2. ...
Zitat von sysopAFP/ SANABald beginnt der Fastenmonat Ramadan - das könnte den Krieg in Syrien entscheiden. Präsident Baschar al-Assad gerät immer stärker unter Druck. Doch die Rebellen lehnen einen Kompromiss ab. Sie wissen, dass die Zeit für sie arbeitet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844213,00.html
Den Ramadan wird weder Assad noch die Gegenseite interessieren! Wenn eine Seite die Angriffe aussetzt, wird die andere Seite dies nutzen.
deus-Lo-vult 16.07.2012
3. ...
Zitat von benutzer10Nun ja, wer seinen Verstand noch nicht komplett bei der CIA in Verwahrung gegeben hat, der weiß, dass Assad seit Monaten Verhandlungsangebote macht, die jedoch von den sogenannten "Rebellen", also den vom Ausland unterstützen Deseteuren, Söldnern, usw., immer zurückgewiesen wurden, da diese auf einem vorab festgelegten Rücktritt Assads bestehen. Und das entlarvt das einzige Ziel dieser gegen das syrische Volk gerichteten "Revolution". So etwas gab es übrigens in Libyen schonmal. Auch damals wäre die "Koalition der Willigen" völkerrechtlich verpflichtet gewesen, auf Waffenstillstandsangebote Gaddafis einzugehen. Who cares? Wo kein Kläger, da kein Richter.
Dann gehen Sie doch mit gutem Beispiel voran und klagen! In einem Forum große Reden schwingen kann jeder!
keppler 16.07.2012
4. Sagen
Zitat von benutzer10Nun ja, wer seinen Verstand noch nicht komplett bei der CIA in Verwahrung gegeben hat, der weiß, dass Assad seit Monaten Verhandlungsangebote macht, die jedoch von den sogenannten "Rebellen", also den vom Ausland unterstützen Deseteuren, Söldnern, usw., immer zurückgewiesen wurden, da diese auf einem vorab festgelegten Rücktritt Assads bestehen. Und das entlarvt das einzige Ziel dieser gegen das syrische Volk gerichteten "Revolution". So etwas gab es übrigens in Libyen schonmal. Auch damals wäre die "Koalition der Willigen" völkerrechtlich verpflichtet gewesen, auf Waffenstillstandsangebote Gaddafis einzugehen. Who cares? Wo kein Kläger, da kein Richter.
Sie mal, wer bezahlt Sie für Ihre Postings?
radeberger78 16.07.2012
5. Wenn man den Artikel liest,
Zitat von sysopAFP/ SANABald beginnt der Fastenmonat Ramadan - das könnte den Krieg in Syrien entscheiden. Präsident Baschar al-Assad gerät immer stärker unter Druck. Doch die Rebellen lehnen einen Kompromiss ab. Sie wissen, dass die Zeit für sie arbeitet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844213,00.html
könnte man denken Assad ist bereits im russischen Exil ist. Keiner hält mehr zu ihm ... 60000 Desertierte ein Viertel der Armee .... das ist schon eine Hausnummer. Aber irgendwie passt das nicht zu den marodierenden Räuberbanden die Dörfer überfallen.
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