Atom-Verhandlungen mit Iran Die Uhr tickt, die Welt hofft

In Lausanne gehen die Verhandlungen um ein Atomabkommen mit Iran in die entscheidenden Stunden. Welche Folgen hätte eine Einigung - Entspannung im Nahen Osten oder ein nukleares Wettrüsten?

Verhandler in Lausanne: Die selbst gesetzte Frist für ein Grundsatzabkommen läuft um Mitternacht ab
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Verhandler in Lausanne: Die selbst gesetzte Frist für ein Grundsatzabkommen läuft um Mitternacht ab

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Zwölf Jahre dauerten die Verhandlungen über das iranische Nuklearprogramm, trotzdem kommt es in Lausanne auf Minuten an. Bis zuletzt feilschen die Verhandlungspartner um Details: die genaue Anzahl von Zentrifugen, den exakten Anreicherungsgrad von nuklearem Material, um Fristen und Formulierungen. Nun könnte sich Iran mit den fünf Uno-Vetomächten und Deutschland auf ein Atomabkommen einigen, in Lausanne hat am Morgen die wahrscheinlich entscheidende Gesprächsrunde begonnen.

Doch was würde das detailreiche Vertragswerk für das große Ganze bedeuten? Wie veränderte der Deal die Machtverhältnisse im Nahen Osten? Und wie dürften Irans Nachbarn reagieren?

  • Iran - Wie Rohani triumphiert

Der erfolgreiche Abschluss der Verhandlungen wäre ein Erfolg für den iranischen Präsidenten Hassan Rohani. Er war im Wahlkampf 2013 mit dem Versprechen angetreten, sein Land aus der Isolation zu führen und die Beziehungen zum Westen zu verbessern. Nun sieht es so aus, als würden er und Außenminister Mohammad Javad Zarif liefern. Das stärkt Irans Reformer gegenüber dem konservativen Lager, das auf Konfrontation mit dem Westen setzt.

Die internationalen Sanktionen haben der iranischen Wirtschaft geschadet, besonders der wichtigen Öl- und Gasindustrie. Deshalb kann Teheran derzeit zum Beispiel das große Gasfeld Südpars nicht effektiv ausbeuten. Mit Aufhebung der Strafmaßnahmen könnten wichtige Ausrüstungsgüter wieder importiert und Industrieanlagen modernisiert werden; Unternehmen aus Europa könnten im Land investieren. Iran hat mehrere Pipelines geplant, um Gas zu exportieren. Nun steigen die Chancen, dass diese Vorhaben auch umgesetzt werden.

Irans Außenpolitik dürfte sich durch einen Deal kaum verändern. Schon jetzt hat Teheran maßgeblichen Einfluss auf den Kurs der Regierungen im Libanon, in Syrien und im Irak. Zudem unterstützt das Regime die Huthi-Bewegung, die große Teile des Jemen kontrollieren. Im Irak verfolgen die USA und Iran im Kampf gegen den "Islamischen Staat" derzeit dieselben Interessen, in den Bürgerkriegen in Syrien und im Jemen kämpfen ihre Verbündeten gegeneinander. Daran wird auch das Atomabkommen nichts ändern.

  • Israel - Wie Netanyahu toben wird

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu war der größte Gegner eines Abkommens mit Iran. Den Beteuerungen aus Teheran, man strebe nicht nach Atomwaffen, glaubt er nicht.

Einen möglichen Militärschlag gegen Irans Nuklearanlagen müsste Israel nach Abschluss eines Abkommens gegen den ausdrücklichen Willen der USA durchführen. Das ist zwar unwahrscheinlich, angesichts des abgekühlten Verhältnisses zu Barack Obama aber auch nicht ausgeschlossen. Netanyahu verfügt selbst über ein Atomwaffenarsenal, das nicht von internationalen Beobachtern kontrolliert wird; mehrfach hat er seine Bereitschaft erklärt, im Alleingang gegen Iran zu handeln.

In den vergangenen Jahren sind mehrfach iranische Atomwissenschaftler und andere Mitarbeiter an Teherans Nuklear- und Raketenprogramm getötet worden. Zudem sabotierte 2010 der Computerwurm Stuxnet die Leittechnik in mehreren iranischen Anlagen. Höchstwahrscheinlich stecken israelische Geheimdienste dahinter. Teheran wird auch nach Abschluss eines Abkommens mit weiteren Sabotageakten rechnen müssen.

  • Saudi-Arabien - Wie das Königshaus um Einfluss ringt

Saudi-Arabien als größter regionaler Rivale Irans sieht das mögliche Abkommen mit großer Skepsis. Erst vor wenigen Tagen brachte das Königshaus die Entwicklung eigener Nuklearwaffen ins Spiel. Diesbezüglich hat Riad bereits Kontakte zur Atommacht Pakistan geknüpft.

Im vergangenen Jahr ließ Saudi-Arabien bei einer Militärparade bereits Mittelstreckenraketen auffahren, die auch Ziele in Teheran treffen könnten - und die mit Atomsprengköpfen bestückt werden können.

In den vergangenen Tagen hat die Golfmonarchie bereits deutlich gemacht, dass sie Irans wachsenden Einfluss in der arabischen Welt zurückdrängen will. Erst schmiedete Riad eine Koalition aus zehn sunnitischen Staaten, die eine Militäroperation gegen die von Teheran unterstützte Huthi-Miliz im Jemen startete.

Entscheidend wird sein, wie das Abkommen von Lausanne in den kommenden Monaten und Jahren umgesetzt wird. Wird sich Iran ans Vertragswerk halten und die versprochene Transparenz zeigen? Dann kann der Deal tatsächlich für eine teilweise Entspannung im Nahen Osten sorgen. Sollten sie hingegen die israelischen Zweifel an der Ehrlichkeit des Regimes bestätigen, droht tatsächlich ein nukleares Wettrüsten in der Region.

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Mondaugen 31.03.2015
1. Chance
Der Abschluss des Abkommens böte zumindest die Chance auf konstruktivere Zusammenarbeit im Nahen Osten. Natürlich zeigt sich die Ernsthaftigkeit erst in der Umsetzung. Die Interessen der Mehrheit der iranischen Bevölkerung sind eben nicht Krieg und Zerstörung, sondern friedliche Weiterentwicklung des Landes. Ein saudisches Atomprogramm wäre bei der allgegenwärtigen Islamistengefahr in diesem Land dagegen höchst gefährlich.
it--fachmann 31.03.2015
2. Saudi-Arabien oder der Iran?
Das ist für uns eine historische Entscheidung Schwere Menschenrechtsverstöße begehen beide Staaten. Aber ich glaube über kurz oder lang, werden wir mit den Persern die zuverlässigeren Partner haben. Die Saudis geben sich zwar zwar zivilisiert und rechtstaatlich, sind es aber nicht. Willkürliche Verhaftungen, Enthauptungen und Amputationen nach islamischen Recht, sollten uns vorsichtig machen mit diesem Land. Iran hingegen hat schon vor tausenden von Jahren eine Deklaration der Menschenrechte veröffenlicht. Dieses Land ist entwicklungsfähig, obwohl dort zur Zeit verbohrte Mullas herrschen. Saudi-Arabien ist keinesfalls entwicklungsfähig. Es wird den selben Weg nehmen wie nun der Jemen, wenn das Öl mal ausgeht.
ingofischer 31.03.2015
3. Hoffnung auf Entspannung
Kann man nur hoffen, dass die Einigung eine Enspannung in den Beziehungen zum Iran und zur Stärkung der "westlich ausgerichteten" Regierung führt. Die Gefahr neuer Machtkämpfe in der Region um Einfluss und Rohstoffzugänge sehe ich jedoch ebenso wahrscheinlich.
Ureinwohner2.0 31.03.2015
4. Warum hofft die WELT?
Hat der Iran jemals in seiner jüngeren Geschichte (sagen wir mal 2000 Jahre) eines seiner Nachbarländer überfallen und mit Atombomben um sich geworfen oder chemische oder biologische Massenvernichtungswaffen in seinen Verteidigungskriegen angewendet? Soweit ich weiß NIE. Warum sollte also NUN die WELT HOFFEN? Ich kenne nur ein einziges Land, dass die A-Bombe im Krieg angewendet hat. Anfang August 1945; zwei mal auf Städte im Fernen Osten. Kennen Sie liebe Forumsteilnehmer auch dieses Land?
hei-nun 31.03.2015
5. Sanktionen
Ich bin zwar nach wie vor skeptisch, dass es noch klappt, würde aber ein Abkommen sehr begrüßen, da es die Welt sicherer machen würde. Aber eines muss ich auch mal loswerden: Dieses Abkommen war dann nur möglich, weil die Sanktionen gegen den Iran gegriffen haben. Das an die Adresse der vielen Sanktionsgegner (z. B. auch im Ukraine-Konflikt).
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