Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Assad-Rede: Der Schlächter will sich reinwaschen

Von Yassin Musharbash

Gaddafi drohte offen mit Mord, Mubarak bot einen langsamen Rückzug an - doch Syriens bedrängter Präsident Assad erprobt eine andere Taktik und verdreht einfach die Realität: In einer TV-Ansprache stellt er sein Regime als Opfer dar, die Opposition bestehe aus Terroristen.

Berlin/Damaskus - Nach Monaten in der Versenkung äußerte sich Syriens Präsident Baschar al-Assad am Dienstag erstmals wieder öffentlich - und er tat es ausgiebig: 105 Minuten dauerte seine Rede an der Universität von Damaskus, und das handverlesene Publikum applaudierte wie bestellt. Das Thema der Rede waren die "bedauerlichen Vorkommnissen der letzten zehn Monate". Diese schönfärberische Formulierung gleich zu Beginn gab den Tenor vor: Assad negierte schlicht und einfach, dass es einen Aufstand gegen ihn gibt.

Für ihn stellt sich die Angelegenheit vielmehr so dar: Da steht auf der einen Seite ein weiser und ansprechbarer Herrscher - und auf der anderen vom Ausland gesteuerte Mörderbanden. Diese Interpretation gipfelte in dem Satz, dass sich in Syrien derzeit "Reformer und Terroristen" gegenüberstünden - und dass er gedenke, letztere mit "eiserner Faust" zu bekriegen.

Wobei es, wie Assad beteuerte, natürlich keinen Schießbefehl seiner Armee und Sicherheitsdienste gebe. Das hat wiederum den Vorteil, dass es die von der Uno auf mindestens 5000 geschätzten getöteten Zivilisten auch nicht geben kann. Solcherlei Behauptungen sind für Assad nur Teil der Verschwörung, der Syrien ausgesetzt ist. Das Ausland und die Medien machten dabei gemeinsame Sache.

Natürlich ist all das hanebüchen. Und natürlich kann es kaum verwundern, dass ein Gewaltherrscher und Schlächter wie Baschar al-Assad lügt. Wenn einen dabei überhaupt etwas erstaunen kann, dann ist es höchstens das Ausmaß und die Vollständigkeit seiner Umdeutung der Realität.

Selbstironische Witzchen - und totale Härte

Zugleich aber wählte Assad einen anderen Ton, als es Libyens Despot Muammar al-Gaddafi oder Ägyptens Ewig-Präsident Husni Mubarak in ihren letzten Ansprachen taten. Beiden war anzumerken, dass sie ahnten, wie sehr sie unter Druck standen, dass es so nicht mehr lange gut gehen würde. Gaddafi drohte in vergleichbarer Situation unverhohlen mit Massenmord an den Aufständischen. Mubarak listete seine Verdienste auf und bettelte um einen würdevollen Abgang, bei dem er Dramaturgie und Tempo selbst bestimmen wollte.

Es ist unklar, ob Assad seine Rede deshalb so gehalten hat, weil er meint, eine Lehre aus dem Verhalten seiner gestürzten Amtskollegen gezogen zu haben: Wer sich den Druck anmerken lässt, stachelt seine Gegner nur weiter an. Aber sicher ist, dass Assad zumindest ein Auftritt gelungen ist, der den Druck nicht erkennen lässt. Er streute, wie schon bei seiner Ansprache im Frühjahr 2011, sogar kleine selbstironische Witze ein: Wenn er am Rednerpult Wasser trinke, heiße es ja gleich, der Präsident sei nervös!

Es ist schwierig, aus dieser Vorstellung Schlüsse zu ziehen. Ist Assad nur ein guter Schauspieler, oder glaubt er wirklich, dass er und seine Clique noch eine Chance haben? Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte - und bedeutet dann wohl zugleich, dass Assad tatsächlich vor hat, sich an die Macht zu krallen. Dass also Gerüchte, er bereite schon seine Ausreise nach Russland vor, vermutlich substanzlos sind. Den Aufstand dürfte das in die Länge ziehen, genauso wie es die Aussichten auf eine leidlich friedliche Lösung verschlechtert.

"Wie eine Mutter"

Im Kern sprach Assad indes natürlich zu seinem eigenen Volk. Er stellte sich selbst erneut als den wahren Reformer dar, der von den Aufständischen (beziehungsweise "Terroristen") daran gehindert wird, Syrien zu einer wirtschaftlich prosperierenden Demokratie zu formen. Der Aufstand wird so rhetorisch zu einer Art Betriebsunfall, zu einer Episode kleingeredet - zu einer der Herausforderungen jener Art eben, die Syrien seit Jahrzehnten von außen aufgedrängt werden und noch jedes Mal bewältigt wurden.

Angesichts von Hunderttausenden auf den Straßen wirkt das freilich, als würde da jemand vorschlagen, auf der "Titanic" noch die Fenster zu putzen. Aber es gibt auch viele Syrer, die nicht Teil des Aufstands sind, die wirklich Angst vor einem Bürgerkrieg, einem Auseinanderbrechen des Landes und dem Verlust der Protektion durch das Regime haben - an sie wandte sich Assad, als er die Einheit beschwor und die Freiheit, doch alles zu sagen, solange man sich an die Regeln halte. Er bot Aufständischen sogar eine Amnestie an: Der Staat sei "wie eine Mutter, mit immer geöffneten Armen".

Die Opposition hat für Assad keinerlei legitime Forderungen

Geschickt spielte Assad dabei eine Karte, die schon sein Vater gerne einsetzte: Von anderen lassen wir uns gar nichts sagen! Die Arabische Liga, deren Beobachter sich derzeit in Syrien aufhalten, verstehe doch selbst nichts von Demokratie, erklärte Assad. Und nicht etwa Israel drohe die Liga mit Sanktionen, sondern Syrien - dem einzigen echten Gegner Israels!

Zwei Kernsätze in seiner Rede verbanden diese beiden Motive miteinander - und beide bedeuten, dass die Aussichten in Syrien sich verschlechtern werden.

  • Zum einen sagte Assad, dass "Reformen die Terroristen nicht stoppen werden": Damit sprach er den Aufständischen jede Form von Legitimität ab - sie sind Feinde, ihre Forderungen sind uninteressant, sie sind auszuschalten.
  • In der zweiten Bemerkung erklärte er, dass das Ausland (womit er die Unterstützer der Opposition meinte) Syrien schwach halten wolle - weil aber Reformen Syrien stark machen würden, helfen sie jenen (also der Opposition), die seine, Assads, Reformpläne unmöglich machten.

In der Summe bedeutet das: Ich hätte ja gerne das Land reformiert, aber ich kann das leider nicht mehr tun, denn ich muss jetzt Krieg gegen Terroristen führen. Der Schlächter versucht sich reinzuwaschen - vom Blut der bisher Getöteten ebenso wie von dem derjenigen, die noch folgen werden.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 56 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Was soll Assad tun?
KonsulOtto 10.01.2012
Zitat von sysopGaddafi drohte offen mit Mord, Mubarak bot einen langsamen Rückzug an - doch Syriens bedrängter Präsident Assad erprobt eine andere Taktik und verdreht einfach die Realität: In einer TV-Ansprache*stellt er sein Regime als Opfer dar, die Opposition bestehe aus Terroristen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,808283,00.html
Nun, Gaddafi wurde gepfählt; Mubarak wird wahrscheinlich vom neuen, islamistischen Regime zum Tode verurteilt (Steinigung? Dann bleibt ihm wenigstens der Pfahl erspart). Was würden Sie an Assads stelle tun? Er kann nur hoffen, den wütenden Mob durch Gewalt zu bezwingen. Alles andere wäre Selbstmord.
2.
bpaf11 10.01.2012
Zitat von sysopGaddafi drohte offen mit Mord, Mubarak bot einen langsamen Rückzug an - doch Syriens bedrängter Präsident Assad erprobt eine andere Taktik und verdreht einfach die Realität: In einer TV-Ansprache*stellt er sein Regime als Opfer dar, die Opposition bestehe aus Terroristen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,808283,00.html
Der Spiegel wird immer propagandist. Die Wahrheit zu verdrehen und Propaganda zu verbreiten, scheint die Hauptaufgabe der Spiegel in dieser Krieg gegen Syrien. Mach bitte weiterso, bald seid ihr noch weniger Wert als die Bild-Zeitung.
3. Namen
caecilia_metella 10.01.2012
"In der Summe bedeutet das: Ich hätte ja gerne das Land reformiert, aber ich kann das leider nicht mehr tun, denn ich muss jetzt Krieg gegen Terroristen führen. Der Schlächter versucht sich reinzuwaschen - vom Blut der bisher Getöteten ebenso wie von dem derjenigen, die noch folgen werden." Bei aller Wut, die den Schreiber bewegen mag: Ein Schlächter ist wohl jemand, der Tiere schlachtet.
4.
peddersen 10.01.2012
Zitat von sysopGaddafi drohte offen mit Mord, Mubarak bot einen langsamen Rückzug an - doch Syriens bedrängter Präsident Assad erprobt eine andere Taktik und verdreht einfach die Realität: In einer TV-Ansprache*stellt er sein Regime als Opfer dar, die Opposition bestehe aus Terroristen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,808283,00.html
Tja, und wenn er nun recht hätte? Ich bezweifle, ob ich das von hier beurteilen kann. Wenn ich mir aber z.B. in der Lybiensache die Unterschiede zwischen hiesiger Berichterstattung/Meinungsmache/Propaganda und den sich später herausstellenden Ereignissen anschaue, glaube ich eh nichts mehr. Außer daß hier nach Belieben irgendwelche Aktionisten absägen, wen sie auch immer meinen absägen zu müssen und Friede und Freiheit als Deckmäntelchen nehmen. Und so dem betroffenene Volk einen Bärendienst erweisen.
5. Lügner
uspae2006 10.01.2012
Zitat von sysopGaddafi drohte offen mit Mord, Mubarak bot einen langsamen Rückzug an - doch Syriens bedrängter Präsident Assad erprobt eine andere Taktik und verdreht einfach die Realität: In einer TV-Ansprache*stellt er sein Regime als Opfer dar, die Opposition bestehe aus Terroristen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,808283,00.html
Der Westen kommt mit seiner Subversionspolitik nicht weiter und verschärft die Themen. Einfach traurig und schlimm. Die Schlächter sitzen bei unseren besten Freunden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Syrien-Reiseseite


Fotostrecke
Kampf um Syrien: Jagd auf die Deserteure

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: