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Shabiha-Milizen in Syrien: Assads grausame Geister

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Einst verdingten sie sich als Schmuggler und Erpresser, jetzt sind sie Schergen des Assad-Regimes: Die Milizen der Shabiha, benannt nach dem arabischen Wort für "Geist", verbreiten Angst und Schrecken. Sie morden, foltern, brandschatzen - so schildern es Aktivisten. Wer sind die gefürchteten Kämpfer?

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Einsatz der Schlägertrupps in Damaskus: Im Auftrag des Regimes

Kaum ein Wort sprechen syrische Widerstandskämpfer, Flüchtlinge, Oppositionelle mit so viel Zorn aus wie dieses: "Shabiha". Verwundete in Krankenhäusern an der syrischen Grenze erzählen, die Shabiha schieße gezielt auf Zivilisten. Menschenrechtler und Aktivisten berichten, die Shabiha massakriere selbst Kinder, vergewaltige Frauen, foltere jeden, der im Verdacht steht, Assad-Gegner zu unterstützen.

Wenn Berichte besonders brutaler Gräultaten aus Syrien kommen, wie etwa am Montag aus Homs, dann spielt meist die Shabiha darin eine Rolle - bewaffnete Milizen, die zwar nicht offiziell zu den Truppen des Regimes gehören, aber bezahlt werden dafür, den Aufstand gegen Baschar al-Assad brutal niederzuschlagen. Sie operieren oft hinter der Front: Sobald Assads Truppen ein Dorf oder ein Stadtviertel eingenommen haben, ziehen die Shabiha-Milizen hindurch, morden, plündern, foltern. Sie setzen Häuser in Flammen und verwüsten Geschäfte. Sie sollen jene Soldaten hinrichten, die sich weigern, auf die eigenen Bürger zu schießen. So erzählen es Aktivisten und Syrien-Kenner.

"Shabah" ist das arabische Wort für Geist oder Gespenst, und es ist der Spitzname für die S-Klasse von Mercedes in Syrien. Mit der Ableitung Shabiha hat beides zu tun: Zum einen sind die Milizen unantastbar und schweben wie Geister über dem Gesetz, zum anderen fahren ihre Anführer und wichtigen Kämpfer angeblich schwarz lackierte, teure Limousinen, in denen sonst allenfalls Politiker chauffiert werden.

Wie eine Verbrecherbande sich zur Machtreserve wandelte

Ihre Wurzeln reichen zurück in die neunziger Jahre, ihr Ursprung liegt in der Gegend von Latakia an der Mittelmeerküste. Damals war die Shabiha eine lose mafiöse Truppe, die mit Erpressung, Schmuggel, Drogenhandel, Auftragsmorden und Korruption ihr Geld verdiente. Wie groß der Einfluss der Sicherheitskräfte auf die Shabiha ist, lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Doch seit jeher werden den bewaffneten Banden enge Verbindungen zum Assad-Clan nachgesagt, auch wenn die Führungsstruktur unklar ist. Zu den wichtigsten Funktionären sollen zwei Cousins des Diktators zählen: Fawas al-Assad und Munshir al-Assad. Beide dürfen auch deshalb seit einem Jahr nicht mehr in die EU einreisen.

Fast ausschließlich rekrutieren sich die Geister-Milizen aus Alawiten. Die Bevölkerungsgruppe ist zwar in der Minderheit, herrscht aber über das Land: Assad und sein Clan sind Alawiten, ebenso die Machtclique im Sicherheitsapparat. Es heißt, Baschar al-Assad habe bei seinem Amtsantritt erfolglos versucht, den Einfluss der Shabiha einzudämmen - es ist mittlerweile zwar fast vergessen, aber nach dem Tod seines Vaters galt der neue Herrscher vielen als Hoffnungsträger, vor allem im Ausland. Bei der Verteidigung seiner Macht setzt er jedoch mittlerweile selbst auf die brutalen Söldner.

Outsourcing der Unterdrückung

Es ist eine perfide Strategie, die sich auch in anderen Ländern des Arabischen Frühlings beobachten ließ: Die Regime heuern unter der Hand Söldner an, um Oppositionelle niederprügeln oder gleich niederschießen zu lassen. Sich selbst stellen die Herrscher dann als Garanten der Stabilität dar, die als Einzige die Sicherheit im Land garantieren können. In Ägypten etwa hetzte Mubarak die sogenannten Baltagiya auf Demonstranten, Schlägertruppen wie die Shabiha.

Doch der gezielte Einsatz der Shabiha in Syrien hat eine bislang ungekannte Dimension. Wie viele Kämpfer und Freischärler auf Seiten der Geister-Milizen kämpfen, lässt sich kaum sagen; die "New York Times" schreibt von Zehntausenden. Exil-Syrer und Aktivisten erzählen, Beamte und Angestellte würden tageweise zwangsverpflichtet. Ein übergelaufener Offizier berichtet, Kriminelle seien aus dem Gefängnis entlassen worden, um in den Reihen der Milizen gegen Demonstranten zu kämpfen.

Die Geister-Kämpfer, deren Einfluss Assad einst zurückdrängen wollte, sind so über die Jahre zu seiner wichtigsten Reserve geworden. Denn auf seine regulären Truppen kann sich das Regime immer weniger stützen, viele Soldaten laufen zu den Widerstandskämpfern der "Freien Syrischen Armee" über. Und die ihm ergebenen Spezialeinheiten unter dem Kommando seines Bruders Maher braucht Assad, um Hochburgen der Opposition zu attackieren. Die Shabiha wiederum ist überall einsetzbar, gefürchtet und loyal, jedenfalls solange das Geld stimmt. Allerdings reicht ihre Treue tatsächlich nur so weit wie die Bezahlung: Aufständische berichten, dass sie ihre Waffen teilweise ebenfalls bei der Shabiha kaufen.

Doch den Zorn der Widerstandskämpfer auf die Shabiha lassen auch diese gelegentlichen Deals nicht abkühlen. Der "Guardian" berichtet, die "Freie Syrische Armee" kenne bei den Geister-Kämpfern keine Gnade. Wenn sie solche Söldner gefangen nehme, würden sie hingerichtet: "Das ist das übliche Verfahren mit Shabiha-Leuten", zitiert das Blatt einen Widerstandskämpfer.

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insgesamt 94 Beiträge
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1. Grausam
homerlein 13.03.2012
Man muss sich nur vorstellen was solche Milizen imstande sind. Wenn hier über Moral und Gerechtigkeit der Westen, über Risiken und rechtliche Aspekte bei eine Militäraktion diskutiert wird, vergessen viele um welche Art von Menschen es sich dabei handelt.
2. Warnhinweise
HJK42 13.03.2012
Zitat von sysopAPEinst verdingten sie sich als Erpresser, jetzt sind sie Schergen des Assad-Regimes: Die Milizen der Shabiha, benannt nach dem arabischen Wort für "Geist", verbreiten Angst und Schrecken in Syrien. Sie morden, foltern, brandschatzen - so schildern es Aktivisten. Wer sind die gefürchteten Kämpfer? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820984,00.html
Irgendwie fehlen mir bei diesen Artikeln die eindeutigen Warnhinweise, die lesebegleitend hinzugefügt werden sollten. Zum Beispiel am Anfang eine kleine Vorstellung des Autors des Artikels. Beispielsweise: "Hallo, mein Name ist O. T. Sie kennen mich von Artikeln wie "Floskeln für Fortgeschrittene" oder "Willkommen in Phrase zwei"; Artikeln, die witzig gemeint, aber nicht gekonnt und weder informativ, noch interessant waren. Daher habe ich jetzt das Metier zu propagandistischen Horrormeldungen gewechselt, die schaurig gemeint sind, aber nach wie vir nicht gekonnt, wenig informativ und noch weniger interessant sind." Und ich habe noch eine abschließende Frage: Bleibt dieser Stil Marke "Bild" jetzt für immer das prägende Merkmal von SPON oder wird das auch nochmal besser?
3. Frage
naabaya 13.03.2012
Zitat von sysopAPEinst verdingten sie sich als Erpresser, jetzt sind sie Schergen des Assad-Regimes: Die Milizen der Shabiha, benannt nach dem arabischen Wort für "Geist", verbreiten Angst und Schrecken in Syrien. Sie morden, foltern, brandschatzen - so schildern es Aktivisten. Wer sind die gefürchteten Kämpfer? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820984,00.html
Einfache Frage: Was gewinnt Assad durch den Einsatz dieser Leute? Er bringt doch nur die Bevölkerung gegen sich auf! Also die alte Frage: cui bono! Übrigens: Diese Methode funktionierte in Ex-Jugoalavien etc. bereits sehr gut. nennt man agent provocateur!
4. Titel
Ghanima22 13.03.2012
Zitat von homerleinMan muss sich nur vorstellen was solche Milizen imstande sind. Wenn hier über Moral und Gerechtigkeit der Westen, über Risiken und rechtliche Aspekte bei eine Militäraktion diskutiert wird, vergessen viele um welche Art von Menschen es sich dabei handelt.
Ach was, die Syrische Version der Awakening Councils. Wer sagt denn, das die Syrer nicht lernfähig sind.
5. Handlanger des Todes
hubertrudnick1 13.03.2012
Zitat von sysopAPEinst verdingten sie sich als Erpresser, jetzt sind sie Schergen des Assad-Regimes: Die Milizen der Shabiha, benannt nach dem arabischen Wort für "Geist", verbreiten Angst und Schrecken in Syrien. Sie morden, foltern, brandschatzen - so schildern es Aktivisten. Wer sind die gefürchteten Kämpfer? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820984,00.html
Es sind die Handlanger einer untergehenden Macht, sie wollen mit ihrer Brutalität ihre Macht aufrechterehalten, es ist eine Schande das sich die Weltgemeinschaft darin so uneinig ist. Aber man muss auch dazu sagen, so sieht es aus wenn Leute ihre Macht verlieren und wer heute über Syrien schimpft, der sollte dann auch in andere Länder schauen, wo auch Despoten und Diktatoren sich über ihre Menschen stellen und wir aus der soganannten freien Welt machen mit all diesen Leuten nach wie vor gute Geschäfte. Ich bin mal gespannt, wenn sich in anderen, den sogenanten freien Länder ein Machtwechsel vollziehen würde, wie dann die bestehende Macht dann darauf reagieren würde. Schon heute werden in der freinen Welt die Menschen ausspioniert und überwacht und es nimmt immer mehr zu, wozu eigentlich? Wer die Freiheit liebt, der stellt dann aber seine Bürger nicht unter Generalverdacht und spioniert sie vorsorglich schon mal aus, aber dagegen wollen diese empörten Politiker die sich nun so künstlich aufregen nichts wissen. HR
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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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