Gerücht über Begrüßungsgeld Schlepper locken Tschetschenen nach Deutschland

Immer mehr Russen suchen in Deutschland Asyl - sie stammen überwiegend aus Tschetschenien. Warum sie kommen? Die deutschen Behörden sind ratlos. Menschenrechtler in Russland vermuten: Es geht um 4000 Euro und ein Stück Land.

Polizei und Soldaten in Grosny (Archivbild von 2010): Tschetschenen flüchten vor Armut und Unsicherheit nach Deutschland
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Polizei und Soldaten in Grosny (Archivbild von 2010): Tschetschenen flüchten vor Armut und Unsicherheit nach Deutschland

Von und , Moskau und Hamburg


Am Anfang war ein Gerücht. Die Menschen im russischen Nordkaukasus begannen, sich davon zu erzählen: Im fernen Berlin habe die Regierung die Pforten der sagenhaft wohlhabenden Bundesrepublik Deutschland weit geöffnet - und zwar vor allem für Flüchtlinge aus Tschetschenien, einer Teilrepublik Russlands. Von einem "Korridor" für 40.000 Tschetschenen war die Rede.

Journalisten einer Zeitung, die der tschetschenischen Regierung gehört, riefen bei der deutschen Botschaft in Moskau an. Die Vertretung verneinte den angeblichen Korridor nach Deutschland. Aber in Tschetschenien ist ein Gerücht manchmal stärker als das Wort eines Diplomaten - und erst recht als das eines Regierungsjournalisten.

Die Folgen sind nun in der deutschen Asylstatistik zu sehen. Seit Monaten registrieren die Bundesbehörden einen sprunghaften Anstieg von Antragstellern aus Russland. 9957 waren es nach Angaben des Bundesinnenministeriums allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres. Im gesamten Vorjahr waren es dagegen gerade einmal 3202 russische Flüchtlinge gewesen. Zum Vergleich: Aus dem Bürgerkriegsland Syrien kamen im ersten Halbjahr 4517 Asylsuchende nach Deutschland.

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Grafische Darstellung: Asylbewerber in Deutschland
Nach eigenen Angaben erfassen die deutschen Behörden die ethnische Zugehörigkeit von Asylbewerbern nicht. Informationen geben sie dazu nur ungern heraus. Man wisse ja nicht, ob die Angaben der Flüchtlinge überhaupt stimmten. Hinter vorgehaltener Hand bestätigen sie dann doch: Die überwiegende Mehrheit der russischen Asylsuchenden stamme aus Tschetschenien.

Warum die Tschetschenen verstärkt kommen? Die Bundesbehörden geben an, es nicht zu wissen. Es sei aber nicht auszuschließen, dass die seit 2012 zu zahlenden erhöhten Leistungen zu den steigenden russischen Asylbewerber-Zahlen beigetragen haben, heißt es aus Regierungskreisen. Im Juli vergangenen Jahres hatte das Bundesverfassungsgericht geurteilt, dass die staatlichen Leistungen für Asylbewerber ungefähr auf das Niveau von Sozialhilfe und Hartz IV erhöht werden müssen. Ein Grund, der freilich für Flüchtlinge aus allen Ländern gilt.

Gerüchte über Begrüßungsgeld von 4000 Euro

Swetlana Gannuschkina, Flüchtlingsexpertin der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial, weiß es genauer. Mitarbeiter hatten Gannuschkina im April zum ersten Mal von dem Gerücht in Tschetschenien berichtet: "Da war die Rede von 4000 Euro, die Deutschland jedem tschetschenischen Flüchtling geben wolle, und etwas Land."

Gannuschkina erzählt von Dörfern, in denen sich die Bewohner ganzer Straßenzüge geschlossen in den Bus nach Westen setzten. Professionelle Schlepper hätten die Versprechen in die Welt gesetzt, erzählt die Menschenrechtlerin.

Das Gerücht fand im Nordkaukasus fruchtbaren Boden. Tschetschenien hat zwei Kriege hinter sich. 1994 und 1999 kämpften russische Truppen gegen Separatistenverbände der selbsternannten Tschetschenen-Republik Itschkerija. Im zweiten Feldzug schlugen die Truppen von Wladimir Putin die Rebellen brutal nieder. Russische Soldaten und der Geheimdienst misshandelten und entführten Zivilisten. 2004 sprengten islamistische Rebellen Moskaus Statthalter in die Luft, Tschetscheniens Präsidenten Achmat Kadyrow. Dann folgte sein Sohn.

"Die Angst hat die Menschen im Griff"

Ramsan Kadyrow hat selbst auf der Seite der Russen im Krieg gekämpft. Er soll gefoltert und gemordet haben, warf ihm ein ehemaliger Bodyguard vor. Der Leibwächter wurde 2009 in Wien auf offener Straße erschossen. Ramsan Kadyrow hat die Rebellen gejagt, und Tschetschenien ist inzwischen ruhiger als die Nachbarrepubliken Dagestan und Inguschetien, in denen Islamisten nahezu jede Woche Polizisten und Militärs angreifen.

Aber Kadyrow herrscht mit harter Hand. "Frauen ohne Kopftuch werden Ziel von Übergriffen, Studentinnen in Jeans oder mit entblößten Ellbogen dürfen an Vorlesungen nicht teilnehmen", sagt Memorial-Mitarbeiterin Gannuschkina. "Familien schicken ihre Töchter nicht mehr zur Uni und verstecken sie zu Hause, aus Angst, Männer der Kadyrow-Garden könnten Gefallen an ihnen finden." Entführungen gebe es immer noch - aber niemand traue sich mehr, sich bei Menschenrechtlern darüber zu beklagen, so Gannuschkina. "Die Angst hat die Menschen im Griff, deshalb glauben so viele dem Gerücht."

Über Polen nach Deutschland

Es treibt die Tschetschenen aus ihrer Heimat - meist flüchten sie in die Ukraine. Von dort geht es weiter über die EU-Grenze nach Polen und Deutschland. Meist in Gruppen, organisiert von Schleusern, reisten die Flüchtlinge illegal ein, erzählen Menschenrechtler. In der Regel seien es junge Familien mit vielen kleinen Kindern, berichtete die Bundespolizei in Frankfurt/Oder im April.

Ihre Chance auf Asyl in Deutschland? 24 Prozent der russischen Flüchtlinge haben im ersten Quartal 2013 einen positiven Bescheid bekommen, das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei hervor. "Wenn fast jeder Vierte bereits anerkannt wird, dann gibt es ja offenbar einen erheblichen Verfolgungsdruck und massive Menschenrechtsverletzungen", sagt Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Proasyl.

Allerdings befürchten er und andere Menschenrechtler, dass die Behörden nun - wie bei den Asylsuchenenden aus den Balkanländern - Schnellverfahren einführen könnten. "Husch-Husch-Entscheidungen mit hoher Ablehnungsquote", damit die Behörden ein Exempel statuieren könnten, wie Mesovic sagt.

"Sie suchen ein gutes Leben"

In Tschetschenien reagierte die Regierungszeitung "Westi Respubliki" Mitte Mai, sie verdammte den großen Strom der Auswanderer. Seien die Tschetschenen während der Kriege noch vor "Explosionen, massenhaften Säuberungsaktionen und Entführungen geflohen, haben sie heute andere Gründe: Sie suchen ein gutes Leben", heißt es in einem Artikel. Dabei habe noch kein einziger Tschetschene etwas gesehen von den angeblichen "Beihilfen, Wohnungen und Autos", die in Deutschland nur darauf warteten, dass Flüchtlinge sie abholen würden.

Genutzt hat dies nichts. Hunderte sind dennoch gefahren, und Hunderte werden ihnen folgen - bis das Gerücht irgendwann an Kraft verliert.

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