Assads Gefängnisse In der Hölle wächst der Widerstand

Zehntausende Menschen sind seit Beginn des Aufstands in Syrien in die unterirdischen Gefängnisse des Regimes verschleppt worden. Zwei von ihnen erzählen von ihren Folterqualen in der Welt des staatlichen Terrors - und wie diese Erfahrungen den Widerstand gegen Baschar al-Assad stärken.

Von Ulrike Putz, Beirut

AFP/ YouTube

Früher war Abu Anas auf dem Mittelmeer zu Hause. In Sommerhitze und Winterstürmen malochte er an Deck syrischer Frachter, ein Hüne, ein echter Seebär, der mit 28 Jahren schon mehr von der Welt gesehen hatte als viele andere. Heute ist Abu Anas ein gebrochener Mann, der sich in der Kapuze seiner Windjacke verkriecht und so nervös ist, dass er seine glimmenden Zigaretten fallen lässt. Er erzählt zögerlich. Wenn er nicht weiter weiß, schüttet er sich Salz aus dem Salzstreuer des Cafés in die Hand, leckt es ab.

Abu Anas, wie sich der Seemann aus der Hafenstadt Banias nennt, ist einer von Hunderttausenden Syrern, die sich im vergangenen Frühjahr dem Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad anschlossen. Und er ist einer von Zigtausenden, die deshalb verhaftet wurden. Vor dem Aufstand saßen in Syrien etwa 4500 politische Gefangenen ein. Die Uno geht davon aus, dass heute 18.000 im Zuge der Proteste verhaftete Syrer aus politischen Gründen inhaftiert sind. Syrische Oppositionelle geben die Zahl der Verhafteten gar mit 100.000 an.

Nach Uno-Angaben sind zudem Tausende Syrer spurlos verschwunden. Ob sie in geheimen Camps interniert oder bereits in Massengräbern verscharrt sind, wird sich wohl erst herausstellen, wenn in Damaskus ein Regimewechsel stattgefunden hat.

Vier Monate durchlebte Abu Anas die Hölle des syrischen Knasts. Wenn es um ihre Gefängnisse geht, gelten die Syrer als Perfektionisten. Sie betreiben ihre Haftanstalten mit einem solch brutalen System, dass sich 40 Jahre lang kaum Widerstand gegen die Herrschaft der Assads regte.

Exil-Syrer berichten seit Jahren, dass jede Polizeiwache in der Heimat unterirdische Geschosse hat, die als Zellentrakt und Folterkeller dienen. Und dann sind da die großen, berüchtigten Kellergefängnisse, in denen Dissidenten teilweise jahrzehntelang verschwanden, ohne dass ihre Angehörigen wussten, ob sie noch am Leben waren. Allein in Damaskus gibt es nach Zählungen von Menschenrechtlern 14 dieser Einrichtungen.

Parallelwelt des Unrechts

Gesprochen wurde über diese Kellergefängnisse bislang nur im Flüsterton: Wer entkam, wollte nicht riskieren, wieder eingelocht zu werden. Doch seit Beginn des Aufstands sind Tausende durch diese Parallelwelt des Unrechts geschleust worden. Viele Freigelassene haben sich - wie Abu Anas - ins Exil geflüchtet und wagen es deshalb zu reden. Ihre Berichte werfen ein Licht auf die Schattenwelt, in der Syriens Andersdenkende darben.

Und was Abu Anas über seinen Leidensweg erzählt, ist schrecklich: Monatelang wurde er von Knast zu Knast geschleift, wurde gefoltert, gedemütigt, gerade noch am Leben erhalten. Er wurde das Opfer von Sadisten im Staatsdienst, traf aber auch Männer, die ihm Mut machten: Denn erst in der Haft begriff Abu Anas, dass der Aufstand gegen Assad inzwischen das ganze Land ergriffen hat. Hinter Gittern verfestigte sich seine Überzeugung, dass der Sturz des Regimes unausweichlich ist.

Seine Odyssee durch Assads Kerker begann am 8. Mai vergangenen Jahres. Seit Tagen hat es in seiner Heimatstadt Proteste gegen das Regime gegeben, nun will die Staatsmacht Ordnung schaffen. Armee-Einheiten stürmen das Zentrum von Banias, dabei wird Abu Anas angeschossen, Bauchschuss. Trotz eines Fluchtversuchs schnappen die Sicherheitskräfte den Schwerverletzten, bringen ihn ins staatliche Krankenhaus, in dessen Keller Abu Anas' Leidensgeschichte beginnt.

An ein Bett gekettet wird der junge Mann in seinen eigenen Exkrementen liegen gelassen. Ab und an bekommt er Wasser, doch meist urinieren die Soldaten auf ihn, wenn er um ein Getränk bittet. "'Trink von der Freiheit, die du forderst', sagten sie dann und schlugen mich", erzählt Abu Anas im libanesischen Exil.

Immer wieder kommen auch regimetreue Pfleger oder Ärzte in den Keller hinab, in dem inzwischen sieben Gefangene liegen. Doch anstatt Abu Anas' Wunde zu behandeln, rammen sie dem Wehrlosen alte Spritzen in den Leib, einfach so. Am vierten Tag bettelt Abu Anas darum, sterben zu dürfen. "Das hättest du wohl gern", kommt die Antwort. "Du wirst langsam sterben, erst foltern wir dich noch."

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Seite 1
Bhur Yham 06.03.2012
1.
Zitat von sysopAFP/ YouTubeZehntausende Menschen sind seit Beginn des Aufstands in Syrien in die unterirdischen Gefängnisse des Regimes verschleppt worden. Zwei von ihnen erzählen von ihren Folterqualen in der Welt des staatlichen Terrors - und wie diese Erfahrungen den Widerstand gegen Baschar al-Assad stärken. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819414,00.html
Haben dorthin nicht auch die Demokraten ihre Kunden geliefert, wenn die nicht gleich zugeben wollten, schlimme Terroristen zu sein? Im übrigen klingt der ganze Artikel so nach Fake, daß er schon wieder prima in die politische Landschaft paßt.
freiherrrabenstein 06.03.2012
2. Auge um Auge...
Zitat von sysopAFP/ YouTubeZehntausende Menschen sind seit Beginn des Aufstands in Syrien in die unterirdischen Gefängnisse des Regimes verschleppt worden. Zwei von ihnen erzählen von ihren Folterqualen in der Welt des staatlichen Terrors - und wie diese Erfahrungen den Widerstand gegen Baschar al-Assad stärken. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819414,00.html
...Zahn um Zahn. Sollten die syrischen Aufständischen ohne westliche Hilfe - und die ist ja im Moment nicht in Sicht - die Oberhand gewinnen, werden sie mit ähnlich harter Hand gegen die Assad-Getreuen vorgehen. Auch wenn dieses Agieren durchaus nachvollziehbar ist, zu einem Frieden im Land wird es wohl kaum beitragen. Und weil die Schergen des Regimes wissen, was sie bei einem Verlust der Macht zu befürchten haben, wird dieser Krisenherd noch lange nicht zur Ruhe kommen. Was allerdings nicht heißen soll, dass es mit westlicher Hilfe nach einem Sieg der Aufständischen wesentlich friedlicher zugehen wird -wie am Beispiel des gestürzten Gaddafi-Regimes zu erkennen ist.
leser_81 06.03.2012
3. Ok
Ein sehr einseitiger Artikel. Überprüfen lässt sich mal wieder nichts. Interessant: "Der 31-jährige Abu Amar studierte vor seiner Verhaftung Scharia, die islamische Gesetzgebung. " Genau das sind sind die Leute die nach der Macht streben und gegen Assad auf die Straße gehen. Die stärksten unterstützer Assads sind die Christen im Land. Der Irak und Libyen haben den dort Lebenden Christlichen Minderheiten gezeigt was Ihnen bevorsteht wenn Islamisten and die Macht kommen. Nämlich : Folter, Mord, Unterdrückung. Darum möchten die Christen mit allen Mitteln verhindern, dass Assad gestürzt wird.
sttn 06.03.2012
4. Es ist schlimm ...
Es ist schlimm was Menschen anderen Menschen antun und es ist wichtig das Spiegel-Online darüber berichtet. So wird erreicht das Regime wie Syrien an Unterstützung verlieren. Nur wundert mich eines: Nicht weit weg von Syrien, in Ägypten, werden Kopten massiv verfoglt und unterdrückt und wenn ich mir die Erzählungen von Frauen anhöre die von Salafisten und Moslembrüder zwangsislamistiert werden sollen, dann kann ich nicht erkennen das dies harmloser ist. Nur warum berichtet die deutsche Presse nicht darüber? Ist das Leiden dieser Frauen egal?
markus-f 06.03.2012
5. "In Syrien nichts neues .."
Zitat von sysopAFP/ YouTubeZehntausende Menschen sind seit Beginn des Aufstands in Syrien in die unterirdischen Gefängnisse des Regimes verschleppt worden. Zwei von ihnen erzählen von ihren Folterqualen in der Welt des staatlichen Terrors - und wie diese Erfahrungen den Widerstand gegen Baschar al-Assad stärken. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819414,00.html
Keine wirkliche Neuigkeit - diese Zustände in syrischen Gefängnissen sind spätestens seit den 1970ern bekannt. Erschreckend sind nur die Zahlen der momentan Inhaftierten. Aber in dne Augen vieler hier im Forum ist das alles nur US- und Medienpropaganda.. Macht aus Sicht der linken Assad-Freunde auch Sinn, waren es doch auch Stasi-Offiziere, die seinerzeit dieses Schreckengebilde mit aufgebaut haben.
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