Atom-Gutachten "Nicht zumutbare" Strahlung in La Hague und Sellafield

Umweltschützer sehen ihre Kritik bestätigt: In den Wiederaufarbeitungsanlagen La Hague und Sellafield wird weit mehr Radioaktivität freigesetzt als bisher angenommen. Nach deutschem Atomrecht wären die Anlagen illegal.


Techniker in La Hague untersuchen einen deutschen Castor-Behälter
AFP

Techniker in La Hague untersuchen einen deutschen Castor-Behälter

Mainz/Berlin - Der deutsche Grenzwert wird in der französischen Anlage um das Siebenfache überschritten, in Großbritannien liegt die Strahlung zwanzigmal höher als in Deutschland erlaubt. Das ergab eine von Bundesumweltminister Jürgen Trittin in Auftrag gegebene Studie, über die das ARD-Magazin "Report Mainz" berichtete.

Die Studie der Autoren Antje Benischke und Christian Küppers, die beim Ökoinstitut in Darmstadt beschäftigt sind, lag dem Bundesamt für Strahlenschutz bereits im Februar 2000 vor. Ihre Ergebnisse wurden aber erst jetzt öffentlich. Der ARD sagte Küppers, die Anlage in Sellafield sei keinesfalls auf dem Stand der heutigen Technik.

So könnte durch Nachrüstung die Freisetzung radioaktiver Nuklide um den Faktor 10.000 reduziert werden. Küppers wies aber darauf hin, dass die britischen Grenzwerte höher liegen als die deutschen und eingehalten werden.

Noch 1890 Tonnen Atom-Müll aus Deutschland

Ein Sprecher des Umweltminister sagte, die Ergebnisse der Studie belegten nochmals, dass die Wiederaufarbeitung kein geeigneter Weg sei, um Atommüll zu entsorgen. Man habe aber keine rechtliche Handhabe, um die Transporte in die Wiederaufarbeitung schon jetzt zu stoppen.

Der Sprecher verwies auf die Atomrechtsnovelle der Bundesregierung, nachdem die Transporte zum 1. Juli 2005 verboten werden sollen. Bis dahin will die Regierung nach dem "Report"-Bericht rund 1250 Tonnen deutschen Atommüll nach La Hague und rund 640 Tonnen nach Sellafield transportieren lassen.

Grüne: Verträge schnell kündigen

Die Ergebnisse der Studie lösten zum Teil heftige Kritik aus. Der stellvertretende Vorsitzende der Strahlenschutzkommission, Wolfgang Köhnlein, sagte "Report Mainz", die Strahlenbelastung sei nicht zumutbar und berge Gesundheitsgefahren für die Menschen, die in der Umgebung wohnen.

Der Kasseler Atomrechtsexperte Alexander Roßnagel äußerte Zweifel an der Legalität deutscher Atommülltransporte in beide Anlagen. Deutsche Betreiber seien laut Atomgesetz verpflichtet, die Entsorgung schadlos durchzuführen. Diese Schadlosigkeit sei durch die Studie in Frage gestellt.

Die niedersächsische Grünen-Fraktionsvorsitzende Rebecca Harms forderte, die deutschen Verträge zur Wiederaufarbeitung so schnell wie möglich zu kündigen.



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